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Buchtipps für Fans der Fourth Wing-Reihe

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Bereit für das nächste große Leseabenteuer? Dann folge unseren Held:innen in aufregende Welten voller Magie, Spannung und prickelnder Romantik.

Bitterer Verrat, feuriger Hass und unwiderstehliche Liebe

Der neue Enemies to Lovers-Roman aus dem Originalverlag von „Fourth Wing“

Blick ins Buch
BloodguardBloodguard

Roman

Bitterer Verrat, feuriger Hass und unwiderstehliche Liebe: der neue Enemies to Lovers-Roman aus dem Originalverlag von „Fourth Wing“

Alles in diesem Königreich ist eine Lüge.

Einst dachte Leith, dass er durch Gladiatorenkämpfe genug Geld verdienen könnte, um seine sterbende Schwester zu retten. Doch die Versprechen um die blutigen Spiele, in denen nur die Stärksten gewinnen, sind eine Illusion. Sie nahmen ihm alles: seine Hoffnung, seine Freiheit, seine Menschlichkeit.

Als er plötzlich die Chance erhält, als Bloodguard all dies zurückzugewinnen, muss er sein Schicksal in die Hände der adeligen Elfe Maeve legen. Leith hat allen Grund, die Elfenelite zu verachten. Er sollte Maeve hassen. Doch die Prinzessin fasziniert ihn.

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Blick ins Buch
GodkillerGodkiller

Roman

Zeitgenössisch und episch: Die neue fesselnde High Fantasy-Reihe mit modernem Twist

Eine Frau, die Götter tötet, ein brotbackender Ritter, und ein adeliges Mädchen mit einem Gott im Gepäck.

Die unaufhaltsame Kyssen hat sich das Töten von Göttern zu ihrem Beruf gemacht. Doch eines Tages trifft sie auf einen Gott, den sie nicht töten kann: Skedi, der Gott der Notlügen. Er ist an das junge adelige Mädchen Inara gebunden, das ohne ihn sterben würde. Gemeinsam müssen sie nach Blenraden reisen – die letzte Stadt, in der es noch wilde Götter gibt. Der ehemalige Ritter Elogast hat dasselbe Ziel, aber auch ein großes Geheimnis: In seinen Händen liegt das Schicksal des Landes. Nichts ahnend, was im Herzen von Blenraden lauert, tritt die ungleiche Gruppe ihre Reise an …

#1 Sunday-Times-Bestseller und TikTok-Sensation

„Düster, gewaltig und unglaublich fesselnd.“ – The Fantasy Hive

„Kaners Debüt hat alles, was Fantasy Fans sich wünschen und noch mehr: Es ist voll von Blutbädern, Dämonen und Magie, während zeitgenössische Werte und Inklusion zelebriert werden.“ – Financial Times

“Ein wundervolles, gewaltiges und explodierendes Debüt, welches im Kern eine klassische Quest mit einem ungleichen Trio trägt.“ – Daily Mail

Band 1: Godkiller
Band 2: Sunbringer

KAPITEL 1

Kyssen


Es war schwer, einen Gott in seinem Element zu töten. Daran erinnerte sich Kyssen bei jedem verfluchten Schritt, den sie die steilen, hügeligen Hänge des mittelwestlichen Middren hinaufstapfte, Talicias einst mächtigerem Nachbarn. Bis es seine östliche Handelsstadt Blenraden und die Hälfte seiner Bewohner an zänkische Götter verloren hatte. Schrecklich für Middren, aber gut für die Geldbörsen von Godkillern wie Kyssen.

Die Luft war frisch und kühl am Morgen. Middren hatte gerade erst angefangen, den Griff des Winters abzuschütteln. Obwohl ihr rechtes Bein zum Wandern gebaut war und sie ihr Knie doppelt bandagiert hatte, spürte sie bereits, wie sich dort, wo ihre Prothese auf ihrem Fleisch saß, Blasen bildeten. Die würden ihr später eine Welt voller Schmerzen bereiten.

Der schmale Weg durch den Wald war von Schlamm und halb gefrorenem Eis überzogen, aber Kyssen erkannte hier die Form eines Fußes im Moos, einen umgedrehten Stein dort und an einigen Stellen sogar Blutstropfen, die ihr sagten, dass dies der richtige Weg war. Das war die Art von Pfad, auf dem die Menschen beteten.

Trotz ihrer Geschicklichkeit als Spurensucherin war die Sonne schon halb aufgegangen, als sie die Markierung endlich fand: eine Reihe weißer Steine am Rande des Pfades, wo der Boden sich zu einem nahen Bach senkte. Eine Schwelle. Sie lockerte die Schultern und holte tief Luft. Vielleicht hätte sie diesen Gott in einen kleineren Schrein locken können, doch das hätte Zeit und Geduld erfordert. Beides hatte sie nicht.

Sie überschritt die Grenze.

Die Geräusche veränderten sich. Verstummt war das Vogelgezwitscher des frühen Morgens und verschwunden der Duft von Blättern und Mulch. Stattdessen hörte sie Wasser rauschen, spürte Tiefe und kalten Stein und roch die schwachen Spuren von Weihrauch in der Luft – und Blut.

Es war schwieriger, einen Gott zu töten, als einen zu erschaffen. Selbst eine frischgeborene Göttin wie diese hier, die nur ein paar Jahre alt war. Noch schwieriger war es, einen Gott mit einer Münze oder einer Perle zu locken, wenn er erst einmal Geschmack an Opferungen gefunden hatte.

Der Geruch von Weihrauch wurde stärker, als Kyssen sich vorsichtig am Ufer entlangbewegte. Der Gott wusste, dass sie hier war. Sie blieb auf den Steinen des Ufers stehen, gab sich den Schmerzen in ihren Beinen, der Kälte des Morgens und dem scharfen Zwicken der Blasen hin. Sie zückte ihr Schwert nicht, noch nicht. Der Fluss war seicht, aber die Strömung war stark, und auf dem Wasser trieb weißer Schaum von den nahe gelegenen Wasserfällen.

Die Luft wurde kühler.

Du bist hier nicht willkommen, Godkillerin. Die Gedankensprache der Götter war schlimmer, als eine Nadel in den Schädel zu bekommen. Es fühlte sich an, als würde ihr Geist zerrissen, wie eine Invasion.

„Du bist gierig gewesen, Ennerast“, erwiderte Kyssen. Die Luft zischte. Namen besitzen Macht, und die Götter spürten den Zug ihres Namens wie einen Haken in ihren Rippen, der sie ins Freie zog. Aber Ennerast ließ sich nicht allein durch ihren Namen herauslocken.

Es war nur ein bisschen Blut, sagte Ennerast, nur ein oder zwei Kälber. Keiner von der Brut der Menschen.

„Komm schon, du hast sie ausgehungert, bis sie sie dir gegeben haben“, sagte Kyssen, die ihren Blick umherschweifen ließ und ihre Umgebung prüfend musterte. „Du hast ihre Gewässer mit Krankheiten verseucht. Du hast ihre Kinder und ihre Ältesten an deine Ufer gezerrt und ihr Leben bedroht.“ Wo sie stand, hatte sie nur wenig Vorteile. Der Fluss plätscherte gegen ihre Stiefel.

Wirklich, die Siedlung hier hätte schon früher eine Veiga rufen sollen. Kein Anführer einer Stadt von der Größe Ennertons, der etwas auf sich hielt, hätte eine Gottheit so lange leben lassen sollen, dass sei so mächtig wurde. Obwohl Schreine verboten waren, tauchten immer wieder Götter auf. Wesen mit Macht, Geister, denen die Liebe und die Angst der Menschen Kraft und Willen verliehen, bis sie stark genug waren, um sie auszubeuten. Menschen waren törichte Geschöpfe, und Götter waren grausam.

„Du hast ihnen Schaden zugefügt“, sagte Kyssen. Das Wasser zu ihren Füßen strömte nicht mehr, sondern wirbelte stattdessen gegen das Ufer.

Das ist mein Recht. Ich bin eine Gottheit.

„Ha.“ Kyssen lachte humorlos. „Du zehrst von den Verängstigten, Ennerast. Du bist eine Ratte, und ich bin deine Fängerin.“

Kyssen griff in ihren Wachswollmantel und fuhr mit den Fingern über ihre Taschen mit Reliquien und Totems, Werkzeugen und Weihrauch, den Tricks ihres Handwerks. Sie erkannte an den kleinen geriffelten Markierungen auf dem Gefäß, was sie suchte, schob ihren Fingernagel unter den Korken und hob ihn ab. In dem Gefäß befand sich ein zusammengerolltes, beschriebenes Stück Leder.

Die Luft um sie herum war aufgeladen, als wäre sie nervös und aufgeregt. Das Wasser begann zu schäumen.

Was ist das?

Kyssen vermochte nicht zu spüren, was Götter wahrnehmen konnten: Angst, Hoffnung, Verzweiflung; Gefühle, mit denen sie gerne spielten, die ihnen aber gleichgültig waren. Sie wusste jedoch, was Götter antrieb, wonach sie sich sehnten. „Es ist ein Gebet“, sagte sie, ohne es loszulassen.

Ich will es haben.

„Das Gebet eines jungen Mannes aus einem fernen Dorf.“ Kyssen drückte den Daumen auf den Korken. „Er möchte vor der Dürre und den Bränden in seinen Wäldern gerettet werden, um seine Ernte und seine Tiere zu retten. Er sehnt sich verzweifelt nach Wasser.“

Gib es mir.

„Er verspricht alles, Ennerast.“ Kyssen lächelte. „Alles.“

Meins.

Das Wasser schoss in die Höhe und verwandelte sich in einen grünen Sturzbach, mit einem Kopf so glatt wie Stein und von Unkraut überwucherten Armen. In der Mitte, in einem Torso aus fließendem Wasser, befand sich eine dunkle Masse: ein Herz aus Blut. Sie griff nach Kyssen, die ihren Stand sicherte und mit einer einzigen fließenden Bewegung ihre Klinge zog und Ennerasts Finger abtrennte. Die Gottheit schrie auf, zog sich zurück, und Wasser bildete sich dort neu, wo ihr Flussfleisch zerfetzt worden war.

„Es brennt“, sagte sie laut, mehr überrascht als verletzt. Ihre Augen waren flach und grau wie Kieselsteine. Das Schwert war leicht und härter als Stahl, strapazierfähig, geschmiedet aus einer Mischung aus Eisen und Bridhid-Erz, wie Kyssens Bein. Es konnte die Materie eines Gottes ebenso zuverlässig zerschneiden wie die eines Menschen, von der kleinsten Gottheit der Verlorenen Dinge bis zum großen Gott des Krieges. Eine Gottheit wie Ennerast, die sich erst kürzlich in diesem Gebirgsfluss manifestiert hatte, war noch nie von einer Briddite-Klinge verletzt worden.

Die Gottheit fletschte ihre Fischgrätenzähne und schlug gegen das Ufer unter Kyssens Füßen. Es gab nach, und Kyssen stürzte in den Fluss. Sie versuchte aufzustehen, aber das Unkraut schlang sich um ihre Handgelenke und zog sie tiefer hinab. Das Wasser drang in ihren Mund und ihre Nase und weiter in ihre Lunge.

Kyssen schob ihr Schwert vorwärts, gegen das Unkraut, und rammte die Klinge in das Flussbett. Sie traf auf einen Stein und hielt stand. Ihr rechtes Bein rammte sie hart nach unten und gewann etwas mehr Stabilität. Mit aller Kraft riss sie ihre Klinge aus dem Wasser und durchtrennte mit der Schneide Strömung und Unkraut. Dann bäumte sie sich auf und schlitzte Ennerasts Arm auf, als die Gottheit versuchte, sie unter Wasser zu drücken.

Ennerasts Fleisch fiel in einer Kaskade von Wasser in den Fluss. Sie kreischte, die Strömung wurde schwächer, und Kyssen sah, wonach sie suchte. Hinter dem Wasserfall blitzten ein Knochen, ein farbiges Band und ein Stein auf: der Schrein des Flussgottes. Ennerast war keine alte Gottheit mit vielen Schreinen, vielen Gebeten. Die konnten nach Lust und Laune die Welt bereisen. Sie war eine neue Gottheit, und obwohl sie in der Wildnis geboren war, brauchte sie ihren Schrein zum Leben.

Kyssen ließ Ennerast keine Zeit, sich neu aufzustellen. Sie sprang vor und hob ihre Klinge zum Schlag.

Ennerast tappte in die Falle. Sie tauchte ab, um ihr Heiligtum zu schützen, und Kyssen drehte sich im letzten Moment um, drehte sich im Kniegelenk und riss das Schwert mit aller Kraft hoch.

Es bohrte sich durch Ennerasts dunklen Torso und direkt in die blutige Masse ihres Herzens. Die Gottheit brüllte wie ein Damm, der tosend brach. Sie schnappte nach Kyssens Schwerthand und packte sie so fest, dass sie ihr fast die Knochen zermalmte.

„Bitte“, flehte Ennerast. „Lass mich leben, Veiga, vielleicht hast du noch Verwendung für mich.“

„Ich brauche keine Götter“, erwiderte Kyssen.

„Das sagt eine, die das Versprechen von Osidisen noch im Herzen trägt.“

Das Wasser war ein Verräter von Geheimnissen; Geschichten wurden vom Tropfen bis zum Wolkenbruch weitergegeben, vom Rinnsal bis zum Meer. Nichts konnte das Geschwätz einer Wassergottheit aufhalten.

„Ich kann dich davon befreien, weißt du“, sagte Ennerast, beugte sich über die Klinge und schob ihr Gesicht dicht an das von Kyssen. „Von dem Versprechen, den Narben, den Erinnerungen.“ Sie strich Kyssen über die Wange.

„Mächtigere Götter als du haben mir Angebote gemacht, Ennerast“, sagte Kyssen, „und ich habe sie trotzdem getötet.“

Ennerast zischte. „Dann verfluche ich dich!“, schrie sie. „Ich …“

Kyssen riss ihr Schwert in einem Schwall aus Blut und stinkendem feuchtem Wasser aus der Seite der Gottheit, und der Schrein hinter dem Wasserfall zerbarst. Ennerast gab keinen Laut von sich, als ihr Fleisch in die Strömung zurückfiel und im Fluss Ennerun versank. Sie gab ihn frei, für die Stadt und die Dörfer, die er speiste, zum Gedeihen oder Untergang. Aber es gelang ihr, Kyssen einen letzten Stich ins Herz zu versetzen.

Wenn Middren an die Götter fällt, wird eure Art die erste sein, die stirbt.

Die Geräusche des Flusses verstummten, und der süßliche Duft von Weihrauch wurde wieder von dem nach Lehm und Feuchtigkeit überlagert. Der Gesang der Vögel kehrte zurück.

Kyssen zitterte. Sie war bis auf die Knochen durchnässt, doch ihre Arbeit war noch nicht getan. Die Gottheit war tot, aber Götter konnten zurückkommen. Der Schrein war ihre Erinnerungen, ihre Opfer, ihr Anker in der Welt.

Kyssen näherte sich dem Schrein. Er war beschädigt, doch nicht völlig zerbrochen. Zwei Tierschädel waren zersplittert. Die meisten Gottheiten verlangten eher Tieropfer als Menschenopfer. Kyssen raffte die Trümmer zusammen und warf sie zum Verrotten in den Wald. Der Weihrauch war zerbröckelt, aber die Asche war übrig geblieben. Sie schüttete etwas davon in eine kleine Glasphiole und warf den Rest in das Wasser. Viele der anderen Gaben an Ennerast waren noch intakt. Genug, um sie wieder zum Leben zu erwecken, wenn sie verschont würden. Kyssen behielt einen gewebten Seidenstreifen, handgefertigt, mit einem Gebet in der Weberei und Blut, das mit den Fäden vermischt war. Ein Liebesgesuch, wie es aussah. Sehr verlockend für eine Gottheit. Von den anderen Gebeten lohnte sich kaum eines, aufbewahrt zu werden. Kyssen schichtete die Überreste des Schreins auf und zündete sie an, weit weg vom Wasser und in einem Ring aus Steinen. Sorgfältig beobachtete sie, wie der behelfsmäßige Scheiterhaufen zu Asche verbrannte.

Sie behielt nur noch einen weiteren Gegenstand: ein Totem aus Kalkstein, geschnitzt mit einem Kopf, hohen Wangenknochen und flachen Augen. Etwa so groß wie ihre eigene Handfläche. Es war in der Mitte geborsten, als Ennerast starb, aber die Gottheit hatte das als Vorbild für ihre Gestalt genommen.

Kyssen stank nach Dampf, Schlamm und Teerrauch, als sie schließlich ihr Pferd vom Fuß des Bergpfades holte und den langen Weg zurück in die Stadt Ennerton und zu dem Vogt ritt, der sie gerufen hatte. Vogte waren aufgeblasene Verwalter, die in Städten und Gegenden eingesetzt wurden, um sich um die Geschäfte des Adligen zu kümmern, dem das Land gehörte. In diesem Fall war es das Haus Craier. Kyssen kümmerte sich nicht darum, wem welcher Flecken Schlamm gehörte, solange das Silber rein war.

Kyssen klopfte an die Tür des Amtssitzes. Die ältere Frau, die ihr öffnete, begrüßte sie mit einem finsteren Blick und rieb sich Tuscheflecken von ihrer dunkelolivfarbenen Haut.

„Ihr Veiga solltet die Hintertür benutzen“, sagte sie.

Kyssen lächelte und zeigte ihren Goldzahn. Vor dem Krieg um Blenraden galten die Godkiller kaum mehr als Attentäter oder Kammerjäger. Kyssen und die Veiga, die sie ausgebildet hatte, waren unter der Hand bezahlt worden. „Heutzutage haben wir den Segen des Königs“, gab Kyssen zurück. „Oder wollt ihr es mit den Toten von Blenraden aufnehmen?“

Die Frau errötete und ließ sie durch die Tür, und Kyssen warf ihr einen spöttischen Kuss zu. Heutzutage musste sie nicht mehr so tun, als sei ihre Berufung eine Sünde.

Der Vogt kontrollierte gerade die Kassenbücher in seinem Büro. Er saß an einem großen Eichenschreibtisch, der stolz vor einem bunten, gerahmten Bild von König Arren stand. Er blickte mürrisch auf, als sie eintrat, und die klappernden Kupferohrringe in seinem linken Ohr glitzerten im Lampenlicht. Sie hatten bläuliche Spuren auf seinem blassen Ohrläppchen hinterlassen.

„Ist es getan?“, wollte er wissen.

„Ich grüße dich auch, Vogt Tessys“, antwortete Kyssen. „Ich dachte, die Craier-Länder wären gastfreundlich.“

Tessys machte ein säuerliches Gesicht, als hätte man schon zu oft auf ihm herumgetrampelt. „Ich brauche einen Beweis.“ Er wirkte ein wenig spitzbübisch bei diesen Worten. Der Beweis war der Rauch, der an diesem feuchten Tag immer noch am Berg aufstieg, genau dort, wo Ennerasts Schrein gestanden hatte. Der Beweis war das Odeur von Wut, das an Kyssen haftete wie das statische Knistern eines abklingenden Sturms. Sei es drum – kleine Männer hielten gerne große Dinge in Händen.

Kyssen legte Ennerasts zerbrochenes Kalkstein-Totem auf den Schreibtisch. Tessys wusste, so etwas konnte nur aus einem Schrein genommen worden sein. Der Vogt starrte das Totem ängstlich an.

„Vernichte es!“, befahl Kyssen, zog ihre in Leder eingewickelten Veiga-Dokumente aus ihrer Manteltasche und schob sie über den Tisch. „Und wasch dir die Sorgen aus dem Herzen, sonst ist sie noch vor dem Winter wieder da.“

Er blickte sie irritiert an, dann auf die Papiere und befühlte seine Feder. „Du sagtest, du hättest sie getötet.“

„Götter sind Parasiten. Sie werden wiederkommen, wenn es Angst gibt, von der sie sich nähren können.“ Eine wiedergeborene Ennerast würde irgendwann denselben Weg einschlagen, auch ohne Erinnerungen an ihr Heiligtum. Götter wurden alle vom gleichen Verlangen getrieben: dem nach Liebe, nach Opfern, nach Blut.

Der Vogt schniefte. Konnte Kyssen ihn melden, weil er es versäumt hatte, den Schrein von Ennerast früher zu entfernen? Er würde eine saftige Geldstrafe bekommen, wenn nicht sogar einen Finger verlieren. Vielleicht sollte sie das tun, aber es würde sein Wesen nicht ändern. Gottheiten wurden aus menschlichen Gebeten geboren, und niemand wollte es sich mit ihnen verderben. Wenn sie jedes Mal, wenn jemand eine Veiga brauchte, dem nächstbesten Ritter davon erzählte, würde sie bald keine Arbeit mehr haben.

Der Vogt holte einen Stempel aus seiner Schublade und dazu einen Beutel mit Silber. Sein Tuschestein war bereits nass, also drückte er den Stempel darauf, dann auf ihre Dokumente, mitten in das dreizackige Symbol der Veiga. Kyssen nahm das Silber zuerst und wog es in ihrer Hand. Sie würde ihn vielleicht nicht melden, aber sie berechnete ihm trotzdem einen Aufschlag.

„Und jetzt verschwinde!“ Er schob ihre Papiere über den Schreibtisch und scheuchte sie mit einer Handbewegung weg. Doch er konnte ihr nicht in die Augen sehen.

„Du hast sonst keinen weiteren Auftrag für mich?“, fragte Kyssen. „Warum nicht?“

„Hier gibt es keine weiteren Götterprobleme“, erwiderte der Vogt mit einem säuerlichen Lächeln. „Ich schicke dich bei Bedarf zu deinem örtlichen Vogt in Lesscia.“

Kyssen zuckte mit den Schultern und steckte das Silber ein.

„Du wirst das nicht klären, richtig?“, sagte sie und zeigte auf Ennerasts Totem. Es war keine Frage. Er hatte nicht nur vor der toten Gottheit Angst, sondern auch vor ihren Anhängern. Sie würden einen Schuldigen suchen, und der Vogt war derjenige, der eine Godkillerin gerufen hatte. Vielleicht würde er die Reliquie aufbewahren, vielleicht würde er sich von ihnen bestechen lassen, um sie wieder herauszurücken.

Die letzten Worte von Ennerast kamen Kyssen wieder in den Sinn. Wenn Middren an die Götter fällt …

Kyssen zog ihr Schwert, und mit einer kurzen Drehung des Handgelenks zerschmetterte sie das Totem mit der flachen Seite der Klinge. Der Vogt sprang zurück, als das Antlitz von Ennerast auf den Schreibtisch zerbröselte und eine große Delle und einen Haufen weißer Krümel hinterließ.

„Wie kannst du es wagen …!“, begann er, stockte allerdings, als Kyssen ihm ein goldblinkendes Grinsen schenkte und ihren Blick auf das Porträt des Königs richtete, das hinter seinem Schreibtisch hing. Der Fuß des Königs ruhte auf dem Schädel eines Hirschs, die Sonne ging hinter ihm über der brennenden Stadt auf. Es war sein Dekret, dem er gehorchen musste, egal was die Stadtbewohner dachten. Der Vogt unterdrückte seinen Zorn.

„Danke“, presste er zwischen den Zähnen hervor.

Kyssen verließ den Amtssitz und versuchte, sich diese Worte aus dem Kopf zu schlagen. Die großen Götter waren in alle Winde zerstreut, ihre Jagdgründe aufgelöst, ihr Krieg in Middren lange vorbei. Ennerasts Worte bedeuteten nichts, waren nur der letzte verzweifelte Atemzug einer sterbenden Gottheit.

Kyssen legte eine Hand auf ihre Brust, wo das Versprechen Osidisens, das Opfer ihres Vaters, noch immer auf ihrem Herzen lastete.

Der Booktok-Hit und Sunday Times-Bestseller

The Curse of SaintsThe Curse of Saints

Roman

Als Spionin der Königin hat sich Aya dazu verpflichtet, ihr Reich vor dunkler Magie zu schützen. Doch bei einem feindlichen Angriff entfesselt Aya selbst ungeahnte magische Kräfte, die seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen wurden – ausgerechnet vor den Augen von Will, dem Vollstrecker der Königin und Ayas größtem Konkurrenten.

Aya wird mit einer unmöglichen Frage konfrontiert, die ihr die Kontrolle über ihr Leben entreißt: Schlummert etwas Finsteres in ihr, das ihre Heimat vernichten wird? Um herauszufinden, woher ihre Kräfte stammen und wer sie wirklich ist, schließt Aya widerwillig einen Pakt mit Will. Denn ihre Gabe könnte sie in eine Waffe verwandeln und in einen Krieg hineinziehen, von dem sie nicht weiß, ob sie ihn gewinnen kann.

1

Langsam entwickelte sich das zu einem schrecklichen Abend, wenn sie sich das Blut an ihren Händen und das Bier auf ihrem Mantel ansah.

„Miststück“, knurrte der Mann, eine Hand an die Nase gedrückt. Das Blut, das zwischen seinen Fingern hervorquoll, schloss sich dem Bier an, das von der Bar tropfte – ein Überbleibsel seines zerstörten Kruges.

Aya rieb lediglich mit den Händen über ihre Lederhose, betrachtete stirnrunzelnd die roten Flecken auf ihren Händen.

Tova würde sie das nie vergessen lassen. Ihre Freundin kommentierte ständig, dass Aya fast jeden Tag bedeckt mit den Körperflüssigkeiten anderer Leute ins Quartier zurückkehrte … und dabei roch, als hätte sie sich in einem Schweinestall gewälzt. Aber überrascht war sie eigentlich nie. Aya, als die Dritte der Königin, hatte schon mehr als ein gerüttelt Maß an Blut gesehen. Man nannte sie „Die Augen der Königin“. Oder „Giannas Oberste Spionin“.

„Fass mich noch mal an, und ich breche dir etwas, was dir viel mehr am Herzen liegt“, flötete Aya. Ihr war der Dreck des Squals nicht fremd, nachdem sie allein dreimal in den letzten zwei Wochen Männer dorthin verfolgt hatte. Aber der betrunkene, übergriffige Kneipengast hatte ihr den letzten Rest mühsam erworbene Selbstkontrolle geraubt.

Niemand hatte auch nur mit der Wimper gezuckt, als sie ihn geschlagen hatte. Der Squal zog den Abschaum der Stadt Dunmeaden und seiner Besucher an – Spieler und Raufbolde und Diebe. Anscheinend fügte Aya sich perfekt ein.

Der Mann stürmte fluchend davon. Aya dagegen schenkte dem Barkeeper ein kokettes Lächeln. Er beäugte sie schon den ganzen Abend – jeden Abend, den sie hier verbracht hatte, um genau zu sein. Jetzt kam er herübergeschlendert, sodass sein breiter Körper das bisschen Licht abschirmte, das hinter der Bar flackerte.

„Gute Haltung“, sagte er mit einem schiefen Grinsen. Er rieb sich mit der Hand über die Glatze. Bei der Bewegung wölbte sich sein Bizeps. Alle Zeluus – diejenigen, die mit außergewöhnlicher Stärke gesegnet waren – waren quasi Riesen. Bei diesem hier passte das Ego zum Rest des Körpers. „Aber das Glas muss ich dir auf die Rechnung setzen.“

Aya löste die Bänder ihres Mantels, warf ihn über den Hocker neben sich und lehnte sich mit der Hüfte gegen die Bar. „Vielleicht können wir einen anderen Weg der Wiedergutmachung finden.“

Bei diesen Worten leuchteten seine Augen auf, dann stemmte er die dicken Unterarme auf den Tresen. „Ich kann übrigens auch ordentlich zuschlagen. Habe ich dir schon erzählt, wie ich mich mit nackten Fäusten zwei Anima gestellt habe?“ Sie hatte die Geschichte schon zwei Mal gehört. Beim ersten Mal hatte sich Aya kaum davon abhalten können, die Augen zu verdrehen. Auch wenn die Anima ihre Affinität für Leben und Tod hauptsächlich nutzten, um sich als Heiler zu betätigen, konnten sie doch tödlich sein. Eine kurze Berührung und der Pulsschlag verklang in Sekunden. Selbst ein Zeluus wie der Barkeeper konnte dieser Macht nichts entgegensetzen.

Außerdem war sie sich ziemlich sicher, dass Anima gar nicht an Ringkämpfen teilnehmen durften.

Aya lehnte sich näher an die Bar, setzte eine Miene faszinierten Interesses auf, als er die Geschichte ein weiteres Mal zum Besten gab. Sie lächelte nichtssagend und wand sich immer wieder eine Strähne ihres dunkelbraunen Haars um den Finger, während der Kerl mit wilden Gesten weitersprach.

Vorsichtig rief sie ihre Affinität und schickte sie aus.

Kein Schild. Wunderbar!

„Wie ist ein so starker Kämpfer wie du nur an einem solchen Ort gelandet?“, fragte sie und nippte an ihrem Bier. Sein Blick folgte ihrer Zunge, als sie sich den Schaum von den Lippen leckte.

Er zuckte mit den Achseln. „So schlecht ist es hier gar nicht. Ich gehöre zum Management, weißt du?“

Aya zwang sich, die Augen aufzureißen. „Wirklich? Also ist das dein Büro, in das du dich immer wieder schleichst?“ Sie nickte in Richtung des bewachten Flurs links von der Bar. Sie wusste genau, dass ein Misthaufen wie dieser Laden kein Büro besaß. Aber sie schob langsam die Hand über den Tresen, um mit den Fingern das Corpsoma-Tattoo an seinem Handgelenk nachzuzeichnen – ein Kreis mit einem Strich durch die Mitte. „Vielleicht könnten wir dorthin gehen. Wirkt … abgeschiedener.“

Der Barkeeper schüttelte den Kopf. „Nicht mein Büro.“ Er zögerte und sah sich um. „Ich sollte das wirklich nicht sagen, aber …“

Sie schickte mehr von ihrer Affinität aus … und der Mann fuhr fort, ohne zu bemerken, wie sie ihn mit ihrer Überzeugungsmacht dazu brachte, die Information aus seinem Geist zu seiner Zunge fließen zu lassen.

„Zwei Männer kommen seit Wochen regelmäßig her. Aus Trahir, vermute ich, wenn ich mir ihren Akzent so anhöre. Sie geben sich keine Mühe, in meiner Nähe auf ihre Worte zu achten. Aber ich höre zu.“ Er sah sich erneut um, bevor er sich zu ihr lehnte und seine Stimme zu einem Flüstern senkte. „Sie kaufen Waffen am Rat vorbei. Ich schätze, ich kann mir einen Anteil dafür sichern, dass ich sie nicht ausliefere.“

„Wirklich?“, hauchte Aya. Als vorrangiger Waffenlieferant für das Reich hatte der Händlerrat von Tala immer darauf geachtet, den Waffenhandel im Blick zu behalten und genau zu überwachen, wie viel sie an andere Königreiche verkauften.

Anscheinend hatte Trahir keine Lust mehr auf Beschränkungen.

Der Barkeeper grinste. „Illegale Käufe sind kein Scherz. Ich habe ein Druckmittel.“ Er ließ den Blick langsam über ihren Körper gleiten, wobei er am tiefen Ausschnitt ihres schwarzen Pullovers verweilte. „Vielleicht werde ich mir ein paar Stunden mit dir leisten. Du bist zu hübsch, um im Squal zu arbeiten.“

Aya hielt ihr kokettes Lächeln, als er die Hand ausstreckte, um ihr Kinn zu umfassen und den Daumen über ihre Kieferlinie gleiten zu lassen.

Widerlich. Einfach nur widerlich.

Persi konnten nicht manipulieren. Sie konnten jemanden nur von etwas überzeugen, wozu diese Person bereit war. Aber diese Bereitschaft musste nicht stark sein – besonders, wenn es sich bei der Persi um Aya handelte.

Sie lehnte sich noch ein wenig weiter vor, sodass ihr Atem über seine Lippen glitt. „Ich bin zu teuer für dich.“

Damit schnappte sie sich ihr Glas und zog es ihm über den Schädel. Der Becher zerbrach, während der Barkeeper zu Boden sank.

Aya wirbelte herum und schubste den Gast neben sich heftig genug, dass er, Gesicht voran, gegen die Frau stolperte, die er gerade bezirzt hatte. Mit einem Keuchen packte die Frau mit der Faust sein weißes Haar und schleuderte ihn gegen den untersetzten Gentleman, der hinter ihr Billard spielte und dann …

… brach absolutes Chaos aus.

 

Aya schnappte sich eines der vergessenen Gläser vom Tresen und leerte es in einem Zug, bevor sie auf den versteckten Flur zuhielt. Sie musste sich beeilen. Die Information des Barkeepers hatte nur bestätigt, was sie schon lange vermutet hatte: Die Königin hatte recht. Trahir deckte sich mit Waffen ein – bereitete sich vielleicht sogar auf einen Krieg vor.

Und angesichts des Chaos’ in der Taverne blieben ihr nur Augenblicke, bevor die Händler verschwanden.

Aya fühlte, wie sich diese eisige Ruhe in ihr ausbreitete – diese Ruhe, die jedes Mal von ihr Besitz ergriff, wenn der nächste Schritt einer Mission klar vor ihr lag. Sie ließ sich davon erfüllen, bis die Empfindung jede Emotion dämpfte, bis Eis durch ihre Adern floss, während sie zwischen den raufenden Gästen hindurchglitt und dank ihrer kleinen Gestalt mühelos Schlägen auswich. Sie duckte sich unter einem fliegenden Stuhl hinweg, ohne ansatzweise langsamer zu werden.

Noch fünfzehn Schritte bis zum Flur.

Zehn.

Fünf.

Endlich bemerkten die Wachen sie zwischen den Kämpfenden. Sie machten Anstalten, ihre Schwerter zu heben, öffneten ihren Mund, um eine Warnung zu rufen. Aber sie waren nicht schnell genug für die Augen der Königin. Sie hatte ihr Messer bereits aus der Scheide an ihrem Schenkel gezogen.

„Die Dyminara senden ihre Hochachtung.“

Damit warf sie sich auf den ersten Wachmann. Ihr Messer glitt unter seinem Schwertarm hindurch und bohrte sich in seine Brust. Er war schon tot, bevor er auf dem Boden aufkam. Aya wirbelte herum und zog dem anderen Wachmann die Klinge über die Kehle. Blut spritzte auf ihr Gesicht, aber sie hielt nicht inne. Stattdessen sprang sie über die zusammengesackten Körper hinweg und rannte zu der ersten Tür links, um sie mit der Schulter aufzustoßen.

Der Raum war eng und dunkel. Der kleine Holztisch und die Stühle waren auf der Flucht zum Ausgang umgeworfen worden. Die offene Tür gab den Blick frei auf eine kleine Gasse. Aya rannte hindurch, drängte sich an Kisten und Paletten vorbei. Ihre Stiefel gerieten ins Rutschen, als sie auf vereiste Pflastersteine traf. Die beiden Männer hatten schon die halbe Straße hinter sich gelassen, entfernten sich eilig von den Docks.

Als wären die Nebengassen sicherer.

Narren.

Diese Gassen bildeten ein Labyrinth, voller plötzlicher Biegungen und Sackgassen.

Sie hielt den Blick auf den wehenden, braunen Mantel des hinteren Händlers gerichtet, als sie den Griff an ihrem Messer veränderte, dann hob sie den Arm, ihre Atmung ruhig und gleichmäßig. Die Klinge flog aus ihrer Hand und grub sich mit einem dumpfen Schlag in die Schulter des Mannes. Schreiend fiel er um.

Sein Begleiter sah zurück, dann stockten seine Schritte, als er das Blut auf ihrem Gesicht bemerkte.

Aya warf ein weiteres Messer in Richtung seines Kopfes – nah genug, um ihm eine kleine Wunde am Ohr zu schlagen.

„Die nächste Klinge gräbt sich in deinen Schädel“, rief sie. „Ich brauche nur einen von euch lebend.“ Er stoppte abrupt, hob kapitulierend die Hände und ließ sich langsam auf die Knie sinken. „Kluge Wahl.“

Aya schlenderte zu dem ersten Händler, der auf dem Boden lag und immer noch schmerzerfüllte Schreie ausstieß, die von den Ziegelgebäuden an der Gasse zurückhallten. „Ruhig“, befahl sie, als sie ihn auf die Beine zerrte. „Wie ich schon sagte, ich brauche nur einen von euch.“

Der Mann wimmerte, aber er presste die Lippen aufeinander. Sein Körper zitterte in ihrem Halt. Aya sah in Richtung der Docks. Kein Hinweis auf Ronan, den königlichen Wachmann, der eigentlich in dieser Gasse postiert sein sollte.

Und der Lieferant fehlte ebenfalls.

„Eigentlich solltet ihr zu dritt sein“, meinte sie locker und sah zwischen den Händlern hin und her. „Wo ist Euer Lieferant?“

Der kniende Mann schüttelte den Kopf. „Es gibt sonst niemanden.“

Aya seufzte, als sie das Seil löste, das sie an der Seite trug. Sie zerrte den Händler mit dem Messer in der Schulter zu seinem Kumpan; ließ ihn erst los, als sie in die Hocke ging, um die Hände des anderen zu fesseln. Dieser Kerl würde nirgendwo hingehen – nicht mit der Klinge in seinem Körper.

„Lügt mich an, solange ihr wollt“, hauchte sie. „Aber ich warne euch … der Vollstrecker mag so was gar nicht.“

Der Adamsapfel des Mannes hüpfte. O ja, der Zweite der Königin hatte einen Ruf, der ihm weit vorauseilte; selbst Ratsmitglieder aus fernen Ländern wussten, dass mit ihm nicht zu spaßen war.

Aya stand auf, ihre Gelenke steif in der Kälte. Sie zog noch ein Stück Seil heraus und fesselte damit die Hände des zweiten Mannes, dann sah sie erneut Richtung Docks. Immer noch kein Ronan. Vielleicht hatte er den Lieferanten verfolgt.

Sie verdrängte die Unruhe, die in ihr aufstieg, und rief stattdessen ihre Macht.

„Ich vermute, ihr wollt weiterleben?“, fragte sie, während sie die beiden Männer mit schief gelegtem Kopf musterte. Sie wechselten einen wachsamen Blick, bevor sie kurz nickten. Sie ließ ihre Affinität fließen, schlang sie um diesen Überlebenswillen.

„Dann setzt euch in Bewegung.“


2

Zwanzig verdammte Minuten. So lange dauerte es, die zitternden Händler zu dem verlassenen Lagerhaus am Rand der Rouline zu bringen, dem Vergnügungsviertel, das sich um Dunmeadens Hafen zog. Aya hatte gehofft, dort Ronan mit dem Lieferanten vorzufinden, aber sie traf nur auf Liam, einen weiteren Persi in der Dyminara, der wie geplant drinnen auf sie wartete.

„Kein Ronan?“, murmelte er, als er die schwere Holztür hinter ihnen schloss und damit die beiden Händler gefesselt im Innenraum zurückließ.

„Nein“, sagte Aya knapp. Sie rieb sich die Hände, dachte voller Sehnsucht an die Handschuhe, die sie vergeblich in ihrem Zimmer gesucht hatte.

Bei meinem Eid, wenn diese götterverdammte Nacht nicht bald endet …

„Ich dachte, er hätte den Lieferanten verfolgt, aber wenn er immer noch nicht hier ist …“

Liam seufzte. Der helle Schein des Mondes ließ Schatten über seine dunkelbraune Haut und sein schwarzes Haar tanzen, das an den Seiten ausrasiert war. Er rieb sich das kantige Kinn und verzog angesichts der Kälte das Gesicht. „Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Königliche Wache eine Aufgabe in den Sand setzt“, meinte er finster.

Die Königin bestand darauf, dass die Dyminara mit der Wache zusammenarbeiteten, die für den täglichen Schutz und die Strafverfolgung in der Stadt verantwortlich zeichnete. Aber um größere Bedrohungen kümmerte sich nur die Dyminara – die königliche Elitetruppe, die nur aus Visya bestand. Zusammengesetzt aus Kriegern, Gelehrten und Spionen, die alle mit Funken göttergleicher Macht von den Neun Gottheiten ausgestattet waren. Es gab niemanden, der besser für diese Aufgabe geeignet war. Die tiefe Kluft zwischen der Königlichen Wache und der Dyminara erzeugte eine Menge Spannungen. Doch selbst die Wache wäre nicht dumm genug, ihren Vorbehalten laut Ausdruck zu verleihen. Die Dyminara waren tödlich.

In der Ferne hörte sie die Glocken in der Innenstadt 1 Uhr schlagen. Eine Stunde nach Mitternacht. Aya stieß sich von der Tür ab, an der sie gelehnt hatte. „Sie behaupten, es wäre niemand bei ihnen gewesen; dass kein Lieferant anwesend war. Befrage sie dazu, bis er kommt“, befahl sie und deutete mit dem Kinn auf das Lagerhaus. Liam würde die Befragung beginnen – würde seine Überzeugungsaffinität einsetzen, um alle möglichen Fakten einzuholen, bis der Vollstrecker ankam, um die harte Arbeit zu leisten. Wenn irgendwer eine Quelle brechen konnte, dann der Zweite der Königin.

„Möge Saudra mich leiten“, murmelte Liam, halb eine Verabschiedung, halb ein Gebet an ihre Schutzgöttin. Aya nickte zustimmend.

Sie konnten die Hilfe jedenfalls gebrauchen.

Der Wind heulte, als Aya auf den Trampelpfad trat, der sie zur Stadt führen würde, und sie zog schützend den Kopf zwischen die Schultern. Wenn der Ventaleh-Wind seinen Zorn über dem Gebirgszug der Mala entfesselte, war er kalt genug, um selbst puren Granit einzufrieren. Den Legenden zufolge war der Ventaleh eine Warnung der Götter: obwohl die Visya immer einen Funken gottgleicher Gabe besaßen, hielten die Gottheiten die Macht, die Welt zu säubern. Sie hatten es schon einmal fast getan … und sie würden es wieder tun, sollten die Visya sich über ihre zugewiesene Stellung erheben.

Aber momentan fürchtete Aya sich nur vor Erfrierungen. Es gab gute Gründe, warum der Händlerrat wild entschlossen war, die Schaffarmer glücklich zu halten. Wie die Händler so oft verkündeten: Wenn man in Dunmeaden florieren wollte, brauchte man nur Wolle und Waffen. Und auch wenn ihr Pullover dabei geholfen hatte, den Barkeeper zu ködern, half er doch wenig gegen die eisigen Temperaturen.

Sie hätte ihren Mantel mitnehmen sollen.

Aya eilte durch das Zentrum der Rouline, beschleunigte ihre Schritte, als sie sich dem gepflasterten Pfad näherte, der das Ende des Vergnügungsviertels und den Beginn des Händlerbezirks markierte. Je weiter sie sich vom Dock und dem Fluss entfernte, desto besser. Der Loraine, der aus dem Bergen durch das Herz der Stadt und dann hinaus in das Anath-Meer floss, trug den Wind in seiner unerbittlichen Kälte von den Malas in die tiefer gelegenen Gebiete.

Endlich erreichte Aya den Händlerbezirk, wo das Pfeifen des Windes und das Knirschen der Holzschilder über den Läden die einzige Geräuschkulisse bildeten. Sie duckte sich in eine Seitengasse neben dem Eden – dem feinsten Restaurant der Stadt. Licht flackerte hinter den Buntglasfenstern und warf Flecken aus Farbe in die braunen, grauen und schwarzen Schatten der Gasse. Wenn sie die Augen schloss und sich konzentrierte, konnte sie sich fast einbilden, sie könne die Wärme des Kamins im Inneren spüren.

Hin und wieder, wenn die Mahagonitür sich öffnete und Gruppen von Feiernden sich auf die Hauptstraße ergossen, schwappten Lachen und Musik auf die Straße. Niemand sah in ihre Richtung. Sie bezweifelte, dass irgendwer sie auch nur bemerkte. Aya wusste, wie man mit dem Schatten verschmolz. Unsichtbarkeit war ihr immer schon zupassgekommen.

Gerade als die Glocken auf dem Hauptplatz die zweite Stunde nach Mitternacht läuteten, strömte eine große, lärmende Gruppe aus dem Restaurant und schrie sich gegenseitig Versprechen auf lang anhaltende Geschäftsbeziehungen und Frieden für alle Tage zu.

Aya verdrehte die Augen, nachdem sie genau wusste, dass dieselben Leute morgen schon wieder über Tarife und Handelsrouten und alles andere diskutieren würden, was ihnen mehr Geld in die Taschen spülte, als sie verdient hatten.

Arschlöcher. Allesamt.

Die Leute verabschiedeten sich, dann brach ein Großteil der Gruppe in Richtung ihrer Anwesen und schicken Hotels am Rand des Bezirks auf. Ein paar wanderten Richtung Rouline – wahrscheinlich, um den Abend mit ein wenig Ausschweifung ausklingen zu lassen. Und dann war nur noch einer übrig: ein junger Mann, der mit lässigen Schritten auf die Stadtmitte zuhielt.

Aya hielt sich in den Schatten, als sie ihm folgte, blieb mehrere Schritte hinter ihm, um sicherzustellen, dass ihnen sonst niemand folgte. Der Mann war hochgewachsen. Auch seiner schweren Wolljacke gelang es nicht, die Linien seines muskulösen Körpers zu verbergen. Sein Haar war vom Wind zerzaust, gerade lang genug, um hinten auf seinen Kragen zu fallen.

Aya konnte sein Selbstbewusstsein quasi spüren, als er die Hauptstraße entlangging, seine Schritte locker und lässig, als hätte er keine Sorgen auf der Welt.

Sehr gefährlich bei einem nächtlichen Spaziergang allein.

Aya schloss zu ihm auf und wartete, bis er in eine gewundene Gasse abgebogen war – eine Abkürzung, die den Aufstieg ins Quartier begann –, bevor sie sich lautlos hinter ihm einreihte.

Eine schnelle Bewegung, und er presste sie mit einem Arm gegen die Steinmauer. Mit der anderen drückte er ein Messer gegen ihre Kehle.

„Gut zu wissen, dass du tatsächlich auf deine Umgebung achtest“, presste sie hervor.

„Verdammt, Aya!“ Will senkte das Messer, Wut in seinen grauen Augen. Mit geröteten Wangen knurrte er: „Du kannst dich glücklich schätzen, dass ich dich nicht umgebracht habe.“

„Und du kannst dich glücklich schätzen, dass ich uns nicht allen einen Gefallen getan und dich getötet habe, als du nach Hause stolziert bist.“

Wills Arm presste sie mit zusammengebissenen Zähnen fester gegen die Wand, nur um dann die Nase zu rümpfen, als ein Windstoß durch die Gasse glitt.

„Du riechst, als hättest du in Bier und Pisse gebadet.“

„Ist das der Charme, der dir den Weg in so viele Damenbetten ebnet?“

„Willst du es herausfinden?“, meinte er mit einem hinterhältigen Lächeln, dann trat er noch näher an sie heran und musterte sie unter seinen langen Wimpern hervor.

Aya stieß ihn heftig von sich. „Ich würde mich lieber in meinen eigenen Dolch stürzen.“

Will fing ihre Hand ein und ließ den Daumen über das Blut gleiten, das dort klebte. „Ich sehe, du hast Chaos angerichtet – mal wieder.“

Schon einen Wimpernschlag später hatte sie sich seinem Halt entzogen. Er knallte mit einem dumpfen Schlag auf den Boden, als sie ihm die Beine unter dem Körper wegtrat.

„Fass mich noch einmal an, und wir werden herausfinden, ob du genauso heftig blutest wie er.“

Will lachte, leise und finster. Das Geräusch hallte von den rauen Wänden der Gasse wider. „Wie immer überwältigst du mich mit deinem Liebreiz. Die Götter mögen jedem beistehen, der dich sieht und vermutet, du wärst so sanft, wie du wirkst“, schnurrte er förmlich, als er wieder aufstand. „Hast du irgendetwas Nützliches zu sagen? Falls ja, spuck es aus. Mir ist kalt, und tatsächlich wartet eines dieser warmen Betten auf mich. Und du brauchst dringend ein Bad.“

Aya biss sich auf die Lippen, um die scharfe Antwort zurückzuhalten, die ihr auf der Zunge lag. Sie konnte sich, ohne mit der Wimper zu zucken, in eine Kneipenschlägerei stürzen, aber Will …

Will war es immer gelungen, ihr unter die Haut zu gehen; er hatte gestichelt und sie verhöhnt, bis die Kette, mit der sie ihr Temperament zügelte, nicht nur lockerer wurde, sondern tatsächlich riss.

Sein Vater, Gale, war der erste Visya in der Geschichte von Dunmeaden, der im Händlerrat von Tala saß. Er hatte geholfen, Talas Handelsmacht zu stärken, obwohl Königreiche wie Trahir mit ihren vielseitigen Köstlichkeiten mehr zu bieten hatten.

Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass er und sein Sohn die zwei größten Scheißkerle waren, die Aya je getroffen hatte. Sie hatte sie von dem Moment an verabscheut, als Will vor dreizehn Jahren mit der Nachricht vom Tod ihrer Mutter auf einer von Gales Reisen auf ihrer Türschwelle erschienen war.

Ganz zu schweigen von dem einen Mal, als Will Aya fast ihren Platz in der Dyminara gekostet hatte.

Aber in Bezug auf die Kälte hatte er recht. Und auch was das Bad anging. Und wenn es darum ging, wer ihm das Bett wärmte … das war das Unglück der betreffenden Dame.

„Wenn man bedenkt, dass du im Lagerhaus gebraucht wirst, wird dein Vergnügen warten müssen. Sie sind hinter Waffen her. Die Käufer sitzen im Lagerhaus, aber der Lieferant ist verschwunden, bevor ich in den Raum gekommen bin. Ronan ist nicht aufgetaucht.“

Will hielt inne, dann fuhr er sich mit einer Hand durchs Haar und knurrte: „Was meinst du mit Ist nicht aufgetaucht?“

Trotz der Hölle, durch die Ronan sie heute Abend geschickt hatte, ließ ihre Frustration ein wenig nach, als sie den gefährlichen Unterton in seiner Stimme hörte. Das war kein gutes Zeichen für die Person, die sich Wills Zorn stellen musste.

Als sie noch jünger und einfach Mitschüler gewesen waren, war es ihr leichtgefallen, zu vergessen, dass Wills Sensainos-Affinität – seine Fähigkeit, die Gefühle und Empfindungen anderer zu fühlen und zu manipulieren – sich auch auf Angst und Verzweiflung erstreckte; sogar auf Schmerz. Seine Attraktivität verbarg das gut. Sein schwarzes Haar war dicht und lockig, seine helle Haut hatte einen olivfarbenen Grundton, sodass er immer sonnengeküsst wirkte. Und mit seinen scharfen Gesichtszügen und seiner maßgeschneiderten Kleidung wirkte er wie der perfekte, junge Adelige. Alle hatten damit gerechnet, dass er das Handelsimperium seines Vaters übernahm.

Aber dann hatte sich Will stattdessen der Dyminara angeschlossen – wo offensichtlich wurde, dass sein wahres Talent nicht darin lag, für die Königin den Händlerrat von Tala zu überwachen, sondern als ihr Vollstrecker zu dienen.

Dunmeadens dunkler Prinz.

Diejenigen, die gesehen hatten, wie er Strafen austeilte, hatten genug Geschichten verbreitet, um dafür zu sorgen, dass ihm leise Furcht überallhin folgte.

„Ronan sitzt wahrscheinlich betrunken in irgendeiner Bar“, murmelte Aya schließlich.

„Also hast du versagt“, antwortete Will langsam. „Der Lieferant ist entkommen.“

Aya ignorierte den Impuls, nach ihrem Messer zu greifen, als sie Will unverwandt anstarrte. „Vielleicht hätte ich ihn noch erwischen können, wenn du nicht darauf bestanden hättest, mich zu einem Botenmädchen zu machen“, zischte sie. Die Tatsache, dass sie ihm ihre Erkenntnisse berichten musste, als wäre sie ein Schoßhündchen, sorgte dafür, dass sie auf etwas einschlagen wollte.

Will bog auf den gewundenen Weg Richtung Quartier ein und sah erwartungsvoll zu ihr zurück. Mit schlurfenden Schritten reihte sie sich neben ihm ein, ließ den heulenden Wind das Schweigen zwischen ihnen füllen. Sie hatte gehofft, er würde direkt zum Lagerhaus gehen und sie den Heimweg in Frieden antreten lassen.

Zuhause. Für einen Moment reichte der Gedanke an die Wärme des Quartiers – des kleinen, palastartigen Heims der Dyminara – aus, um ihr fast ein Stöhnen abzuringen. Ihr Körper war wund von der Kälte und der Prügelei in der Taverne. Hoffentlich hatte Elara noch Chaucholada im Speisesaal stehen. Das warme, mit Honig verfeinerte Getränk wurde traditionell serviert, wenn der Ventaleh heulte. Um die Geister fern- und das eigene Fleisch intakt zu halten, sagte die Küchenchefin der königlichen Küche immer, den Blick auf die benachbarten Spitzen der Malas gerichtet. Der Ventaleh unterwirft sich niemandem, nicht einmal den Dyminara.

„Vielleicht werden unsere Freunde aus dem Westen großzügig ihre Informationen über den Lieferanten teilen, und ich kann dir die Mühe sparen, die Person aufzuspüren“, murmelte Will schließlich, den Blick auf den Pfad vor ihnen gerichtet. Aya nahm die Drohung, die in seinen Worten mitschwang, durchaus wahr. „Wie ist es dir gelungen, zu bestätigen, dass sie Waffen kaufen?“

Sie sah ihn an, aber sein – immer noch nach vorne gerichteter – Blick wirkte kalkulierend, nicht herablassend.

„Der Barkeeper war der Einzige, der das Hinterzimmer betreten durfte. Ich musste ihn nur in die richtige geistige Verfassung bringen … und dann für Ablenkung sorgen.“

Will stieß ein bellendes Lachen aus. „Also hast du ihn mit deiner Schönheit betört, hast ihn überzeugt, dir all seine Geheimnisse zu verraten, und dann seinen Laden zerstört.“ Er musterte ihre mit Bier und Blut verklebte Kleidung. „Unglaublich!“

„Du bist unerträglich.“

„Das habe ich schon öfter gehört. Das beruht auf Gegenseitigkeit, Aya-Schatz.“

Auch drei Jahre, in denen sie Seite an Seite in der Tría der Königin gearbeitet hatten – der Rang, der nur den drei vertrauenswürdigsten Dyminara der Krone zugestanden wurde –, hatten nicht ausgereicht, um die Bitterkeit zwischen ihnen zu tilgen.

Aya ignorierte ihn, konzentrierte sich stattdessen auf das Palastgebäude, dem sie sich näherten. Das Quartier lag im hinteren Teil der Königlichen Anlage, die sich in ein Waldgebiet höher am Berg schmiegte, ein wenig über der Stadt.

„Ich vermute, ich werde Ronan einen Besuch abstatten müssen, sobald ich mit den Händlern fertig bin“, seufzte Will.

Aya hob eine Augenbraue, als sie durch das eiserne Palasttor traten und auf den gepflasterten Weg abbogen, der sie zum Quartier bringen würde. „Wieso bist du noch nicht auf dem Weg zum Lagerhaus?“

Will grinste schief. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich ein Bett zu wärmen habe.“ Er lachte über ihren angewiderten Gesichtsausdruck. „Götter, dieser Blick! Entspann dich, ja? Ich will mich umziehen.“ Er machte eine Geste in Richtung seines zweireihigen Jacketts und der schwarzen Hose. „Ich hasse diese noblen Gewänder.“

Sie dachte darüber nach, ihm mitzuteilen, dass von allen Dingen, die er an sich selbst verabscheuen sollte, seine Kleidung sicherlich ganz unten auf der Liste stand. Aber sie hielt die Worte zurück, als sie an den Stallungen vorbeistapften und einer Kurve folgten, bis der Pfad sich auf eine große Lichtung öffnete, in deren Mitte das Quartier stand.

Das Gebäude war viel kleiner als der Palast der Königin, aber trotzdem atemberaubend, mit grauer Steinfassade und Buntglasfenstern, die durch das Licht im Inneren funkelten.

Sie eilten durch den Torbogen, der das Gelände der Dyminara von denen der Königin trennte, dann folgten sie dem Pfad zu dem Gebäude, das an die aufwendigen Gärten anschloss. Im Licht der Fackeln, die immer noch in ihren Haltern brannten – was sie zweifellos den Incendi zu verdanken hatten, deren Flammen dem Ventaleh trotzen konnten –, waren gerade so die weißen Winterrosen zu erkennen.

Sie schoben die große Eichentür auf und traten in die Haupthalle. Auch wenn es ein großer Raum war, dessen steinerne Wände hoch aufragten, um die gewölbte Holzdecke zu stützen, wirkte er trotzdem warm. Einladend. In der Mitte der großen Bodenfläche lag ein scharlachroter Teppich, und darauf stand ein langer Holztisch. Zur Rechten lag die Holztür, die ins Speisezimmer führte, und links erhob sich ein riesiger, steinerner Kamin, in dessen Tiefen immer noch langsam verlöschende Flammen flackerten.

Aya eilte sofort zum Kamin und hielt die Hände über die Glut, um ihre Finger zu wärmen. Ein Blick zum Tisch sorgte dafür, dass sie die Stirn runzelte. Der Behälter mit Chaucholada war bereits gründlich geleert worden.

„Gab es im Squal irgendwelche Beobachter, vor denen wir uns in Acht nehmen müssten?“, fragte Will, als er neben sie trat.

Aya unterdrückte ein Schnauben, als sie an das Chaos zurückdachte, das in der Bar ausgebrochen war. „Nein. Wenn irgendwer überhaupt aufgepasst hat, dann dürften sie davon ausgehen, dass Mathias’ Gilde für die Verwüstung verantwortlich zeichnet.“

Mathias herrschte mit festem Griff über die Unterwelt von Dunmeaden. Seine Diebe und Meuchelmörder waren berüchtigt. Es war ein Segen, dass die Königin sie nicht aus der Stadt geworfen hatte. Dank ihnen fiel es leichter, bestimmte Arten von Aufmerksamkeit von der Krone abzulenken.

„Und ich habe mich um die Wachen gekümmert“, fügte sie hinzu.

Als sie die Worte aussprach, schlug eine Welle von Erschöpfung über ihr zusammen.

Gewalt war Aya nicht fremd. Die Visya hatten von den Göttern die Aufgabe übertragen bekommen, das Reich und die Menschen, die darin lebten, zu beschützen und ihnen zu dienen – und die Dyminara waren die wahrhaftigste Manifestation dieses Auftrages. Nicht alle Visya dienten auf diese Art, aber Aya … sie war für genau das geboren worden, in mehr als nur einer Hinsicht. Aber sie erfreute sich nicht an den Momenten, in denen sie gezwungen war, Leben zu beenden. Vielleicht machte sie sich schlicht nichts aus den Erinnerungen, die dadurch aufstiegen.

Wills Augen blieben auf ihre Hände gerichtet, starrten das Blut auf ihren Fingern an, wie er es schon in der Gasse getan hatte. „Du hast im Namen unseres Königreichs gehandelt“, sagte er schließlich leise.

Und da fühlte sie es, seine Affinität, die gegen ihren Körper brandete und die Last unter der Oberfläche aufspürte. „Ich brauche deine Gnade nicht“, murmelte sie. „Halte dich einfach aus meinem Kopf raus.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Ich habe mich nur gefragt, warum so tiefe Falten dieses schöne Gesicht verunzieren. Außerdem … deine Schuldgefühle machen dich angreifbar. Dann ist dein Schild am schwächsten. Das habe ich schon vor langer Zeit gelernt.“

„Meine Schuldgefühle bedeuten, dass ich mich noch nicht in ein Monster verwandelt habe.“

Eine weitere Lüge auf ihrer langen Liste.

Will verspannte sich, und ein Muskel an seinem Kiefer zuckte. „Wie ich“, beendete sie ihren Satz kühl. „Wenn du mich beleidigen willst, Aya, dann erweise mir wenigstens die Höflichkeit, es auch durchzuziehen.“

Sie war zu müde, um mit ihm zu diskutieren. Ihre Erschöpfung war stärker als die Wärme des Feuers, die langsam in ihren Körper eindrang. Sie brauchte Schlaf – besonders vor der Begegnung mit der Königin.

„Wir treffen uns direkt nach Sonnenaufgang“, murmelte Aya. „Versuch, bis dahin etwas Nützliches herauszufinden. Und pass auf dich auf. Du wirst dich noch umbringen, wenn du so durch die Straßen stolzierst.“

Wills Augen glitzerten im Feuerschein. Die Flammen betonten die grünen Flecken im Grau seiner Iris. Er legte den Kopf schief, als er sie musterte, und die Bewegung sorgte dafür, dass ihm die Haare in die Stirn fielen. „Wüsste ich es nicht besser, Aya-Schatz, würde ich sagen, das interessiert dich tatsächlich.“

„Bilde dir nur nichts ein“, gab sie zurück. Wenn überhaupt, war seine Existenz eine ständige Erinnerung an den Hochmut der Händlerklasse, den sie so verabscheute. Aber selbst Aya konnte nicht leugnen, dass Wills Macht und Durchtriebenheit in dem Konflikt von Nutzen sein würden, der mit Trahir dräute. Sowohl in Ratssitzungen als auch – die Götter mochten das verhüten – auf dem Schlachtfeld. „Ich denke eher an Tala. Wenn die Situation sich verschlimmert, fehlt uns die Zeit, dich zu ersetzen.“

Er presste sich spöttisch eine Hand an die Brust. „Ich fühle mich unendlich geehrt, dass du mich so sehr schätzt.“

Mit finsterer Miene wanderte sie der Treppe zu, die am anderen Ende des Saals nach oben führte.

„Vergiss nicht, ein Bad zu nehmen“, rief er ihr hinterher. „Ich kann dich selbst hier noch riechen.“

Sie zeigte ihm über die Schulter den Mittelfinger. Sein Lachen jagte sie über die Stufen nach oben, als sie ihn zurückließ. Mit langsamen Schritten schlurfte sie in ihr Zimmer. Das Blut an ihren Händen und auf ihrem Gesicht fühlte sich immer schwerer an, je länger es an ihrer Haut klebte.

Es war eine Ehre, ihren Göttern und ihrem Königreich zu dienen, erinnerte sie sich selbst.

Und für jemanden wie Aya war es vielleicht auch ein Akt der Sühne.

„Action, Lovestory, Intrigen - für mich war alles dabei, was es für eine gute Fantasygeschichte braucht“

- books.with.jenny

Blick ins Buch
Bridge Kingdom – Der Schwur der SpioninBridge Kingdom – Der Schwur der Spionin

Roman

Episch, atemberaubend und herzzerreißend: der mitreißende Auftakt zur „Bridge Kingdom“-Reihe

Danielle L. Jensen begeistert Fans von Sarah J. Maas & Jennifer Estep mit ihrer Enemies-to-Lovers Romantasy und stürmischem Karibik-Setting.

Die Tik-Tok-Sensation könnt ihr nun endlich auch auf Deutsch lesen. Seid gespannt auf ein Königreich und ein Volk, das dafür lebt, ein Geheimnis zu schützen.

Ihr ganzes Leben lang wurde Lara darauf vorbereitet, Aren, den König des mysteriösen Bridge Kingdom, zu heiraten und auszuspionieren, um ihrem Vater die Geheimnisse des bisher uneinnehmbaren Reiches zu offenbaren. Doch als Lara Aren näher kennenlernt, beginnt sie, alles infrage zu stellen, was man sie gelehrt hat.  Und je näher sie ihrem Ziel, dem Untergang des mächtigen Bridge Kingdom, kommt, desto mehr verliebt sie sich in dessen mysteriösen König. Nun muss sie sich entscheiden: Welches Königreich wird sie zerstören und welches Volk retten?

Lauf nicht, sondern renn in die Buchhandlung, um dieses Buch zu kaufen! Jennifer L. Armentrout 

Eine epische und actionreiche Geschichte um Liebe, Rache und Verrat. Jennifer Estep 

Exzellent geplottet, bewegend und einfach unmöglich aus der Hand zu legen … Ich habe jedes Wort geliebt. Sarah J. Maas

#TikTok made me buy it

Band 1: Bridge Kingdom - Der Schwur der Spionin
Band 2: Bridge Kingdom - Der Verrat der Königin

1
Lara

Lara stützte die Ellbogen auf die niedrige Sandsteinmauer, den Blick starr auf die glühende Sonne gerichtet, die sich auf die fernen Berggipfel herabsenkte. Dazwischen gab es nichts als brennend heiße Sanddünen, Skorpione und gelegentlich eine Eidechse. Die Wüste war für niemanden passierbar, der nicht über ein gutes Kamel, die richtigen Vorräte und eine gehörige Portion Glück verfügte.

Nicht, dass sie nicht mehr als einmal in Versuchung gewesen wäre, ihr Glück dort auf die Probe zu stellen.

Ein Gong ertönte, und die Echos hallten über das Gelände. Dieser Gong hatte sie während der vergangenen fünfzehn Jahre jeden Abend zum Essen gerufen, doch heute hallte er in ihr nach wie eine Kriegstrommel. Lara holte tief Luft, dann drehte sie sich um und stolzierte über den Trainingsplatz auf die turmhohen Palmen zu. Ihr roséfarbener Rock umspielte ihre Beine. Ihre elf Halbschwestern sammelten sich ebenfalls auf dem Platz, eine jede in einem anderen Gewand, die Farbe sorgfältig von ihrer Lehrmeisterin für Ästhetik ausgewählt, um die Gesichtszüge der Mädchen vorteilhaft zur Geltung zu bringen.

Lara verabscheute die Farbe Rosa, aber niemand hatte sie nach ihrer Meinung gefragt.

Nach fünfzehn Jahren Gefangenschaft auf dem Gelände würden die Schwestern heute den letzten gemeinsamen Abend hier verbringen. Ihr Lehrmeister für Meditation hatte ihnen befohlen, die Stunde vor dem Abendessen an einem Lieblingsort zu verbringen und über all das nachzusinnen, das sie gelernt hatten, und auch über alles, das sie mit den ihnen gegebenen Mitteln erreichen würden.

Oder zumindest, was eine von ihnen erreichen würde.

Der Duft der Oase wehte als schwache Brise zu Lara herüber. Der Geruch von Früchten und grünen Blättern, vom Holzkohlenfeuer, über dem Fleisch garte, und vor allem von Wasser. Kostbarem, kostbarem Wasser. Das Gelände befand sich über einer der wenigen Quellen mitten in der Roten Wüste, aber fernab von allen Karawanen-Routen. Isoliert. Verborgen.

Genau so, wie ihr Vater, der König von Maridrina, es wollte. Und nach dem, was man Lara über ihn erzählt hatte, war er ein Mann, der immer bekam, was er wollte, auf die eine oder andere Weise.

Am Rand des Trainingsplatzes hielt Lara inne, strich sich mit den Fußsohlen über die Waden und wischte den Sand ab, bevor sie in zierliche, hochhackige Sandalen schlüpfte, ihr Gleichgewicht blieb so unerschütterlich, als trüge sie Kampfstiefel.

Klack, klack, klack. Ihre Absätze ahmten den hektischen Schlag ihres Herzens nach, als sie den mit Mosaiksteinchen bedeckten Weg entlangschritt und eine kleine Brücke überquerte. Der sanfte Klang der Saiteninstrumente erhob sich über das Gurgeln eines Wasserlaufs. Die Musikanten waren mit dem Gefolge ihres Vaters eingetroffen, um bei den Festlichkeiten des heutigen Abends für Unterhaltung zu sorgen. Lara zweifelte daran, dass für sie auch die Rückreise eingeplant war.

Eine Schweißperle rann ihr die Wirbelsäule hinunter, und der Riemen, in dem an der Innenseite ihres Oberschenkels ein Messer steckte, war bereits feucht. Du wirst heute Nacht nicht sterben, sang sie lautlos vor sich hin. Nicht heute Nacht.

Lara und ihre Schwestern trafen sich in der Mitte der Oase, einem von der Quelle eingerahmten Innenhof, der durch das Wasser ringsum einer grünen Insel glich. Sie gingen zu dem riesigen, mit Seide verhüllten Tisch, der schwer mit Tafelsilber beladen war, das für das hinter den Vorhängen bereits bereitstehende Dinner aus mehreren Gängen von Nöten war. Diener, die allesamt stumm waren, warteten hinter den dreizehn Stühlen und schauten starr auf ihre Füße. Als die Frauen sich näherten, zogen die Diener die Stühle zurück, und Lara setzte sich, ohne hinzusehen, denn sie wusste, dass das roséfarbene Kissen unter ihr liegen würde.

Keine der Schwestern sagte etwas.

Eine Hand griff unter dem Tisch nach ihrer. Lara gestattete ihrem Blick, nach links abzuirren, und sah flüchtig in Sarhinas Augen, bevor sie sich wieder ihrem Teller zuwandte. Alle zwölf Mädchen waren Töchter des Königs, jetzt zwanzig Jahre alt, und eine jede von ihnen geboren von einer anderen seiner Ehefrauen. Lara und ihre Halbschwestern waren an diesen geheimen Ort gebracht worden, um ein Training zu absolvieren, das noch keinem maridrinischen Mädchen je zuvor zuteilgeworden war. Ein Training, das jetzt seinen Abschluss fand.

Laras Magen revoltierte, und sie ließ Sarhinas Hand los, denn als sie die Haut der Schwester spürte, die ihr am nächsten war, kühl und trocken im Gegensatz zu ihrer eigenen, hätte sie sich am liebsten übergeben.

Wieder ertönte der Gong, und die Musikanten verstummten, als die Mädchen sich erhoben. Einen Herzschlag später erschien ihr Vater, dessen silbernes Haar im Lampenlicht glänzte, als er über den Pfad auf sie zukam. Seine azurfarbenen Augen waren identisch mit denen eines jeden anwesenden Mädchens. Obwohl Schweiß in kleinen Bächen an Laras Beinen hinabrann, war sie gut genug ausgebildet, um jedes Detail in sich aufzunehmen. Das Indigoblau seines Mantels. Das abgetretene Leder seiner Stiefel. Das um seine Taille gegürtete Schwert. Und als er sich umdrehte und um den Tisch herumging, sah sie ganz schwach die Umrisse einer Klinge, die an seiner Wirbelsäule versteckt war.

Sobald er Platz genommen hatte, folgten Lara und ihre Schwestern seinem Beispiel, und keine von ihnen gab auch nur den geringsten Laut von sich.

„Meine Töchter.“ Silas Veliant, der König von Maridrina, lehnte sich lächelnd auf seinem Stuhl zurück, wartete darauf, dass sein Vorkoster ihm zunickte, und nahm dann einen großen Schluck Wein. Sie alle ahmten die Bewegung nach, aber Lara schmeckte die dunkelrote Flüssigkeit kaum, als sie ihr über die Zunge glitt.

„Ihr seid mein kostbarster Besitz“, begann er und schwenkte leicht das Glas, um sie alle einzuschließen. „Von meinen zwanzig Abkömmlingen, die hierhergebracht worden sind, habt nur ihr überlebt. Dass ihr das geschafft habt, dass ihr aufgeblüht seid, ist eine beachtliche Leistung, denn das Training, das ihr absolviert habt, hätte selbst die besten Männer auf eine harte Probe gestellt. Und ihr seid keine Männer.“

Nur dieses Training hielt Lara davon ab, die Augen zusammenzukneifen. Hielt sie davon ab, überhaupt irgendeine Regung preiszugeben.

„Man hat euch alle hergebracht, damit ich entscheiden kann, welche von euch die Beste ist. Welche von euch mein Messer in der Dunkelheit sein wird. Welche von euch Königin von Ithicana werden wird.“ Seine Augen verströmten das ganze Mitgefühl eines Skorpions in der Wüste. „Welche von euch Ithicanas Verteidigung wirkungslos machen und es Maridrina auf diese Weise ermöglichen wird, zu seiner früheren Pracht zurückzufinden.“

Lara nickte knapp, und all ihre Schwestern taten das Gleiche. Niemand war besonders gespannt. Zumindest nicht, was die Wahl ihres Vaters betraf. Die Entscheidung war schon vor Tagen gefallen. Marylyn saß am gegenüberliegenden Ende des Tisches, ihr goldenes Haar lag wie eine geflochtene Krone um ihren Kopf, ihr Kleid dazu passend aus mit Goldfäden durchwirkter Seide. Marylyn war die naheliegende Wahl gewesen, brillant, anmutig, schön wie der Sonnenaufgang – und auch so verlockend wie der Sonnenuntergang.

Nein, sie warteten darauf, was als Nächstes kommen würde. Die Wahl, welche von ihnen dem Kronprinzen – inzwischen König – von Ithicana als Braut angeboten werden sollte, war getroffen. Bisher unbekannt war, was aus dem Rest von ihnen werden würde. Sie waren alle von königlichem Geblüt, was bedeutete, dass sie einigen Wert hatten.

Alle Schwestern, Marylyn eingeschlossen, hatten sich in den beiden letzten Nächten auf einem Stapel Kissen zusammengefunden, und eine jede von ihnen hatte Spekulationen über ihr aller Schicksal angestellt. Welchen der Wesire des Königs sie vielleicht ehelichen würden. Welchen anderen reichen Männern sie vielleicht als Bräute angeboten würden. Weder der Mann noch das Königreich spielten dabei eine Rolle. Das Einzige, das jedes Mädchen interessierte, war das Ende ihrer Gefangenschaft an diesem Ort.

Aber in all diesen langen Nächten hatte Lara am Rand der Gruppe gelegen, selbst nichts beigesteuert und die Zeit genutzt, um ihre Schwestern zu beobachten. Um sie zu lieben. Sich daran zu erinnern, wie sie gegen jede von ihnen gekämpft hatte und wie sie sie genauso oft innig umarmt hatte. Ihr Lächeln. Ihre Augen. Die Art, wie sie sich – selbst nachdem ihre Kindheit vorüber war – aneinandergekuschelt hatten wie frisch von ihrer Mutter getrennte Welpen.

Denn Lara wusste etwas, das die anderen nicht wussten: dass ihr Vater beabsichtigte, nur einer Schwester zu erlauben, das Gelände zu verlassen. Und das würde die künftige Königin von Ithicana sein.

Ein mit Käse und leuchtend bunten Früchten verzierter Salat wurde vor sie hingestellt, und Lara begann mechanisch, zu essen. Du wirst leben, du wirst leben, du wirst leben, betete sie sich im Geiste immer wieder vor.

„Seit Menschengedenken hält Ithicana den Handel fest im Griff und erschafft und zerstört Königreiche wie ein dunkler Gott.“ Ihr Vater richtete das Wort an sie alle, und seine Augen loderten hell. „Mein Vater und dessen Vater und dessen Vater vor ihm haben alle danach getrachtet, das Bridge Kingdom in die Knie zu zwingen. Mit Meuchlern, mit Kriegen, mit Blockaden, mit jedem ihnen zur Verfügung stehenden Mittel. Aber kein Einziger von ihnen ist auf die Idee gekommen, eine Frau zu benutzen.“ Er lächelte hinterhältig. „Maridrinische Frauen sind sanft. Sie sind schwach. Sie sind zu nichts anderem gut, als einen Haushalt zu führen und Kinder großzuziehen. Das gilt für alle bis auf euch zwölf.“

Lara zuckte mit keiner Wimper. Keine ihrer Schwestern tat das, und sie fragte sich einen Atemzug lang, ob ihm bewusst war, dass jede Einzelne von ihnen darüber nachsann, ihm wegen seiner beleidigenden Worte einen Dolch ins Herz zu stoßen. Er sollte nur zu gut wissen, dass jede von ihnen dazu in der Lage gewesen wäre.

„Vor fünfzehn Jahren“, fuhr ihr Vater fort, „hat der König von Ithicana eine Braut für seinen Sohn und Thronfolger als Tribut gefordert. Als Bezahlung.“ Er verzog höhnisch die Lippen. „Der Bastard ist inzwischen seit einem Jahr tot, und sein Sohn hat jetzt eingefordert, was ihm zusteht. Und Maridrina ist bereit.“ Er richtete den Blick auf Marylyn, dann auf die Diener, die daraufhin vortraten, um die Salatteller abzuräumen.

Die Nacht brach herein, und Lara nahm in den immer länger werdenden Schatten eine Bewegung wahr. Sie spürte die Anwesenheit der vielen Soldaten, die ihr Vater mitgebracht hatte. Die Diener tauchten mit dampfenden Suppenschalen wieder auf, und der Duft von Zimt und Lauch begleitete sie.

„Ithicanas Habgier, seine Selbstüberschätzung und seine Verachtung für euch wird sein Untergang sein.“

Lara gestattete es sich, den Blick vom Gesicht ihres Vaters abzuwenden und ihre Schwestern eine nach der anderen zu betrachten. Trotz ihres Trainings, trotz ihrer Kenntnisse seiner Pläne hatte er nie beabsichtigt, auch nur eine einzige von ihnen – abgesehen von seiner Auserwählten – nach diesem Essen länger als eine Stunde am Leben zu lassen.

Die Suppenteller wurden vor sie hingestellt, und jede einzelne der Schwestern wartete darauf, dass der Vorkoster ihres Vaters den ersten Schluck nahm und nickte. Dann griffen sie nach ihren Löffeln und begannen pflichtschuldigst, zu essen.

Lara tat das Gleiche.

Ihr Vater glaubte, dass Brillanz und Schönheit die wichtigsten Attribute der Tochter sein müssten, die er auswählte. Dass sie das Mädchen sein müsste, das den schärfsten Sinn für Kampf und Strategie gezeigt hatte. Das Mädchen, das in den Künsten des Schlafzimmers das größte Talent gezeigt hatte. Er hatte geglaubt, zu wissen, welche Eigenschaften die wichtigsten seien – aber eine hatte er vergessen.

Sarhina, die neben ihr saß, versteifte sich.

Es tut mir leid, flüsterte Lara ihren Schwestern stumm zu.

Dann wandte Sarhina sich plötzlich in Krämpfen.

Ich bete, dass ihr alle die Freiheit finden werdet, die ihr verdient.

Der Suppenlöffel in Sarhinas Hand flog über den Tisch, aber keins der anderen Mädchen bemerkte es. Keine von ihnen scherte sich darum, denn sie alle würgten, und Schaum quoll ihnen über die Lippen, während sie zuckten und keuchten und nacheinander vorwärts oder rückwärts oder zur Seite kippten. Dann hörten sie alle auf, sich zu bewegen.

Lara legte ihren Löffel neben die leere Suppenschale und schaute zu Marylyn hinüber, die mit dem Gesicht nach unten in ihrem Teller lag. Nachdem Lara sich erhoben hatte, umrundete sie den Tisch, hob den Kopf ihrer Schwester aus dem Geschirr und wischte ihr behutsam die Suppe vom Gesicht, bevor sie Marylyns Wange auf den Tisch legte. Als Lara das nächste Mal aufsah, hatte sich ihr Vater erhoben und sein Schwert halb gezückt. Er war blass geworden. Die Soldaten, die hinter den Vorhängen herumgelungert hatten, kamen herbeigeeilt und trieben die panischen Diener zusammen. Aber jeder, wirklich jeder starrte Lara an.

„Ihr habt die falsche Wahl getroffen, Vater.“ Lara richtete sich zu ihrer vollen Größe auf, als sie das Wort an ihren König wandte. Sie sah ihn durchdringend an und gestattete nun auch dem dunklen, gierigen und selbstsüchtigen Teil ihrer Seele, sich zu zeigen. „Ich werde die nächste Königin von Ithicana sein. Und ich werde das Bridge Kingdom in die Knie zwingen.“


2
Lara

Lara hatte gewusst, was als Nächstes kommen würde, aber es ging alles sehr schnell. Und doch war sie sich ziemlich sicher, dass sich jedes Detail bis zum Tag ihres Todes in ihren Geist eingebrannt hatte. Ihr Vater stieß das Schwert zurück in die Scheide, dann beugte er sich vor, um dem Mädchen, das ihm am nächsten saß, die Finger gegen die Kehle zu drücken, wo er sie einige Momente verharren ließ, während Lara das Geschehen leidenschaftslos beobachtete. Dann nickte er den Soldaten um sie herum einmal knapp zu.

Die Männer, deren Aufgabe es gewesen wäre, Lara und ihre Schwestern zu töten, richteten ihre Schwerter stattdessen gegen die Diener, deren zungenlose Münder sich zu stummen Schreien verzogen, während sie versuchten, dem Massaker zu entkommen. Die Musikanten wurden niedergemetzelt, genau wie die Köche in den abgelegenen Küchen und die Hausmädchen, die die Laken auf den Betten aufgeschlagen hatten, in denen nie wieder jemand schlafen würde. Schon bald blieben nur dem König treu ergebene Soldaten übrig, deren Hände vom Blut ihrer Opfer bedeckt waren.

Während all dessen verharrte Lara regungslos. Nur das Wissen, dass sie die einzige verbliebene Tochter war – dass sie das letzte Pferd war, das noch übrig war, um Wetten darauf abzuschließen –, hinderte sie daran, sich aus dem Gemetzel freizukämpfen und in die Wüste zu fliehen.

Erik, der Waffenmeister, trat mit gezogener Klinge zwischen den Palmen hervor. Sein Blick wanderte von Lara zu den reglosen Gestalten ihrer Schwestern, und er schenkte ihr ein trauriges Lächeln. „Es erstaunt mich nicht, dass du noch stehst, kleine Kakerlake.“

Es war ein Spitzname, den er ihr verliehen hatte, als sie hier angekommen war, fünf Jahre alt und mehr tot als lebendig nach dem Sandsturm, der ihre Reisegruppe auf ihrem Marsch durch die Wüste überrascht hatte. „Eis und Feuer mögen die Welt verwüsten, aber die Kakerlake überlebt“, hatte er gesagt. „Genau wie du.“

Sie mochte eine Kakerlake sein, aber dass sie noch immer atmete, verdankte sie ihm. Erik hatte sie vor zwei Tagen spätabends als Strafe für eine minderschwere Missetat auf den Trainingshof geschickt, und sie hatte Mitglieder der Truppe ihres Vaters dabei belauscht, wie sie Pläne für ihren Tod und den ihrer Schwestern geschmiedet hatten. Ein Gespräch, das Erik selbst geleitet hatte. Ihre Augen brannten, als sie ihn musterte – den Mann, der ihr weit mehr ein Vater gewesen war als der silberhaarige Monarch zu ihrer Rechten –, aber sie sagte nichts und schenkte ihm nicht einmal ein Lächeln als Antwort.

„Ist es erledigt?“, fragte ihr Vater.

Erik nickte. „Wir haben alle zum Schweigen gebracht, Eure Majestät. Bis auf mich selbst.“ Dann flackerte sein Blick zu den Schatten, die von den Lampen auf den Tischen nicht erhellt wurden. „Und die Elster.“

Aus diesen Schatten heraus trat nun ihr Intrigenmeister, und Lara beobachtete kühl den dünnen Mann, der jeden Aspekt des Abends dirigiert hatte.

Und die Elster sagte mit der nasalen Stimme, die Lara immer verabscheut hatte: „Das Mädchen hat euch den größten Teil der Schmutzarbeit abgenommen.“

„Lara hätte von Anfang an Eure erste Wahl sein sollen.“ Eriks Stimme war tonlos, aber Trauer erfüllte seine Augen, als er die zusammengesunkenen Mädchen betrachtete, bevor er wieder zu Lara schaute.

Lara wollte nach ihrem Messer greifen – wie konnte er es wagen, um ihre Schwestern zu trauern, wenn er nichts unternommen hatte, um sie zu retten –, aber Tausende Stunden Training befahlen ihr, sich nicht zu bewegen.

Erik machte eine tiefe Verbeugung vor seinem König. „Für Maridrina.“ Dann zog er sich sein Messer über die Kehle.

Lara biss die Zähne zusammen, denn ihr stieg der Inhalt ihres Magens hoch, bitter und widerlich und voll von dem gleichen Gift, das sie ihren Schwestern verabreicht hatte. Doch sie schaute nicht weg, sondern zwang sich, dabei zuzusehen, wie Erik zu Boden sackte. Das Blut floss ihm noch immer in großem Schwall aus der Kehle, bis sein Herz zu schlagen aufhörte.

Die Elster ging um die Blutlache herum und trat vollends ins Licht. „Wie dramatisch.“

Die Elster war natürlich nicht sein richtiger Name. Er hieß Serin, und von allen Männern und Frauen, von denen die Schwestern im Laufe der Jahre ausgebildet wurden, war er der Einzige, der nach eigenem Belieben das Gelände betreten und verlassen hatte. Der Mann, der das Netzwerk von Spionen und Ränken des Königs verwaltete.

„Er war ein guter Mann. Ein treuer Untertan.“ Die Stimme ihres Vaters war ohne jedwede Betonung, und Lara fragte sich, ob er die Worte ehrlich meinte oder ob er sie um der Soldaten willen sprach, die das Geschehen verfolgten. Selbst die entschlossenste Loyalität hatte ihre Grenzen, und ihr Vater war kein Narr.

Die Elster richtete seine schmalen Augen auf Lara. „Eure Majestät, Lara war, wie Ihr wisst, nicht meine erste Wahl. Ihre Leistungen waren in fast allen Bereichen ziemlich schlecht, mit der einzigen Ausnahme der Kampfdisziplin. Ihr Temperament gewinnt fortwährend die Oberhand. Marylyn“ – er deutete auf Laras Schwester – „war die naheliegende Wahl. Brillant und schön. Meisterhaft darin, ihre Gefühle unter Kontrolle zu halten, wie sie es in den vergangenen Tagen deutlich demonstriert hat.“ Er stieß einen angewiderten Laut aus.

Alles, was er über Marylyn sagte, entsprach der Wahrheit, aber es war nicht das, was ihre Schwester wirklich ausmachte. Ungebeten fluteten Erinnerungen Laras Geist. Bilder von Marylyn, wie sie behutsam ein von der Mutter verstoßenes Kätzchen pflegte, das jetzt die fetteste Katze auf dem Gelände war. Oder wie sie sich leise alle Kümmernisse ihrer Schwestern angehört und ihnen dann den perfektesten Rat gegeben hatte. Oder wie sie allen Dienern als Kind Namen gegeben hatte, weil sie es grausam fand, dass sie keine besitzen durften. Dann klärten sich die Erinnerungen, und zurück blieb nur der reglose Körper ihrer Schwester und goldenes, von Suppe verkrustetes Haar.

„Meine Schwester war zu gütig.“ Lara drehte den Kopf wieder zu ihrem Vater, und das Herz flatterte ihr in der Brust, obwohl sie ihn herausforderte. „Die zukünftige Königin von Ithicana muss den Herrscher des Landes verführen. Ihn glauben machen, sie sei arglos und aufrichtig. Sie muss ihn dazu bringen, ihr zu vertrauen, während sie ihre Position ausnutzt, um bis zu dem Moment, in dem sie ihn verrät, jede seiner Schwächen herausgefunden zu haben. Marylyn war nicht diese Frau.“

Ihr Vater musterte sie, ohne mit der Wimper zu zucken, und stimmte ihr mit einem kaum merklichen Nicken zu. „Aber du bist es?“

„Ja.“ Ihr Puls brüllte in ihren Ohren, ihre Haut klebrig trotz der Hitze.

„Ihr irrt euch nicht oft, Serin“, sagte ihr Vater. „Aber in diesem Fall glaube ich, dass Ihr auf dem falschen Weg wart und dass das Schicksal eingegriffen hat, um diesen Fehler zu beheben.“

Der Intrigenmeister versteifte sich, und Lara fragte sich, ob er jetzt begriff, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing. „Wie Ihr meint, Majestät. Anscheinend besitzt Lara eine Eigenschaft, die ich bei meinen Prüfungen nicht bedacht habe.“

„Die wichtigste Eigenschaft von allen: Skrupellosigkeit.“ Der König musterte sie einen Moment lang, dann drehte er sich wieder zu der Elster um. „Macht die Karawane bereit. Wir brechen noch heute Abend nach Ithicana auf.“ Dann lächelte er sie an, als sei sie unendlich kostbar. „Es wird Zeit, dass meine Tochter ihren künftigen Gemahl kennenlernt.“


3
Lara

Flammen züngelten am Nachthimmel, als sie losritten, aber Lara riskierte nur einen einzigen Blick zurück auf das brennende Gelände, das ihr Zuhause gewesen war, auf die blutbespritzten Böden und die Wände, die immer schwärzer wurden, während das Feuer alle Beweise der Verschwörung verschlang, die seit mehr als fünfzehn Jahren geplant wurde. Einzig das Herz der Oase, wo der von der Quelle umflossene Tisch stand, würde unberührt bleiben.

Es war immer noch fast mehr, als sie ertragen konnte, ihre schlummernden Schwestern umringt von Feuer zurückzulassen, ohnmächtig und hilflos, bis das Betäubungsmittel, das sie ihnen verabreicht hatte, seine Wirkung verlor. Schon jetzt sollte sich ihr Puls, der für eine gefährlich lange Zeit bis fast zum Tod verlangsamt worden war, beschleunigen, und jeder, der genau hinschaute, würde erkennen, dass sie nach wie vor atmeten. Wenn Lara Ausreden vorgeschützt hätte, um noch länger hierzubleiben und sich davon zu überzeugen, dass sie außer Gefahr waren, hätte sie lediglich riskiert, aufzufliegen, und dann wäre ihr ganzer Einsatz vergebens gewesen.

„Verbrennt sie nicht. Lasst sie für die Aasfresser liegen, die ihnen die Knochen sauber abnagen werden“, hatte sie ihrem Vater geraten, und ihr Magen hatte sich zusammengekrampft, bis er gelacht und ihrer makabren Bitte zugestimmt hatte. Ihre Schwestern waren zusammengesunken auf dem Tisch zurückgelassen worden, während die abgeschlachteten Diener einen blutigen Kreis um sie herum bildeten.

Das war es, wo ihre Schwestern erwachen würden: umgeben von Feuer und Tod. Denn nur wenn ihr Vater glaubte, dass sie zum Schweigen gebracht worden waren, hatten sie auch nur die geringste Chance auf eine Zukunft. Lara würde ihre Mission fortführen, während ihre Schwestern sich ihr eigenes Leben aufbauten – frei, um Herrscherinnen über ihr eigenes Schicksal zu sein. All das hatte sie in dem Brief erklärt, den sie Sarhina in die Tasche geschoben hatte, während ihr Vater den Befehl gegeben hatte, das Gelände nach Überlebenden abzusuchen. Denn niemand durfte am Leben bleiben, der auch nur ein Wort über die Spionin flüstern könnte, die jetzt auf dem Weg zu ihrer Hochzeit in Ithicana war.

Ihre Reise durch die Rote Wüste würde voller Herausforderungen und Gefahren sein. In diesem Moment aber war Lara davon überzeugt, dass ihr nichts davon so sehr zu schaffen machen würde wie das endlose Geplapper von der Elster. Denn da Laras Stute mit Marylyns Mitgift beladen war, hatte man sie angewiesen, hinter dem Intrigenmeister im Damensattel zu reiten.

„Von nun an müsst Ihr die perfekte maridrinische Dame sein“, belehrte er sie, und seine Stimme zerrte an ihren Nerven. „Wir dürfen das Risiko nicht eingehen, dass irgendjemand sieht, wie Ihr euch undamenhaft benehmt, nicht einmal jene, die Seine Majestät für loyal hält.“ Er warf einen vielsagenden Blick auf die Wachen ihres Vaters, die mit einstudierter Mühelosigkeit die Karawane zusammengestellt hatten.

Kein einziger der Männer sah sie an.

Sie wussten nicht, was sie war. Wozu sie ausgebildet worden war. Was außer der Erfüllung eines Kontraktes mit dem feindlichen Königreich ihre Aufgabe war. Aber jeder Einzelne von ihnen glaubte, dass sie kaltblütig ihre Schwestern ermordet hatte. Was in ihr die Frage aufwarf, wie lange ihr Vater diese Männer noch am Leben lassen würde.

„Wie habt Ihr es gemacht?“

Die Worte der Elster rissen Lara einige Stunden später aus ihren Gedanken, und sie zog den weißen Seidenschal fester um ihr Gesicht, obwohl der Mann mit dem Rücken zu ihr saß. „Gift.“ Sie legte einen Hauch von Schroffheit in ihre Stimme.

Er schnaubte. „Hach, sind wir jetzt schnippisch, da wir glauben, wir seien unberührbar?“

Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen, während sie die Hitze der Sonne, die hinter ihnen aufging, deutlich spürte. Dann tauchte sie in den Teich der Ruhe ein, den ihr Meditationsmeister ihr gelehrt hatte, immer dann einzusetzen, wenn sie Strategien entwarf. „Ich habe die Suppenlöffel vergiftet.“

„Wie? Ihr habt nicht gewusst, wo Ihr sitzen würdet.“

„Ich habe alle Löffel vergiftet bis auf die an der Stirnseite des Tisches.“

Die Elster schwieg.

Lara sprach weiter: „Ich habe jahrelang kleine Dosen der unterschiedlichsten Gifte eingenommen, um meine Toleranz aufzubauen.“ Trotzdem hatte sie sich zum Erbrechen gezwungen, sobald sie die Gelegenheit dazu bekommen hatte, und sie hatte sich wieder und wieder übergeben, bis ihr Magen leer gewesen war. Dann hatte sie das Gegenmittel eingenommen, und der Schwindel sowie die Übelkeit waren das einzige verbliebene Zeichen dafür, dass sie überhaupt ein Betäubungsmittel zu sich genommen hatte.

Der winzige Körper des Intrigenmeisters verspannte sich. „Was wäre gewesen, wenn die Sitzordnung verändert worden wäre? Ihr hättet den König töten können.“

„Sie hat offenbar geglaubt, dass es das Risiko wert sei.“

Lara legte den Kopf schief. Sie hatte das Klimpern der Glocken am Zaumzeug ihres Vaters gehört, als dieser sich ihnen von hinten genähert hatte. Sein Ross war mit Silber geschmückt und nicht wie die Reittiere der Wachen mit Blech.

„Du bist davon ausgegangen, dass ich vorhatte, die Mädchen zu töten, die ich nicht brauche“, sprach er weiter. „Aber statt deine Schwestern zu warnen oder einen Fluchtversuch zu wagen, hast du sie ermordet, um den Platz der Auserwählten einzunehmen. Warum?“

Weil es für die Mädchen ein Leben auf der Flucht bedeutet hätte, wenn sie sich ihren Weg in die Freiheit erkämpft hätten. Ihren Tod vorzutäuschen, war die beste Möglichkeit gewesen. „Ich mag mein Leben in Isolation verbracht haben, Vater, aber die Lehrer, für die Ihr euch entschieden habt, haben mich gut ausgebildet. Ich weiß um die Not, die unser Volk unter Ithicanas Joch auf den Handel erlitten hat. Unser Feind muss in die Knie gezwungen werden, und ich bin die Einzige unter uns Schwestern, die in der Lage ist, das zu tun.“

„Du hast deine Schwestern zum Wohle unseres Landes ermordet?“ Seine Stimme klang erheitert.

Lara zwang ein trockenes Kichern über ihre Lippen. „Wohl kaum. Ich habe sie ermordet, weil ich weiterleben wollte.“

„Ihr habt mit dem Leben des Königs gespielt, um Eure eigene Haut zu retten?“ Serin drehte sich zu ihr um, er war leicht grün im Gesicht. Er hatte sie ausgebildet, was bedeutete, dass es das Recht des Königs wäre, ihm die Schuld an allem zu geben, das sie getan hatte. Und ihr Vater war für seine Unbarmherzigkeit bekannt.

Aber der König von Maridrina stieß nur ein vergnügtes Lachen aus. „Gespielt und gewonnen.“ Er beugte sich vor und schob Laras Schal beiseite, um ihre Wange zu umfassen. „König Aren wird erst begreifen, was er da vor sich hat, wenn es schon viel zu spät ist. Eine schwarze Witwe in seinem Bett.“

König Aren von Ithicana. Aren, ihr zukünftiger Gemahl.

Lara nahm nur am Rande wahr, dass ihr Vater seinen Wachen den Befehl erteilte, das Lager aufzuschlagen, um die Hitze des Tages zu verschlafen.

Einer der Wachposten hob sie von Serins Kamel, und sie setzte sich auf eine Decke, während die Männer das Lager errichteten. Sie nutzte die Zeit, um darüber nachzudenken, was ihr bevorstand.

Lara wusste genauso viel über Ithicana wie die meisten Maridriner – wahrscheinlich sogar mehr. Ithicana war ein Königreich, um das sich ebenso viele Rätsel rankten wie Nebelschwaden: eine Reihe von Inseln, die sich zwischen zwei Kontinenten erstreckten, geschützt von der Stürmischen See und den Verteidigungsanlagen der Ithicaner, um Eindringlinge abzuwehren. Aber das war es nicht, was Ithicana so mächtig machte. Es war die Brücke, die sich über diese Inseln spannte und für zehn Monate des Jahres den einzigen sicheren Weg bildete, zwischen den Kontinenten zu reisen und Waren zu transportieren. Und Ithicana nutzte seinen Vorteil gnadenlos aus, um die Königreiche, die auf den Handel über die Brücke angewiesen waren, hungern zu lassen. Verzweifeln zu lassen. Bis sie bereit waren, jeden Preis zu zahlen, den das Bridge Kingdom für seine Dienste verlangte.

Als Laras Zelt fertig aufgebaut war, wartete sie, bis die Männer ihre Taschen hineingetragen hatten, dann schlüpfte sie ebenfalls in den willkommenen Schatten, wobei sie dem Drang widerstand, ihnen im Vorbeigehen zu danken.

Sie war gerade lange genug allein, um ihren Schal abzulegen, bevor ihr Vater zu ihr ins Zelt kam, dicht gefolgt von Serin.

„Ich muss jetzt damit beginnen, Euch den Code beizubringen“, erklärte der Intrigenmeister und wartete, bis der König saß, ehe er es sich vor Lara bequem machte. „Marylyn hat diesen Code selbst ersonnen, und ich vermute, dass es eine Herausforderung sein wird, ihn Euch in so kurzer Zeit beizubringen.“

„Marylyn ist tot“, erwiderte sie und nahm einen Schluck von dem lauwarmen Wasser aus ihrer Feldflasche, bevor sie sie wieder zuschraubte.

„Erinnert mich nicht daran“, blaffte er sie an.

Ihr Lächeln war erfüllt von einem Selbstbewusstsein, das sie nicht empfand. „Findet Euch damit ab, dass ich alles bin, was von den Mädchen, die Ihr ausgebildet habt, übrig geblieben ist, dann werde ich Euer Gedächtnis nicht auffrischen müssen.“

„Fangt an“, befahl ihr Vater, dann schloss er die Augen. Seine Anwesenheit in ihrem Zelt diente lediglich dem Anstand.

Serin begann mit seinen Unterweisungen im Gebrauch des Codes. Sie musste ihn komplett auswendig lernen, da sie keine Notizen nach Ithicana mitnehmen konnte. Ob sie den Code jemals würde nutzen können, hing davon ab, ob der König von Ithicana ihr die Freundlichkeit erwies und ihr erlaubte, mit ihrer Familie zu korrespondieren. Und Freundlichkeit, das hatte man ihr erklärt, war keine Eigenschaft, für die der Mann bekannt war.

„Wie Ihr wisst, sind die Ithicaner vorbildlich im Knacken von Codes, und alles, was Ihr werdet senden können, wird genau überprüft werden. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sie auch diesen Code durchschauen.“

Lara hob eine Hand und zählte die Punkte an ihren Fingern ab, während sie sprach. „Ich muss also damit rechnen, vollkommen isoliert zu werden, sowohl von den Ithicanern als auch von der Außenwelt. Man wird mir vielleicht erlauben, zu korrespondieren, oder auch nicht, und selbst wenn man es mir erlaubt, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass unser Code geknackt wird. Ihr habt keine Möglichkeit, mich zu erreichen, um selbst die Nachricht zu überbringen. Ich habe keine Möglichkeit, über ihre Leute etwas zu verschicken, denn es ist Euch bisher nicht gelungen, auch nur einen Einzigen auf Eure Seite zu ziehen.“ Sie ballte die Hand zur Faust. „Abgesehen von einer Flucht, die das Ende meiner Möglichkeiten bedeuten würde, für Euch zu spionieren, wie erwartet Ihr, dass ich Euch die Informationen zukommen lasse?“

„Wenn es eine einfache Lösung gäbe, hätten wir sie bereits gefunden.“ Serin zog ein großes Pergament aus der Tasche. „Es gibt nur einen einzigen Ithicaner, der mit der Außenwelt korrespondiert, und das ist König Aren persönlich.“

Sie nahm das goldumrandete Pergament entgegen, dem das Wappen Ithicanas – eine gewölbte Brücke – eingeprägt war. Dann studierte sie das präzise Schreiben, das Maridrina aufforderte, eine Prinzessin zu liefern, die gemäß den Bedingungen des Fünfzehn-Jahre-Vertrags seine Braut werden sollte. Außerdem enthielt das Dokument eine Einladung, neue Handelsbedingungen zwischen den Königreichen zu vereinbaren. „Ihr wollt, dass ich in einer seiner Nachrichten eine Nachricht verberge?“

Serin nickte und reichte ihr ein Glas mit klarer Flüssigkeit. Unsichtbare Tinte. „Wir werden versuchen, ihm Nachrichten zu entlocken, um Euch diese Chance zu ermöglichen, aber er neigt nicht zu regelmäßiger Korrespondenz. Aus diesem Grund sollten wir uns wieder dem Studium des Codes Eurer Schwester zuwenden.“

Die Lektion war ermüdend, und Lara war erschöpft. Es kostete sie ihre ganze Selbstbeherrschung, nicht vor Erleichterung zu seufzen, als Serin endlich zu seinem eigenen Zelt aufbrach.

Ihr Vater erhob sich gähnend.

„Darf ich eine Frage stellen, Euer Majestät?“, sagte sie, bevor er gehen konnte.

Als er nickte, befeuchtete sie ihre Lippen. „Habt Ihr ihn einmal gesehen? Den neuen König von Ithicana?“

„Niemand hat ihn gesehen. Sie tragen immer Masken, wenn sie Ausländer treffen.“ Dann schüttelte ihr Vater den Kopf. „Aber ich bin ihm einmal begegnet. Das war vor Jahren, als er noch ein Kind war.“

Lara wartete, während ihre Handflächen die Seide ihres Kleides nass werden ließen.

„Es heißt, er sei noch skrupelloser als sein Vater vor ihm. Ein harter Mann, der Ausländern gegenüber keine Gnade zeigt.“ Er suchte ihren Blick, und das untypische Mitleid in seinen Augen ließen ihre Hände eiskalt werden. „Ich habe das Gefühl, dass er dich grausam behandeln wird, Lara.“

„Ich bin dazu ausgebildet worden, Schmerz zu ertragen.“ Schmerz und Hunger und Isolation. Alles, was ihr möglicherweise in Ithicana drohte. Sie war dazu ausgebildet worden, es zu ertragen und ihrer Mission treu zu bleiben.

„Die Grausamkeit wird vielleicht nicht die Form von Schmerzen bringen, die du erwartest.“ Ihr Vater griff nach ihrer Hand und drehte sie um, um ihre Handfläche zu entblößen und zu studieren. „Sei vor allem vor ihrer Freundlichkeit auf der Hut, Lara. Denn die Ithicaner sind überaus gerissen. Und ihr König wird nichts geben, ohne das zu verlangen, was ihm zusteht.“

Ihr Puls beschleunigte sich.

„Das Herz unseres Königreichs ist gefangen zwischen der Roten Wüste und der Stürmischen See, und Ithicanas Brücke ist die einzig sichere Route hinaus“, fuhr er fort. „Weder Wüste noch Meer unterwerfen sich irgendeinem Herrn, und Ithicana … Sie würden unser Volk eher verarmen und verhungern lassen, würden es eher zerstören, als jemals zu erlauben, dass der Handel frei fließt.“ Er ließ ihre Hand los. „Über Generationen hinweg haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, um sie zur Vernunft zu bringen. Um ihnen klar zu machen, welchen Schaden ihre Habgier den unschuldigen Bewohnern unserer Reiche zufügt. Aber die Ithicaner sind keine Menschen, Lara. Sie sind Dämonen, die sich in Menschengestalt verstecken. Was du, wie ich befürchte, sehr bald herausfinden wirst.“

Lara beobachtete ihren Vater, als er das Zelt verließ, dann krümmte sie ihre Finger. Am liebsten würde sie sie um irgendwelche Waffen schließen. Um anzugreifen. Um zu verstümmeln. Um zu töten.

Nicht wegen seiner Worte.

So ernst die Warnung ihres Vaters auch war, es war eine, die sie schon ungezählte Male gehört hatte. Nein, es war das Heruntersacken seiner Schultern. Die Resignation in seiner Stimme. Die Hoffnungslosigkeit, die sich kurz in seinen Augen gezeigt hatte. Alles Zeichen dafür, dass ihr Vater trotz allem, was er in dieses Glücksspiel investiert hatte, nicht wirklich daran glaubte, dass sie mit ihrer Mission Erfolg haben würde. So sehr Lara es hasste, unterschätzt zu werden, sie verabscheute es noch mehr, dass jene, die ihr etwas bedeuteten, Schaden nahmen. Und da ihre Schwestern jetzt frei waren, lag ihr nichts mehr am Herzen als Maridrina.

Ithicana würde für seine Verbrechen an ihrem Volk zahlen, und wenn sie mit dem König des Bridge Kingdoms fertig war, würde er nicht einfach nur nachgeben.

Er würde bluten.

 

Nach weiteren vier Nächten der Reise nach Norden wichen die roten Sanddünen Hügeln mit trockenen Büschen und teils abgestorbenen Bäumen, dann zerklüfteten Bergen, die den Himmel zu berühren schienen. Sie folgten schmalen Schluchten, die Tageshitze wurde milder, die Luft feuchter, und immer öfter bedeckten grüne Flecken die endlose braune Erde. Jetzt sahen sie gelegentlich sogar Blumen mit Blüten in strahlenden Farben. Das ausgetrocknete Flussbett, dem sie folgten, wurde schlammig, und mehrere Stunden später durchquerte die Karawane brackiges Wasser, das nach allen Seiten wegspritzte. Abseits des Flusslaufs blieb die Erde jedoch knochentrocken, das Gelände schroff und anscheinend unbewohnbar.

Männer, Frauen und Kinder hielten in ihrer Arbeit auf den Feldern inne, um die an ihnen vorbeiziehende Gruppe zu beobachten. Sie alle waren mager, trugen fadenscheinige Kleider aus selbst gewebten Tüchern und dazu Strohhüte mit breiter Krempe, um sich vor der sengenden Sonne zu schützen. Sie lebten von den spärlichen Ernten und dem knochigen Vieh, das sie hielten; eine andere Wahl hatten sie nicht. In früheren Generationen hingegen hatten die Familien mit ihren Gewerben und Geschäften genug verdient, um sich aus Harendell über die Brücke importiertes Fleisch und Getreide leisten zu können. Doch das hatte sich geändert, nachdem Ithicana die Steuern und Zölle erhöht hatte. Jetzt waren solche Importe nur noch für die Reichen erschwinglich, und der arbeitenden Bevölkerung Maridrinas blieb nichts anderes übrig, als den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder diesen trockenen Feldern abzuringen.

Und das schafften diese armen Menschen nur mit knapper Not, wie Lara aufs Neue bewusst wurde, und ihre Brust schnürte sich zusammen, als neben der Karawane Kinder herliefen, deren Rippen unter den zerlumpten Kleidern leicht zu zählen waren.

„Gott segne Seine Majestät!“, riefen sie. „Gott segne die Prinzessin!“ Kleine Mädchen liefen neben Serins Kamel her und reckten sich, um ihr geflochtene Zöpfe aus Wildblumen zu schenken.

Lara nahm sie mit Dank an, drapierte sie sich über die Schultern und dann über den Sattel, als es zu viele wurden. Serin gab ihr einen Sack mit Silbermünzen, die sie verteilen sollte, und es war eine echte Herausforderung, ihre Finger ruhig zu halten, während sie die Münzen in winzige Hände drückte.

Die Kinder lernten sehr bald Laras Namen, und als der schlammige Fluss auf dem Weg zum Meer plötzlich kristallklar über ausgedehnte Stromschnellen floss, riefen sie: „Gesegnet sei Prinzessin Lara! Wacht über unsere schöne Prinzessin!“ Aber es waren die immer lauter gesungenen Worte „Gesegnet sei Lara, Maridrinas Märtyrerin“, die Laras Hände kalt werden ließen. Sie hielten sie wach, noch lange nachdem Serin seinen allabendlichen Unterricht beendet hatte, und füllten ihren Schlaf mit Albträumen, als sie endlich wegdämmerte. Es waren Träume, in denen sie von spottenden Dämonen gefangen gehalten wurde, Träume, in denen all ihre Talente sie im Stich ließen und in denen sie sich nicht befreien konnte, was auch immer sie tat. Es waren Träume, in denen Maridrina lichterloh brannte.

Und mit jedem Tag kamen sie ihrem Ziel näher.

Als die Erde immer fruchtbarer und feuchter wurde, stieß ein größeres Kontingent von Soldaten zu ihrer Karawane, und Lara wurde vom Kamel in eine von zwei weißen Pferden gezogene blaue Kutsche verfrachtet. Das Zaumzeug der Schimmel war mit den gleichen Silbermünzen geschmückt wie das Pferd von Laras Vater. Mit den Soldaten kam auch ein ganzes Gefolge von Dienern, die sich um alles kümmerten, was Lara brauchte, die sie wuschen und frisierten und schmückten. Schon bald würden sie Vencia erreichen, die Hauptstadt Maridrinas.

Das Getuschel der Bediensteten entging Lara natürlich nicht: Dass ihr Vater die zukünftige Braut für Ithicanas König all die Jahre zu ihrem eigenen Schutz in der Wüste versteckt gehalten hatte. Dass sie eine heiß geliebte Tochter sei, geboren von einer bevorzugten Gemahlin, die von ihm persönlich ausgewählt worden war, um die beiden Königreiche in Frieden zu einen. Ihr Charme und ihre Anmut sollten dafür sorgen, dass Ithicana ihrem Herkunftsland, dem Königreich Maridrina, all die Vorteile gewährte, die ein Verbündeter genießen sollte und die es Maridrina ermöglichen würden, zu neuer Blüte zu gelangen.

Die bloße Vorstellung, dass Ithicana so etwas erlauben würde, war lächerlich, aber Lara empfand keine Erheiterung über die Naivität der einfachen Leute. Nicht, wenn sie die verzweifelte Hoffnung in ihren Augen sah. Stattdessen schürte sie bedächtig ihren eigenen Zorn und verbarg ihn unter einem sanften Lächeln und anmutigem Winken aus dem offenen Fenster der Kutsche. Sie brauchte diese Stärke, wenn man bedachte, dass sie auch anderes Getuschel hörte: „Habt Mitleid mit der armen, sanften Prinzessin“, sagten die Diener mit Kummer in den Augen. „Was wird aus ihr werden inmitten dieser Dämonen? Wie soll sie ihre Brutalität überleben?“

„Hast du Angst?“ Ihr Vater zog zu Laras großem Missfallen die Vorhänge der Kutsche zu, als sie die Außenbezirke von Vencia erreichten. Es war die Stadt, in der sie geboren wurde, und sie hatte sie nicht mehr gesehen, seit sie aus dem Harem fortgeholt und zu der Oase gebracht worden war, um im Alter von fünf Jahren ihr Training zu beginnen.

Sie drehte sich zu ihm um. „Ich wäre eine Närrin, wenn ich keine Angst hätte. Wenn sie herausfinden, dass ich eine Spionin bin, werden sie mich töten und dann aus reiner Bosheit die Handelskonzessionen zurücknehmen.“

Ihr Vater gab einen zustimmenden Laut von sich, dann zog er zwei mit maridrinischen Rubinen besetzte Messer unter seinem Mantel hervor und reichte sie ihr. Lara erkannte in ihnen die zeremoniellen Waffen, die zum Feststaat verheirateter Maridrinerinnen gehörten. Sie sollten von einem Ehemann zur Verteidigung der Ehre seiner Gemahlin benutzt werden, aber typischerweise waren die Klingen stumpf. Dekorativ. Nutzlos.

„Sie sind wunderschön. Danke.“

Er lachte leise. „Schau genauer hin.“

Lara zog die Messer aus ihrer Scheide, prüfte die Klingen und stellte fest, dass sie scharf waren, aber die Balance stimmte nicht. Dann beugte ihr Vater sich vor und drückte auf eins der Juwelen, und die goldene Hülle fiel herunter, um ein Wurfmesser zu entblößen.

Lara lächelte.

„Wenn sie dir nicht erlauben, mit der Außenwelt Verbindung aufzunehmen, wirst du auf den richtigen Zeitpunkt warten müssen und währenddessen ihre Geheimnisse in Erfahrung bringen, bevor du fliehst. Vielleicht kämpfst du dir ja sogar den Weg frei und kehrst mit dem, was du herausgefunden hast, zu uns zurück.“

Sie nickte und ließ die Waffen in ihren Händen vor- und zurückschnellen, um ein Gefühl dafür zu bekommen. Unter keinen Umständen würde sie zurückkehren und ihre Invasionsstrategie freiwillig preisgeben. Das wäre Selbstmord.

Nachdem sie von der Absicht ihres Vaters erfahren hatte, sie und ihre Schwestern – mit einer Ausnahme – bei ihrem gemeinsamen Festmahl in der Wüste zu töten, hatte Lara genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken, warum ihr Vater die Töchter tot sehen wollte, die nicht dazu bestimmt waren, Königin zu sein. Dahinter steckte mehr als nur der Wunsch, seine Verschwörung geheim zu halten, bis er die Brücke erfolgreich erobert hatte. Ihr Vater wollte, dass diese Verschwörung für immer geheim blieb, denn wenn jemand davon erfuhr, würde das die Möglichkeit, eins seiner anderen noch lebenden Kinder für politische Verhandlungen zu nutzen, schlagartig vernichten. Niemand würde ihm jemals wieder vertrauen. Genauso, wie er ihr niemals vertrauen würde. Was bedeutete, dass auch Lara zum Schweigen gebracht werden würde, sollte sie jemals zurückkehren, erfolgreich oder nicht.

Ihr Vater durchbrach ihre Gedanken. „Ich war dabei, als ihr Mädchen eure ersten Morde begangen habt“, sagte er. „Hast du das gewusst?“

Die Klingen erstarrten in ihren Händen, als Lara sich an jenen Tag erinnerte. Sie und ihre Schwestern waren sechzehn gewesen, als unter Serins wachsamem Blick eine Reihe in Ketten liegender Männer auf das Gelände gebracht worden waren. Es waren Plünderer aus Valcotta gewesen, die man gefangen genommen und hergebracht hatte, um die Kriegerprinzessinnen Maridrinas auf die Probe zu stellen. Töten oder getötet werden, hatte Meister Erik ihnen erklärt, als man sie eine nach der anderen in den Kampfhof gestoßen hatte. Einige ihrer Schwestern hatten gezögert und waren unter den verzweifelten Hieben der Plünderer gefallen. Lara war das nicht passiert. Sie würde niemals das Geräusch des fleischigen, dumpfen Aufpralls ihrer Klinge vergessen, als sie sich von der anderen Seite des Hofes in die Kehle ihres Gegners gebohrt hatte. Ebenso wenig das Erstaunen, mit dem er sie angestarrt hatte, bevor er langsam im Sand zusammengebrochen war und sein Blut eine Lache um ihn herum gebildet hatte.

„Nein, das habe ich nicht gewusst“, antwortete sie.

„Messer sind, wenn ich mich recht erinnere, deine Spezialität.“

Töten war ihre Spezialität.

Die Kutsche holperte über gepflasterte Straßen, und die Hufe der Pferde machten auf dem Stein scharfe, klackernde Geräusche. Lara hörte draußen immer wieder Jubel, und sie zog den Vorhang beiseite und versuchte, den schmutzigen Männern und Frauen zuzulächeln, die die Straßen säumten und deren Gesichter von Hunger und Krankheit bleich waren. Noch schlimmer waren die Kinder unter ihnen. Sie wirkten so stumpf und hoffnungslos und wehrten nicht einmal mehr die Fliegen ab, die sie umschwirrten und sich auf ihrer Haut niederließen.

„Warum tut Ihr nichts für sie?“, fragte sie ihren Vater, der mit ausdrucksloser Miene aus dem Fenster schaute.

Er richtete den Blick seiner blauen Augen auf sie. „Warum, glaubst du, habe ich dich erschaffen?“ Dann griff er in seine Tasche und gab ihr eine Handvoll Silber, das sie aus dem Fenster werfen konnte, was sie auch tat.

Sie schloss die Augen, als ihre verarmten Untertanen um das glänzende Metall kämpften. Sie würde sie retten. Sie würde Ithicana die Kontrolle über die Brücke entreißen, und kein Maridriner würde je wieder Hunger leiden.

Die Pferde verlangsamten ihr Tempo und trabten die steilen, gewundenen Straßen zum Hafen hinunter. Wo das Schiff darauf wartete, sie nach Ithicana zu bringen.

Lara zog den Vorhang vollständig beiseite, um ihren ersten Blick auf das Meer zu erhaschen. In der Luft lag der Duft von Fisch und Salz. Auf dem Wasser war Gischt zu sehen, und das Heben und Senken der Wellen nahm Laras ganze Aufmerksamkeit ein, während ihr Vater ihr die Messer aus den Händen nahm, um sie zur richtigen Zeit zurückzugeben.

Die Kutsche fuhr über einen Markt, der fast kein Lebenszeichen zeigte. Die Stände waren verwaist. „Wo sind denn alle?“, fragte sie.

Das Gesicht ihres Vaters war dunkel und undeutbar. „Sie warten darauf, dass du ihnen die Tore nach Ithicana öffnest.“

Die Kutsche rollte in den Hafen und blieb dann stehen. Ohne jedwedes Zeremoniell half ihr Vater ihr aus der Kutsche. Das Schiff, das auf sie beide wartete, hatte die azurblaue und silberne Flagge gehisst. Maridrinas Farben.

Er führte sie eilends zum Kai hinunter und über eine Laufplanke auf das Schiff. „Die Überfahrt nach Südwacht dauert weniger als eine Stunde. Unten warten bereits Diener darauf, dich zurechtzumachen.“

Lara warf einen letzten Blick zurück auf Vencia, auf die Sonne, die heiß und strahlend darauf herabbrannte, dann richtete sie den Blick auf die Wolken, den Nebel und die Dunkelheit, die auf der anderen Seite der schmalen Meeresenge vor ihr lagen. Ein Königreich, das sie retten musste. Ein Königreich, das sie vernichten musste.

Ein Drache, zwei Reiter, eine magische Verbindung

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Bound by FlamesBound by Flames

Roman

Eine Thronerbin wird zur Drachenreiterin!

Einen Drachen fliegt man nur zu zweit. Es ist eine Ehre – und ein Todesurteil, zumindest für den schwächeren der beiden Drachenreiter, dessen Lebenskraft von der Magie des Drachen verschlungen wird. Um einer Zwangsheirat zu entgehen, meldet sich Prinzessin Caja dennoch freiwillig, eine Drachenreiterin zu werden. Aber nur einer erklärt sich bereit, ihr Partner zu werden: der viel zu starke Reiter Sy mit seinem Drachen Eleni. Damit Caja überlebt, müssen sie ihre Kräfte ins Gleichgewicht bringen, und kommen sich dabei näher als gedacht. Doch Liebe ist unter Drachenreitern strengstens verboten …


Band 1: Bound by Flames

Band 2: Freed by Fire

Prolog

„Dubhar“, hörte ich einen Wächter von den Zinnen unseres Schlosses so laut rufen, dass ich es bis in mein Turmzimmer vernehmen konnte und seine Warnung mich sogar aus dem Tiefschlaf riss. Gleich darauf läutete die Glocke auf dem höchsten Wehrturm Sturm, und ganz Avion erwachte mit einem Ruck.

Dubhar. Sie kamen wie immer mitten in der Nacht. Sobald sich die Menschheit zum Schlaf bettete und der rötlich schimmernde Blutmond am Firmament seine Bahnen zog, flogen sie in dichten, tödlichen Schwärmen los.

Wenn die Untiere die Hauptstadt meines Landes Altara angriffen, war das übel. In meiner Kindheit hatten sie das ein einziges Mal getan. Dreihundert Tote, darunter der König selbst. Mein Vater war über Nacht auf den Thron gesetzt worden. Ich erinnerte mich kaum an die damalige Attacke, da ich erst drei Jahre alt gewesen war, doch die Schreckgeschichten sorgten dafür, dass ich innerhalb eines Lidschlags aus meinem gemütlichen Bett sprang und mir hastig ein Kleid und die Stiefel anzog. Zeitgleich öffnete sich die Tür, und mein Leibwächter Leiad stürmte herein.

Im Gegensatz zu mir war er längst angezogen und schwer bewaffnet. An einem Gürtel um die Hüften trug er sein Schwert, und an zwei vor der Brust gekreuzten Lederschlaufen hatte er sich noch zusätzlich jede Menge Waffen gespannt. Dolche, Messer und Wurfsterne steckten darin. Über seine rechte Schulter hinweg entdeckte ich einen Pfeilköcher samt Bogen. Eindeutig. Leiad rechnete damit, heute Nacht um unser Leben kämpfen zu müssen. Anders als ich hatte er die Gefahr bereits vor der ersten Warnung des Wachtmagiers bemerkt.

Niemand wusste wirklich, was die Dubhar überhaupt waren oder woher sie stammten. Eines Tages hatte sich der Mond rot gefärbt, und sie hatten die Menschheit angegriffen.

Tödlich, präzise und alles vernichtend.

Das war vor einhundertfünfzig Jahren geschehen. Seitdem waren wir sie nicht mehr losgeworden. Im Gegenteil. Ihre Angriffe nahmen an Härte zu, und die Attacken folgten immer dichter aufeinander.

Anders als die übrigen Untiere wie die Drachen oder die Wyvern waren die Dubhar unsichtbar, sodass wir Menschen ihnen hilflos ausgeliefert waren. Wie sollten wir einen Gegner töten, wenn wir ihn nicht mal erkennen konnten?

Einzig düstere, knisternde Wolken voller Magie kündigten ihr Herannahen an. Doch kaum hatten unsere Magier diese Anzeichen entdeckt, war es eigentlich auch schon zu spät.

Endlich hatte ich die Stiefel angezogen und sah hoch. Leiad war kurz vor mir stehen geblieben und hatte dabei reichlich Dreckspuren auf meinem geliebten selbst geknüpften hellen Teppich hinterlassen. Eher achtlos kickte er einen leeren Tontopf zur Seite, ein Überbleibsel meiner gestrigen Pflanzaktion. Ich liebte Blumen, Kräuter oder Büsche, allerdings nahmen sie auch reichlich Platz in meinem Zimmer ein.

„Wir müssen runter in die Kellergewölbe“, erklärte mir Leiad und packte mich am Handgelenk, um mich Richtung Tür zu ziehen. Ich sträubte mich gegen diesen Griff.

„In die Gewölbe dürfen die Bediensteten nur in Begleitung der königlichen Familie. Wir müssen Eny holen.“ Auf keinen Fall würde ich meine liebste Zofe und Freundin im Schloss zurücklassen, wenn die Dubhar hierher unterwegs waren.

In Leiads Blick flackerte etwas auf. Eny und er waren seit zwei Jahren heimlich ein Liebespaar, und natürlich sorgte er sich um seine Freundin, aber seine Pflicht, mich unverzüglich in Sicherheit zu bringen, stand ihrer Rettung im Weg.

„Wir haben keine Zeit, sie zu suchen. Im Trakt der Bediensteten herrscht völliges Chaos, da finden wir sie nie“, protestierte er, doch ich befreite mich aus seinem Griff und rannte an ihm vorbei, raus aus meinen luftigen Gemächern und auf den dunklen Gang. Früher hatte der gesamte Bereich zu den privaten Räumlichkeiten der königlichen Familie gehört. Als mein Vater gekrönt worden war, musste er in den Herrscherbereich umsiedeln. Ich war als Einzige nicht umgezogen, da ich mein Zimmer so sehr liebte.

Die von mir bemalten Wände. Meine vielen Blumen. Die selbst bestickten Vorhänge und vor allem der ausreichende Platz, um heimlich mit Leiad zu trainieren. Hoffentlich würde mein kleines Reich den Angriff der Dubhar heil überstehen.

Zu den Kellergewölben ging es nach links, doch den dazugehörigen Treppenabgang ignorierte ich. Stattdessen hielt ich auf die Räumlichkeiten der Bediensteten zu, Leiad dicht hinter mir.

Die ersten ängstlich greinenden Frauen hasteten mir entgegen. Zofen meiner Mutter. Gehilfinnen. Mägde. Sie alle versuchten, sich in den unteren Etagen in Sicherheit zu bringen, denn die fliegenden Dubhar vernichteten in der Regel zuallererst die Wehrtürme und die größeren Gebäude. Dazu gehörte bestimmt auch das Zentrum des Palastes. Wir mussten hier weg. Dringend.

Und was machte ich stattdessen? Ich rannte in die falsche Richtung und brüllte dabei: „Eny! Eny? Wo steckst du?“

Leiad hielt mich am Arm fest und versuchte, mich mit körperlicher Gewalt zur Umkehr zu bewegen. Da er mir jedoch nicht wehtun wollte, war das ein für ihn schwieriges Unterfangen.

„Eny ist da vorn“, half mir schließlich eine von Mamas Zofen weiter. Zu dritt riefen wir nach der Gesuchten, bis sich eine junge Frau verwirrt umdrehte. Als sie uns erkannte, quetschte sie sich winkend und fluchend durch die panische Menge zu uns. Sie trug ein schlichtes Nachtgewand, bestehend aus einem weißen Kleid, das ihr bis zu den Knien reichte. Ihre blonden offenen Haare flossen ihr in sanften Wellen bis zum Po, und in ihren blauen Augen stand nackte Todesangst.

„Was macht Ihr hier, Prinzessin?“, keuchte sie entsetzt. „Ihr müsst runter in die Katakomben. Die Dubhar greifen an!“

„Ich geh nicht ohne euch zwei“, erwiderte ich hitzig, schnappte sie an der Hand und zog sie hinter mir her. Leiad schirmte uns mit seinem breiten Rücken vor rempelnden Hektikern ab, bis wir zum rettenden Treppenabsatz gelangten. Diesmal war es jener, der uns in die Sicherheitsbereiche der Königsfamilie bringen würde. In einem Strom von Menschen eilten wir die Stufen hinunter.

Ein Krachen ertönte. Instinktiv duckten wir uns und sahen ängstlich zur hohen Decke hinauf. Dass die Kronleuchter schwankten und leise klirrten, war ein beängstigendes Detail. Zumal jetzt auch die Erde bebte.

Die Dubhar kamen nicht allein.

Meistens waren sie die Vorhut für eine ganze Armee tödlicher Untiere. Unter normalen Umständen hielten Bannrunen an den Schutzmauern die gigantischen Wyrm davon ab, sich darunter durchzuwühlen, doch sobald die Dubhar die ersten Sicherungen zerstört hatten, gab es kein Halten mehr.

Schlangenartige Wyrm. Drachenähnliche Drakon ohne Schwingen. Fliegende Wyvern. Sie alle kamen im Schutz der mordenden Dubhar, um in die Städte einzufallen, Vieh zu fressen, Menschen zu töten und ihre Zerstörungswut auszuleben. Ein einziger Angriff von allen vieren konnte ganze Hauptstädte in die Knie zwingen. So hektisch, wie die Glocke geschlagen wurde, waren bei dieser Attacke alle Untiere mit dabei.

„Wir müssen hier weg“, stellte Leiad besorgt fest. Diesmal packte er nicht nur mich, sondern auch Eny, um uns aus dem Gedränge zu einer kleineren Verbindungstür zu ziehen.

„Die führt nach draußen auf den Innenhof“, protestierte ich.

„Das weiß ich, aber wenn wir nicht zu den Katakomben durchkommen, nützt uns Eure gehobene Stellung rein gar nichts. Ihr hättet längst in den Schlafbereich der Königsfamilie umziehen müssen, dann hätte ich Euch viel besser evakuieren können. Sollten wir das hier überleben, werde ich diesen Fehler umgehend korrigieren.“

Leiad war vor Ärger über sich selbst ganz rot im Gesicht. Gleichzeitig ging er konzentriert unsere Möglichkeiten durch. „Wir versuchen es außenrum und beten, dass uns noch genügend Zeit bleibt“, bestimmte er.

Umgehend stieß ich die Tür auf und stolperte in den dahinterliegenden offenen Bogengang, der den Innenhof des Schlosses umspannte. Fackeln beleuchteten die Nacht. Auf den Wehrgängen liefen die Soldaten hektisch hin und her, riefen einander Befehle zu oder beteten. Ein Sirren war zu hören. Seltsam hoch und schrecklich laut. Direkt danach folgte ein Krachen.

„Die äußere Wehrmauer der Stadt ist gefallen“, brüllte ein Wachmann. „Sie sind drin! Bogenschützen! Pfeile auflegen!“

Es war wie mit Erbsen auf Drachen zu schießen. Ein Dubhar konnte nicht mit einem Pfeil erlegt werden. Da half nur Magie – oder ein Drache. Um sich aber nicht so dermaßen hilflos zu fühlen, legten die Menschen dennoch ihre Waffen an.

Wo blieben denn bloß die Drachenreiter, die bei solch einem großen Angriff grundsätzlich alarmiert wurden? Hier ging es um die Hauptstadt von Altara, verdammt. Da mussten die doch schneller reagieren!

Der Himmel flammte auf. Rötlich. Orangefarben. Feuerschein. Gleichzeitig wurde es stürmischer. Es roch nach Schwefel und wie nach einem Blitzeinschlag.

Pure Magie, die auf uns zuraste.

Leiad warf sich in der Sekunde auf Eny und mich, als die Schutzmauer rechts von uns in Stücke gerissen wurde. Der Soldat, der sich darauf befunden hatte, verschwand in einem schauerlichen Donnern zusammenbrechender Steine und Geröll. Auch uns erwischte die magische Energie und schleuderte uns gut zwei Meter in die Luft. Leiad und Eny krachten heftig an den linken Wall des Schlosses, während ich ein ganzes Stück höher getragen wurde. Der Innenhof entwickelte dabei eine Art Sogwirkung. Halb flog, halb rutschte und schleifte ich quer über die Wiese. Mauerstücke, Büsche, Äste und sogar zwei Kaninchen flogen rechts und links an mir vorbei durch die Luft. So mancher Schutt erwischte mich, doch meine Panik sorgte dafür, dass ich keine Schmerzen empfand.

Ich wusste nur, dass ich mich irgendwo festhalten musste.

Da! Ein Bogengang. Ich bekam den Rand zu fassen und schaffte es, mich erst festzuklammern und dann näher zum Stein zu ziehen, bis mich die Überreste der weggesprengten Mauer vor dem Sog schützten. Tief gebückt, um weniger Angriffsfläche zu bieten, schob ich mich die Treppe hoch zum Wehrgang hinauf, der nur noch zur Hälfte existierte.

Die Festung von Avion samt dazugehörigem Schloss im inneren Bereich war auf einem Berg errichtet worden, sodass man von hier aus bis weit über die gesamte Stadt und das Tal sehen konnte. Ich brauchte einen Überblick und musste herausfinden, was los war. Wenn ich schon draufging, dann wollte ich zuvor einen Blick auf die Wesen werfen, die soeben meine Welt aus den Angeln hoben.

Mit einem Ächzen schob ich mich hoch auf den bröckelnden Wehrgang und nahm meinen ganzen Mut zusammen, um über eine halb zusammengebrochene Zinne zu schauen. Was ich sah, ließ mich innerlich erbeben.

Unter mir ergossen sich die dunkelroten Häuserdächer von Avion. Dicht an dicht gedrängt, eine Stadt innerhalb der äußeren Festungsmauer, eingequetscht zwischen dem alles überragenden Schloss und den verschiedenen Wällen, die die Stadt in einzelne Bereiche teilte. Handelsviertel. Armenbereich. Adelsvillen. Handwerkergebiet. Und auf all das schob sich pure Dunkelheit zu. Ein Leben vernichtender Tod.

Die unsichtbaren Dubhar waren tatsächlich nicht erkennbar. Ich sah einzig ihre Magie, die sie wie eine Gewitterwolke vor sich herschoben. Blitze zuckten darin, die krachend auf sämtliche Mauern der Stadt niedergingen. Das Sirren war magische Zerstörungswut. Momentan konzentrierten sich unsere Angreifer auf den westlichen Bereich der Festung. Unser Glück, denn dadurch blieben wir von weiteren Böenwalzen der Dubhar verschont.

Sämtliche noch bestehende Schutzrunen leuchteten in allen Farben des Regenbogens, um die Wälle vor den Angriffen zu bewahren. Vergebens. Im Zentrum und auch im Westen der Stadt waren sie bereits erloschen, sodass der Luftraum über mir ungeschützt blieb.

Eine schwarze Nebelwand nutzte das und schob sich etwa zehn Meter über den Häuserdächern ins Innere der Festung. Ob der Nebel ein Körperbestandteil der Dubhar oder eine Art Waffe war, wusste niemand. Mittendrin verbargen sich die unheimlichen Wesen und ließen gleißende Blitze auf Mauern, Häuser, Menschen und Tiere niederregnen. Das Krachen und Bersten zusammenstürzender Gebäude nahm mir beinahe den Atem und vor allem meinen Mut.

Wie sollten wir diese Attacke jemals überleben? Insbesondere, weil mittlerweile auch die restlichen Untiere die Stadt erreicht hatten.

Ich entdeckte einen Lindwurm, der sich neben einem schlangenartigen Wyrm durch eine Lücke im Wall presste. Das Wesen war so groß wie ein ganzes Pferd und so lang wie fünf Gespanne. Offenbar war es direkt vor den Mauern aus der Erde herausgekommen. Und wo einer war, gab es meist noch viele weitere.

Magier feuerten von den Zinnen Zauber auf die Giganten hinab, um sie zu stoppen, während die dunkle Wolke der Dubhar an Höhe gewann und über die Stadt hinwegstrich. Das Manöver kannte ich bereits aus den Erzählungen. Sie holten Schwung, um die nächste Mauer in Angriff zu nehmen. Eine mörderische Front, die jeden Moment den Westwall zu Fall bringen würde.

Bevor es jedoch dazu kam, mischte sich ein Brüllen in das Sirren. Drachen. Sieben an der Zahl. Sie flogen in einer V-Formation dicht beieinander. Genau wie die Dubhar schoben sie eine magische Welle vor sich her, um sie frontal gegen die ihrer Gegner zu schleudern.

Ich duckte mich, als die verschiedenen Zauber aufeinanderprallten. Das Krachen war so laut, dass ich mir die Hände auf die Ohren pressen musste, um es aushalten zu können. Die Nacht wurde taghell erleuchtet, als die Energie der Drachenreiter auf die der Dubhar prallte.

Ein epischer Machtkampf entbrannte, der seltsam schaurig und faszinierend zugleich aussah. Den Gerüchten nach konnte man die Dubhar nur an einer einzigen Stelle mit einem gezielten Schlag töten. Wenn man sie woanders traf, schwächte sie das lediglich.

Die Drachenformation löste sich auf. In zwei Gruppen griffen sie die nun vereinzelt fliegenden Dubhar an, die ich undeutlich als einen Schimmer in der Luft identifizierte. Sobald ein Blitz durch sie hindurchzischte, meinte ich Krallen zu erkennen. Ein Kopf mit Fang- und Reißzähnen, ähnlich geformt wie bei den Drakon oder den Drachen, nur etwas massiger. Sie waren definitiv artverwandt, weswegen man sie zur fünften Art der Untiere zählte.

Drache, Dubhar, Drakon, Wyvern, Wyrm.

Rufe ertönten. Jemand brüllte einen Männernamen. Ein Soldat, der nach seinem Freund suchte. Die Überlebenden krochen aus ihren Verstecken hervor, um sich in Sicherheit zu bringen. Wo auch immer. Momentan waren die Dubhar mit den Drachen beschäftigt, doch sobald sie sich freigekämpft hätten, würden sie die Wehrtürme wieder in Angriff nehmen.

Ich musste hier weg! Dringend!

Leider war ich so fasziniert, dass ich mich kaum von dem Anblick der kämpfenden Wesen über mir lösen konnte. Die Drachenreiter griffen mit magischen Speeren an. Mit Pfeilen. Mit schimmernden Wurfsternen. Viele der Waffen gingen geradewegs durch ihre Gegner hindurch, doch manchmal trafen sie.

Ein Grollen ertönte, als sie einen Dubhar an einer empfindlichen Stelle erwischten. Das Wesen krümmte sich, zumindest glaubte ich, das in dem wilden Blitzgewitter erkennen zu können. Ein hellgrüner Drache flog daraufhin einen weiten Bogen und ließ einen Feuerstoß auf seinen Gegner regnen, direkt gefolgt von einem rot glühenden Speer, der offenbar sein Ziel fand. Der Dubhar zuckte erneut und implodierte. Es sah so aus, als würde sich die Wolke in sich selbst zurückziehen. Ein letztes Aufflackern, dann war es vorbei. Die Drachen hatten sich bereits längst ihrem nächsten Gegner zugewandt, der …

„Caja!“ Dass jemand meinen Namen ohne Titel rief, kam eigentlich nie vor. Das tat Leiad nur in höchster Not. Sein Ruf riss mich aus meiner Betrachtung und ließ mich herumwirbeln. Mein Leibwächter wühlte sich durch den Schutt und schrie nach mir. „Prinzessin! Caja!“

„Hier“, rief ich zurück und kroch mehr oder weniger die bröckeligen Stufen des zusammengefallenen Wehrgangs hinunter.

Leiad entdeckte mich, als ich etwa auf halber Höhe ankam, und winkte hektisch. „Rauf, rauf, rauf“, brüllte er und sprintete so schnell los, wie ich ihn noch nie hatte laufen sehen. In der gleichen Sekunde erscholl ein Horn. Das Zeichen für einen Wyrmangriff.

Ich verstand sofort. Wenn Leiad mich raufschickte, tauchte die verdammte Riesenschlange wahrscheinlich unter der Wiese auf. Hastig wollte ich die Stufen wieder hochlaufen, kam aber nur einen halben Schritt weit, dann brach hinter mir die Hölle los.

Die Erde bebte, als sich ein gigantisches Etwas aus dem Boden direkt neben dem Wall herauswühlte. Schlangenkopf. Gewaltige Giftzähne und ein langer, geschuppter Körper. Die Schlange hatte so viel Schwung, dass sie erst mal drei Meter in die Höhe schoss.

Leiad wich ihr hastig seitlich aus und wollte zu mir rüber zur Wehrmauer sprinten, lenkte dadurch aber die Aufmerksamkeit der Bestie auf sich. Knurrend schnappte sie nach ihm. Er hielt den Biss mit einem Schwerthieb auf und trieb das Untier damit zurück.

Zischend richtete es sich erneut zu seiner vollen Größe auf. Die Hälfte steckte noch in der Erde, doch auch der obere Teil war beeindruckend, allem voran das gigantische Maul und die geschlitzten Augen.

Leiad war geliefert, wenn ich ihm nicht half.

Ein Bogen! Hier hatte irgendwo ein verdammter Bogen samt Pfeilköcher rumgelegen. Ein Überbleibsel seines ehemaligen Besitzers, der tief vergraben im Schutt der Mauer liegen musste. Da!

Auf allen vieren kroch ich rüber, während ich Leiad wild brüllen hörte. Vermutlich versuchte er, die Aufmerksamkeit des Untiers auf sich zu lenken. Ganz der Leibwächter.

Mir verschaffte das die Zeit, den Bogen an mich zu reißen. Nein! Er war zerbrochen. Frustriert ließ ich ihn fallen und sah mich um. Denk nach, Caja, dachte ich und tastete hektisch meinen Körper ab. Mit meinem kleinen Dolch kam ich nicht weit, wohl aber mit …

… meiner Steinschleuder!

Leiad hatte mir stets eingetrichtert, sie bei mir zu tragen. Eigentlich bestand sie lediglich aus einem Hanfseil, in dessen Mitte eine breitere Lederschlaufe eingeflochten war. Eine Waffe, so klein und unscheinbar, dass sie bei den meisten körperlichen Durchsuchungen übersehen wurde. Laut Leiad hatte ihm das zweimal das Leben gerettet.

Hoffentlich war das auch ein drittes Mal der Fall.

Hektisch schnappte ich mir den dicksten Stein, der noch so gerade eben in die Schlaufe passte, und wirbelte das Seil herum, während ich aufstand. Atmete aus. Zielte … und ließ das eine Ende der Schlaufe los, sodass der Stein mit viel Schwung aus der Schlinge schoss. Tatsächlich fand er sein Ziel: das Auge der Bestie. Stein gegen Schuppen war sinnlos. Das weiche Sehorgan hingegen lud mich geradezu ein, dort treffen zu wollen. Es war riesig und befand sich im perfekten Winkel zu mir.

Das Vieh brüllte auf vor Schmerz und wirbelte zu mir, wobei es Augenglibber und Blut überall verspritzte. Hastig legte ich den nächsten Stein auf und bemerkte schaudernd, dass es dunkler um mich wurde. Der Schatten des Wyrms fiel auf mich.

Ein Pfeil flog. Diesmal kam er aus Leiads Richtung. Leider war sein Winkel deutlich ungünstiger, da er am Boden stand und nicht hoch genug zielen konnte, um das Auge effektiv zu erwischen. Der Pfeil schlitterte klappernd am Schuppenpanzer ab und bohrte sich irgendwo in den Schutt neben mir. Ich hörte Leiads Fluch und blickte Sekunden später genau in das unverletzte Auge der Schlange. Sie hatte sich seitlich gedreht, um mich aus ihrem noch gesunden Auge mustern zu können.

Ihre gespaltene Zunge zischelte an mir vorbei. So lang wie ein Mann und so breit wie ein ganzer Ochse. Ihr Maul öffnete sich, und sie holte aus.

Ich ließ den nächsten Stein, ohne zu zielen, fliegen und warf mich zur Seite, um dem Biss der Schlange auszuweichen. Nur mit dem Schwanz hatte ich nicht gerechnet. Wann war das Mistvieh denn bitte ganz aus der Erde gekrochen? Jetzt hieb sie mit ihrem Ende in meine Richtung.

Vermutlich hätte sie mich einfach platt gehauen und mich geradewegs in den Schutt getrieben, doch dazu kam es nicht. Ein zweiter Schatten senkte sich brüllend auf das Wesen, und Krallen legten sich um seinen Körper. Rauschen erfüllte die Luft, als der zur Rettung eilende Drache die Schlange meterhoch anhob. Ehe sie erbost zubeißen konnte, hatte er sie bereits direkt neben der Burgmauer zu Boden fallen lassen, sodass sie mindestens zwanzig Meter in die Tiefe stürzte. Der Aufprall klang dumpf und knochenzerschmetternd. Zur Sicherheit ließ sich der Drache noch mal hinterherfallen. Ich hörte, wie er Schuppen aufriss und dem Wyrm den Gnadenstoß gab.

Diesmal war ich schlauer und sah nicht zu, sondern beeilte mich, dass ich von diesem Wall runterkam. Leiad kam mir bereits entgegen, packte mich am Handgelenk und rannte dann neben mir her zu einem schmalen Eingang, der ins Innere des Schlosses führte.

Kurz bevor wir dort angekommen waren, änderte er die Richtung und hielt sich dicht an der Mauer auf. „Warum gehen wir nicht ins Gebäude?“, schrie ich ihn an.

„Da brennt es. Eine Todesfalle. Außerdem hat es mindestens ein Lindwurm reingeschafft und zerlegt da drin alles.“

Ein Wurm. Blind und ohne tödliche Fangzähne, schuppenlos und scheinbar wehrlos gehörte er nicht zu den Untieren. Trotzdem konnte ein Lindwurm schweren Schaden anrichten, sobald er mal durch eine Schutzmauer gebrochen war. Er fraß dabei so ziemlich alles, was sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte. Schutt, Möbel und besonders gern Lebewesen.

Halb stolpernd, halb rennend hielten wir uns dicht an der Schlossmauer, ehe wir endlich ein Kellergewölbe erreichten. Hier wurden Weinfässer gelagert. Wir schlitterten die paar Stufen runter und landeten geradewegs in Enys Armen, die mich schluchzend an sich presste.

„Ich dachte wirklich, Ihr wärt umgekommen“, rief meine Zofe mit zittriger Stimme. „Den Drachen sei Dank, dass es Euch gut geht.“

Ja. Den Drachen sei Dank. Ohne ihr Eingreifen wäre ich jetzt definitiv tot. Trotzdem wollte sich keine Erleichterung einstellen, denn tief in meinem Inneren spürte ich, dass dieser Angriff vermutlich nur einer von vielen weiteren sein würde.

Das Zeitalter der Dubhar war angebrochen, und der Kampf der Menschheit ums pure Überleben wurde immer schwieriger. Unser einziger Schutz waren dabei die Drachen.

Und ihre Reiter.

Prickelnde Geschichte zwischen unserer Welt und der geheimnisvollen Welt der Fae

Blick ins Buch
Crimson Sky – Die SeelenjägerinCrimson Sky – Die Seelenjägerin

Roman

Der Wilden Jagd gehört der Nachthimmel

*** Mit limitiertem Farbschnitt in der 1. Auflage! ***

Triathletin Remy droht an ihrem abrupten Karriereende zu zerbrechen. Als sie in der Halloweennacht von zwei Reitern der Wilden Jagd in die Anderswelt entführt wird, ändert sich aber plötzlich alles. Sie soll Teil der Wilden Jagd werden und muss sich in einer gefährlichen Prüfung beweisen. Ihre Aufgabe: zu Ungeheuern gewordene menschliche Seelen auf der Erde jagen. Dabei lernt sie den attraktiven Kronprinzen Keon kennen. Remy ist die Einzige, die sich traut, ihm zu widersprechen. Dabei riskiert sie allerdings nicht nur ihren Kopf, sondern auch ihr Herz ...

Eine spicy Enemies to Lovers-Geschichte zwischen unserer Welt und der geheimnisvollen Welt der Fae von Bestseller-Autorin Kira Licht! Für alle Fans von Sarah J. Maas und Carina Schnell.

Band 1: Crimson Sky − Die Seelenjägerin
Band 2: Crimson Sky − Der Schattenprinz

Kapitel 1
USA, Atlanta, Campus der Georgia State University


Das YouTube-Video hatte 2,8 Millionen Klicks.

2,8 Millionen Menschen hatten mit angesehen, wie sich Nancy Spencers Trinkflasche aus der Halterung an ihrem Rennrad löste und vor mir auf dem Asphalt landete. Es waren nur Sekunden, in denen ich weder bremsen noch ausweichen konnte. Sekunden, in denen ich über den Lenker geschleudert wurde und durch die Luft flog. Bei meinem Aufprall auf der Straße verlor ich das Bewusstsein.

2,8 Millionen Menschen hatten sich angesehen, wie sich mein Schienbein durch die Haut bohrte, während ich die Kontrolle über meine Körperfunktionen verlor. Ich lag auf dem Asphalt wie eine kaputte Puppe, in meinem eigenen Blut und umringt von Fremden.

Ich war an diesem Tag nicht gestorben, aber ich war seitdem nicht mehr dieselbe. Mein Leben hatte sich einmal um sich selbst gedreht, genau wie ich mich bei meinem unfreiwilligen Salto über den Lenker meines Rennrads.

Nicht nur die bittere Diagnose, eine Schrägfraktur des Schienbeins, riss mir den Boden unter den Füßen weg, sondern auch ihre Bedeutung für mein Leben. Meine Karriere war damit beendet.

Vor dem Unfall war ich eine Triathletin auf dem Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn gewesen, und noch heute hörte ich die begeisterten Worte meines Agenten Harry in meinem Kopf: „Dein strahlendes Lächeln wird Millionen Packungen Cornflakes verkaufen. Nike lädt dich zu einer Party mit anderen Testimonials ein, es wird alles bezahlt. Na klar bekommst du ein Stipendium fürs College. Du hast eine großartige Zukunft vor dir.“

Fehlanzeige.

Das alles war von dem einen auf den anderen Tag vorbei gewesen. Ein Missgeschick, ein Unfall, der Bruchteil einer Sekunde hatte über mein Schicksal entschieden.

Als sich die grüne Radlerhose zwischen meinen Beinen dunkel verfärbte, stoppte ich das Video schnell. Es war der Gipfel der Schmach, und die ekelhaften Kommentare toppten das noch. Ich wusste es, denn ich hatte sie alle gelesen.

Ich schnaubte leise, schloss die App und warf das Handy neben mich auf die Decke. Die Menschen bewunderten einen, wenn man ganz oben war. Doch sobald man fiel, stürzten sie sich auf einen wie ein Rudel tollwütiger Hunde.

Anfangs hatte Harry noch dafür gesorgt, dass diese Videos durch YouTube offline genommen wurden. Doch sie tauchten immer wieder auf, und irgendwann hatte er es wohl aufgegeben. Die Suchbegriffe „Remy Davis“ und „Unfall“ lieferten immer mehrere Treffer, die meinen Sturz aus den unterschiedlichsten Perspektiven zeigten. Die meisten Klicks, Likes und Kommentare bekamen die Versionen des Videos, die nichts verpixelten.

Mein Magen knurrte laut und fordernd. Wann hatte ich zuletzt etwas gegessen? Ich wusste es nicht mehr. Mein Blick glitt zum Fenster, dessen heruntergelassene Jalousien die Welt da draußen ausblendeten.

Heute müsste Montag sein, oder? Freitagmittag war die Übergabe. Ich hatte also noch etwas mehr als drei Tage, bis ich aus diesem Zimmer raus sein musste. Vielleicht sollte ich mir langsam überlegen, wie ich mein Zeug in einen Lagerraum bekam. Vielleicht sollte ich überlegen, wo ich unterkommen konnte. Vielleicht …

Mein Magen zog sich schmerzhaft zusammen und das nicht nur vor Hunger. Verdammt! Ich drückte mich von meinem Bett hoch und ächzte, als ich ausatmete. Mein Körper fühlte sich an, als wäre ich einen Marathon gelaufen, dabei hatte ich mich kaum bewegt in den letzten Tagen. Mühsam stand ich auf und streckte mich.

Die Luft in meinem Zimmer roch schal und abgestanden. Kein Wunder, ich hatte es seit Tagen kaum verlassen, und ans Lüften hatte ich ebenfalls nicht gedacht. Ein bitterer Geschmack machte sich in meinem Mund breit, als ich den Blick schweifen ließ. Gepackte Umzugskisten standen überall im Raum verteilt. Ich hätte sie an einer Wand stapeln können, aber in letzter Zeit war mir sowieso das meiste egal. Ich stand auf, wenn die Welt schlafen ging. Ich aß das, was sich in maximal zwei Minuten in meiner Mikrowelle zubereiten ließ. Ich wusste schon nicht mehr, wann ich das letzte Mal einen Hörsaal betreten hatte.

Bevor ich das Gewicht auf mein verletztes Bein verlagerte, erwartete ich den Schmerz, und er kam prompt. Ein Stich schoss mir siedend heiß hinauf bis in den Brustkorb, wie ein brennender Stachel, der all meine Nervenenden lichterloh entflammte. So war es immer, wenn ich das Bein nach längerem Liegen belastete. Laut meines Psychotherapeuten war es zum größten Teil Phantomschmerz und ein deutliches Zeichen dafür, dass wir noch einen langen Weg vor uns hatten. Ich erinnerte mich auch nicht mehr, wann ich das letzte Mal einen Termin bei ihm wahrgenommen hatte. Ich nahm zwar keine Drogen oder Medikamente, die mein Erinnerungsvermögen beeinträchtigten, aber ich hatte das Gefühl, dass mir mein Leben völlig entglitten war. Dass die Tage so gleich waren, dass sie zu einem einzigen verschwammen, und mein Verstand langsam, aber sicher völlig abschaltete.

Hunger! Mein Magen, mein Gehirn, mein ganzer Körper schrie mir wütend diese Forderung entgegen.

Auf der Mikrowelle fand ich nur zwei leere Packungen Pop-Tarts. Im Kühlschrank darunter herrschte gähnende Leere. Ob ich etwas bestellen sollte?

Ich griff nach meinem Portemonnaie, das direkt neben der Mikrowelle lag. Ein Dollar und fünfundsiebzig Cents. Das wäre noch nicht mal ein angemessenes Trinkgeld für den Lieferboten, geschweige denn, dass ich dafür etwas zwischen die Zähne bekam.

Ich fluchte leise und überlegte gerade, ob ich alle meine Taschen nach etwas Kleingeld durchsuchen sollte, als mein Handy einen Ton von sich gab. Ich ging zurück zum Bett und drückte auf „Lesen“, während ich es aufhob.

Hey. Sorry, das mit dem Zimmer klappt nicht. Hoffe, du bist okay, Steph.

 

Stephenie war eine ehemalige Teamkollegin von mir, die in einer WG nur ein paar Blocks entfernt wohnte. Nach dem Unfall hatte sie jeden Kontakt zu mir gemieden, fast so, als würde ich Unglück bringen. Ich hatte all meinen Stolz hinuntergeschluckt, als ich sie wegen des Zimmers kontaktiert hatte. Es war kaum mehr als eine Abstellkammer, aber günstig. Das Geld würde ich irgendwie aufbringen. Mit Steph hätte ich mich arrangieren können, sie sah das wohl anders.

Egal.

Ich schloss den Messenger, ohne ihr zu antworten. Steph war der letzte Versuch gewesen, meine drohende Obdachlosigkeit abzuwenden. Ich lachte bitter auf. Vielleicht konnte ich in den Lagerraum ziehen, in dem ich meine Kartons parken wollte? Drei Tage …

Drei Tage, um Geld zu verdienen, um irgendwie ein Zimmer zu finden. Wobei hier die Betonung auf „irgendwie“ lag. Drei Tage …

Ich checkte meine Mails. Noch mal fünf Absagen. Hatte ich die Kraft, ein weiteres Mal im Netz nach Jobs zu suchen? Ich horchte in mich hinein, aber da war nichts. Keine Motivation, keine Energie. Irgendwie hatte ich mich bereits damit abgefunden, mit dem sozialen Abstieg, der Lethargie, der Obdachlosigkeit. Nach dem Unfall war ich mir sicher gewesen, dass ich mit dem unfreiwilligen Karriereende nicht tiefer hätte fallen können. Aber das stimmte nicht. Ich fiel noch immer. Und noch hatte ich den absoluten Tiefpunkt nicht erreicht.

Obdachlos. Das Wort hallte in meinem Kopf nach.

Mein Magen zog sich erneut zusammen, und dieses Mal gesellte sich ein leichter Schwindel dazu, der Lichtblitze vor meinen Augen tanzen ließ.

Ich wartete, bis ich wieder richtig sehen konnte, und griff nach dem Hoodie, das schief über der Lehne des Schreibtischstuhls hing. Dann streifte ich es mir über das verknitterte T-Shirt, in dem ich geschlafen hatte. Die Jogginghose tauschte ich gegen eine Röhrenjeans, die im Trockner um mindestens eine Größe eingelaufen war. Aber ich mochte das enge Gefühl an der Wade, weil es mir versicherte, dass zumindest der Stoff mein Bein zusammenhielt. Ich wachte immer noch oft nachts schreiend auf, mit der absoluten Überzeugung, dass mein Unterschenkel nichts mehr als ein gesplitterter Brei aus Muskeln und Knochen war.

Ich schlüpfte in meine Doc Martens, schnappte mir Handy, Portemonnaie und Schlüsselbund und zog mir die Kapuze des Hoodies tief in die Stirn. Früher hatte ich beim Training und bei Wettkämpfen gern aufwendige Flechtfrisuren getragen. Heute war es mir nach dem Aufstehen sogar zu viel, zu duschen und mir die Haare zu kämmen. Aber dank der Kapuze würde das niemand sehen.

Meine Hand lag schon an der Türklinke, als ich wie automatisch einen kurzen Blick in den Spiegel warf. Ich erkannte mich selbst kaum wieder. Mein helles Haar quoll strähnig unter der Kapuze hervor. Ich war unnatürlich blass und meine Augenringe so groß, dass sie eine eigene Postleitzahl verdient hätten. Vielleicht hätte Concealer geholfen, doch nicht mal den besaß ich mehr.

Ich riss mich von meinem Anblick los und trat durch die Tür auf den Gang des Wohnheims. Hier war es ruhig, und nur die kleine Notbeleuchtung über dem Zugang zum Treppenhaus brannte. Viele hier hatten ebenso wie ich ein Sportstipendium und gingen nach dem Training am Abend sofort schlafen. Ich hätte das Flurlicht anschalten können, doch stattdessen schlich ich durch die Dunkelheit wie ein verwundetes Tier.

Als ich ins Treppenhaus abbiegen wollte, stieß ich mit jemandem zusammen. Papier raschelte, als ich zurückprallte.

„Wow!“, erklang eine dunkle Stimme. „Ich habe dich nicht gesehen, das tut mir so leid.“

„Kein Problem“, sagte ich schnell.

Ich hörte, wie der Lichtschalter gedrückt wurde. Im nächsten Moment sprangen die Halogenleuchten über uns mit einem leisen Sirren an.

Dunkelbraunes Haar, das ihm in leichten Wellen in die Stirn fiel. Breite Schultern, wunderschöne türkisfarbene Augen, ein Grübchen am Kinn. Sein Haar war noch leicht feucht, aber er hatte keine Sporttasche dabei.

Ich starrte ihn einen Moment an, dann glitt mein Blick zu dem, was er da vor sich hertrug. Es war ein Karton, der über und über gefüllt war mit Lebensmitteln. Milchbrötchen, Chips, Dosenobst, Cup-Nudeln, Oreo-Kekse, Twinkies … Vermutlich war er im Gemeinschaftsraum gewesen, wo auch die Päckchen gelagert wurden, die hier für uns ankamen.

„Meine Mutter denkt offenbar, hier gibt es nichts zu essen“, sagte der Dunkelhaarige. „Jede Woche schickt sie mir so ein Paket.“ Er lachte dunkel. „Dabei verbietet mir mein Ernährungsplan das meiste davon. Aber das will Mom nicht verstehen.“

Was hätte ich für eine Mutter gegeben, die mir Pakete schickte! Und der Typ klang fast genervt. Wusste er, wie gut er es hatte?

Ich warf einen neidischen Blick in den Karton und entdeckte sogar ein paar beschriftete Tupperdosen: Cookies. Muffins. Das Lesen der kleinen, weißen Aufkleber sorgte dafür, dass mein Magen erneut vernehmlich knurrte.

„Sorry.“ Schnell presste ich eine Hand auf meinen Bauch.

„Ähm … Möchtest du was haben?“ Er hielt das Paket mit einem Arm und reichte mir dann eine kleine Tüte Chips. Seine Stimme klang nun weicher.

„Danke.“ Barbecue-Geschmack. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, und zu gern hätte ich sie jetzt sofort aufgerissen. Gott, war mir das peinlich!

„Noch was?“ Er schnippte den Deckel der Tupperdose mit dem „Muffins“-Schild auf.

Der süße Geruch von Zimt und Pekannüssen stieg mir in die Nase. Ich schluckte.

„Hier“. Er gab mir einen Muffin.

„Danke dir.“ Ich sah zurück in sein Gesicht.

Er vertiefte das Lächeln, versuchte, meinen Blick zu halten, und ich sah nichts als Freundlichkeit und einen Hauch Neugier in seinen Augen. „Noch einen Wunsch?“

Ja. Ja! Dreh die Zeit zurück. Gib mir mein Leben zurück. Und dann treffen wir uns erneut, hier, auf diesem Flur, in dieser Nacht. Und dann … Vielleicht finde ich dann heraus, wie viel mehr hinter diesem sympathischen Lächeln steckt.

Traurigkeit umfing mich. Dann gesellten sich Wut und Verbitterung dazu. Neun Monate. Es war jetzt ein dreiviertel Jahr her.

Reiß dich zusammen. Komm endlich damit klar. Komm. Damit. Klar!

Er hielt mir eine Packung Twinkies hin. „Das hier?“

Ich schüttelte den Kopf. Er war so nett zu mir. Dabei kannten wir uns gar nicht.

„Nein, danke.“ Ich holte entschlossen Luft, schluckte all die bitteren Gefühle herunter. „Aber das ist sehr lieb von dir.“

„Wirklich nicht?“ Er tat so, als würden die Twinkies über den Rand des Pakets in meine Richtung tanzen.

Er war wirklich süß.

„Da ist es ja. Endlich.“

Ich sah neugierig zu ihm hoch.

Sein Blick war trotz der kühlen Farbe seiner Augen warm. „Ein Lächeln.“

Ich schnaubte leise, aber mein Lächeln wurde noch breiter. Er legte die Twinkies in den Karton und streckte mir die Hand hin. „Ich bin Neil, Zimmer 408, Leichtathletik. Aber ich wohne erst seit drei Wochen hier im Wohnheim“, fügte er noch hinzu.

„Remy, also eigentlich Remyra, Zimmer 414, Triathlon.“ Ich brachte es nicht fertig, ihm zu erzählen, dass ich die Uni schon in drei Tagen verlassen würde.

„Freut mich, Remy.“ Mein Vorname schien ihm nichts zu sagen, ein Glück. Sein Blick wurde ernst. „Wir kennen uns nicht, und das ist vielleicht zu persönlich, aber …“ Er zögerte wieder, dann neigte er leicht den Kopf, als wollte er unter meine Kapuze sehen. „Geht es dir gut? Ich will nicht unhöflich sein, aber …“

Zeit für einen Abgang.

„Danke für die Chips.“ Ich wollte ihn erneut anlächeln, aber ich war nicht sicher, ob es mir wirklich gelang. „Und für den Muffin.“ Ich hob ihn hoch, als wollte ich Neil damit grüßen. „Wir sehen uns.“ Ich nickte ihm knapp zu, dann schob ich mich an ihm vorbei.

„Ja, okay“, hörte ich seine Stimme hinter mir. Er klang überrumpelt und ein wenig … enttäuscht? „Wir sehen uns, Remy.“

Sicher nicht.

Ich beeilte mich extra, als ich die Stufen hinunterlief, und verschlang dabei den Muffin mit drei Bissen. Die zwei Stockwerke hatte ich trotz meines Beins schnell geschafft, und ich atmete erst auf, als ich hinaus in die winterliche Kälte trat. Vielleicht wäre ich unter anderen Umständen noch mal nach oben gegangen und hätte einen Mantel übergezogen. Ich dachte an Neils leuchtende Augen, sein sympathisches Lächeln, die Wärme in seiner Stimme.

Nein, ich wollte nicht, dass er mich noch mal sah. Mein Abgang war schon seltsam und peinlich genug gewesen.

Ich riss die Chipstüte auf und ließ meinen Blick über den Campus der Georgia State University gleiten. Grüne Wiesen, auf denen im Sommer Studenten saßen und lernten. Jetzt hing ein zarter Nebelschleier über den Halmen und ließ die Freiflächen aussehen wie den Schauplatz eines geheimnisvollen Märchens. Alte Bäume, die die Wege säumten und deren winterlich kahle Äste sich wie erstarrte Tentakel in Richtung Himmel reckten. Bänke aus Holz, auf denen Raureif glänzte wie ein Hauch Feenstaub. Mein Atem stieg in kleinen Wölkchen vor mir in der Dunkelheit auf, während ich die Chips knusperte. Das Salz belebte alle meine Sinne so wie der Zucker zuvor.

Wieder glitten meine Gedanken zu Neil. Ich war zwar pleite, hatte mein Stipendium verloren und war vom College geflogen, aber vielleicht könnten wir trotzdem mal einen Kaffee …

Bullshit. Als Nächstes glaubte ich wohl wieder an den Weihnachtsmann.

Vor meinem inneren Auge wischte ich Neils Lächeln entschieden fort.

Game over, Remy. Get over it.

Ich steckte die leere Tüte in meine Hosentasche, zog mein Handy hervor und warf einen schnellen Blick darauf. 21 Uhr, und es war schon komplett dunkel. Gelobt sei der Winter.

Ich schob die Hände in die Taschen meines Hoodies, als ich mit gesenktem Kopf loslief. Es war Zeit, mir mal wieder zu beweisen, wie tief ich tatsächlich gesunken war.


Kapitel 2

Ich legte im Gehen eine Hand an meine Stirn, als ich den Campus verließ. Mir war plötzlich so warm. Ob ich krank wurde? Ich zupfte am Kragen des Hoodies. Ich brauchte Luft, sonst würde ich als Nächstes schmelzen.

Eine gefrorene Pfütze knirschte, als meine Docs das Eis zerbrachen. Was war bloß los? Ich war mal an einer Grippe erkrankt. Da hatte ich wie eine Irre geschwitzt, und mir hatte alles wehgetan, aber jetzt war es ein anderes Gefühl von Wärme. Fast so, als hätte ich einen Hochofen verschluckt, als produzierte mein Körper so viel Energie, dass ich die wärmenden Lagen Stoff nicht brauchte.

Eigentlich wollte ich nicht mal die Kapuze abstreifen, weil ich aussah wie ein Geist. Und dann erst meine Haare …

Eine Hitzewelle durchflutete mich.

Okay, ich brauchte jetzt eine Lösung. Ich zog ein Zopfgummi von meinem Handgelenk. Es war schon ziemlich ausgeleiert, aber es reichte noch, um meine Haare in einem Knödel zu bändigen. Erleichtert riss ich mir das Hoodie über den Kopf, und kaum dass ich ihn mir um die Hüfte gebunden hatte, fühlte ich, wie ich zum ersten Mal seit Minuten wieder richtig Luft bekam.

Ich lief die Courtland Street hinab, passierte die Sports Arena, die zur Uni gehörte, ebenso wie die Volleyball-Courts. Bei Willys Mexican Grill war deprimierend wenig los, ebenso wie im Waffle House. Also nahm ich die Bahn Richtung Hotel District und stieg an der Station Peachtree aus. Rund um den Centennial Olympic Park gab es verschiedene angesagte Bars und Pubs, in denen Geschäftsleute gern den Feierabend einläuteten.

Wieder betastete ich prüfend meine Stirn. Nicht feucht. Auch meine Hände waren warm und trocken. Ein wohliges Feuer brannte in meinem Inneren, und der kalte Wind an meinen nackten Armen war nichts als eine sanfte Brise.

Seltsam. Sehr seltsam, aber definitiv nichts, das jetzt Priorität hatte. Und da ich keine Krankenversicherung mehr besaß, würde mir auch niemand helfen, bis ich auf offener Straße zusammenbrach.

Darauf würde ich es jetzt einfach ankommen lassen. Außerdem lenkten mich die beeindruckenden Hochhäuser, das viele Chrom und die teuren Limousinen am Straßenrand ab.

Ka-Ching. Hier saß das Geld locker, und ich war fest entschlossen, mir meinen Anteil davon zu sichern.

Ich hatte mit dem Klauen angefangen, als die Bank mir mein Konto sperrte. Als ich weder meinen Agenten oder sonst wen mehr um Geld bitten konnte. Als ich den Job als Küchenhilfe nach einem Tag verlor, weil ich nach drei Stunden nicht mehr stehen konnte. Als ich Hunger hatte und vor mir ein Kerl in Maßanzug und Designer-Lackschuhen seine Brieftasche nur locker in das vordere Fach seiner prolligen Aktentasche geschoben hatte.

Scham musste man sich leisten können. Wenn die Verzweiflung die Oberhand gewann, dann rechtfertigte man sein Handeln, um nicht daran zu zerbrechen.

Trotzdem überfielen mich vorher immer wieder Skrupel. Immer wieder entschloss ich mich dagegen, gerade dann, wenn das Geld für etwas war, das nichts mit reinem Überleben zu tun hatte. In den sechs Wochen, seit ich regelmäßig nachts durch die Straßen schlich, hatte ich immer wieder den Rückzug angetreten. Außerdem hatte ich Prinzipien. Keine Rentner und keine Familien mit Kindern. Und keine Studenten – auch wenn die manchmal schwer auszumachen waren, wenn sie mit Daddys Geld großkotzig in den Bars herumwedelten.

Ich war gerade auf das John Portland Boulevard abgebogen, als mir drei Typen aus der Hotelbar des Hyatt Regency vor die Füße taumelten. Sie schlugen sich immer wieder gegenseitig auf die Schulter, und als ich ihnen folgte, entnahm ich ihrer Unterhaltung, dass sie heute einen großen Deal abgeschlossen hatten. Sie sprachen über Häuser, aber ich hielt sie für Anwälte. Absolventen einer Eliteuni, die in einer der besten Kanzleien von Atlanta mit Immobilien-Spekulationen das große Geld machten. Und die alle schon ziemlich angeschickert wirkten.

Mein Glück.

Fast wäre ich in sie hineingelaufen, als sie vor einem Pub stehen blieben und lautstark diskutierten, ob sie sich dort noch einen Absacker gönnen sollten.

Ich machte einen halben Schritt zurück und zog alibimäßig mein Handy hervor. Mein Blick glitt über die fahrenden Autos zur anderen Straßenseite. Von dort grinsten mich zwei Typen an.

Ich sah schnell weg und direkt wieder hin. Nein, ich hatte mich nicht geirrt. Sie grinsten immer noch.

Ich brauchte einen Moment, um darauf zu kommen, was hier nicht ins Bild passte.

Beide in mittleren Jahren, beide mit Bart, und beide trugen … Reitstiefel? In den Hochhausschluchten von Atlanta?

Ich kniff die Augen zusammen, um ganz sicherzugehen.

Reitstiefel, weit geschnittene Stoffhosen und Westen.

Alles klar …

Ich sah weg. Jeder wie er mochte. Ich hatte kein Problem damit. Furries, Trekkies oder Hipster, jeder sollte sich kleiden, wie es ihm gefiel, und lieben, wen er oder sie wollte, dachte ich, während ich kurz vor der mit Halloween-Deko erschlagenen Auslage eines Elektronikgeschäfts stehen blieb. Auf den Flatscreens lief überall dasselbe Programm. Eine Doku eines Nachrichtensenders. Es schien um den heutigen Tag, den 31. Oktober, zu gehen.

Wahnsinn! Denen fiel auch echt nichts mehr ein.

„Samhain – eine Nacht voller Wunder“ jagte gerade in verschnörkelter Schrift über die Bildschirme.

Ich schnaubte. Samhain, eine Nacht wie jede andere. Und war heute nicht Halloween?

Ich drehte mich weg und sah erneut kurz zur gegenüberliegenden Straßenseite. Als Paar sahen die beiden ganz niedlich aus. Und statt der Windjacke in gleichen Farben trugen sie eben Reitstiefel und Westen. Sei’s drum.

Aber selbst als die Anwälte weitergingen, wollte das Bild der zwei Typen mit den irgendwie altertümlich wirkenden Klamotten nicht aus meinem Kopf verschwinden. Sie hatten mich angegrinst, als würden wir uns kennen.

Doch jeder Gedanke an sie war vergessen, als ich sah, wie nachlässig der eine Anwalt seine Geldbörse in die Tasche seines Jacketts gestopft hatte. Ich steckte mein Handy weg und sprach mir selbst noch mal Mut zu.

Das hier war nicht einfach.

Es war nicht nur eine Straftat. Es war fremdes Eigentum, es war Geld, für das der Mann gearbeitet hatte. Es war hinterhältig und gemein.

Wieder fühlte ich mich wie im freien Fall. Haltlos, orientierungslos und ohne Boden in Sicht.

Reiß dich zusammen. Jetzt oder nie.

Ich schob mich an ihnen vorbei, murmelte eine Entschuldigung und griff gleichzeitig zu.

Das Leder schmiegte sich weich an meine Handfläche.

Geschafft.

Die Männer hatten mich nicht mal beachtet. Dennoch beschleunigte ich meine Schritte, bis ich in eine kleine Nebenstraße abbiegen konnte. Ich schob das Portemonnaie in die hintere Tasche meiner Hose, damit es unter dem umgebundenen Hoodie versteckt war.

Kein Geschrei, kein Rufen nach der Polizei. Auch das hatte ich schon erlebt und war nur knapp davongekommen.

War es erledigt, fand ich es klug, in der Dunkelheit zu verschwinden. Im Hinterhof eines Ladens zählte ich schnell meine Beute. Sechsundsiebzig Dollar und ein Portemonnaie von Burberry, das ich verkaufen könnte. Auf den Straßen Atlantas gab es genug Händler, die sich für „auf Umwegen“ beschaffte Waren interessierten. Vierzig Mäuse waren da bestimmt drin, es sah aus wie neu.

Ich vermied einen Blick auf den Personalausweis. Den Namen wollte ich nie wissen, denn das machte es plötzlich persönlich. Ich warf ihn hinter mich in die Dunkelheit, genau wie die Kreditkarten. Die Nummer war mir einfach zu heiß. An allen Bankautomaten gab es Kameras, ebenso wie in den meisten Geschäften. Dort mit einer gestohlenen Karte aufgenommen zu werden, war mir zu riskant. Außerdem wollte ich gar nicht das große Geld. Ich brauchte nicht viel, und bald würde ich bestimmt einen neuen Job haben. Bald. Sehr bald. Meinen Hintern hochkriegen, die fünfte Runde Bewerbungen schreiben, sich vorstellen gehen, bald, ja, sehr, sehr bald …

Diebin und Heuchlerin, Glückwunsch, du Loser.

Ich wühlte noch weiter in dem Portemonnaie. Keine Fotos, ein Glück. Aber ein flacher Taschenspiegel.

Ernsthaft? So schön war der Typ nun wirklich nicht gewesen.

Ich betrachtete meine Reflexion in dem kleinen eckigen Plastikrahmen.

In diesem Moment brach der helle Wintermond durch die Wolkendecke. Ein leichter Wind kam auf. Ich konnte die Nacht schmecken. Ihre flirrende Kälte, die winzigen Eiskristalle in der Luft.

Mein Blick in dem Taschenspiegel sah aus, als hätte ich einen Geist gesehen.

Ich konnte den Wind hören, sein leises Flüstern, sein Versprechen von Freiheit.

Meine Augen wirkten riesig in dem leicht schmierigen Glas.

Schatten begannen zu flüstern, jedes Geräusch wurde messerscharf, jede Bewegung sichtbar. Die halb erfrorene Ratte vor der Mülltonne, das Rascheln einer Katze auf der Feuertreppe, der schiefe Gesang einer Frau aus einem der Fenster.

Dann schien das Blau in meinem linken Auge zu verschwimmen. Das Schwarz der Pupille dehnte sich aus, streckte sich, und ein scharfer Stich jagte mir bis ins Hirn. Ich stieß einen schmerzerfüllten Laut aus. O Gott, was passierte gerade? Ob ich auf diesem Auge spontan blind wurde?

Ich blinzelte, und dennoch konnte ich den Blick nicht abwenden. Was zur Hölle ging hier vor? War ich krank? Würde ich sterben? Jetzt, hier, sofort?

Der Schmerz verschwand, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Zurück blieb eine Träne, die mir aus dem Augenwinkel rann, und eine komplett schwarze Iris.

Was. Zur. Hölle …?

Ich starrte immer noch ungläubig in den Spiegel. Meine Sehkraft war unverändert gut, aber … Ich keuchte auf vor Schock. Eine Iris war blau, die andere schwarz! Das Weiß drum herum schien zum Glück unversehrt.

„Was …“

Eine Stimme ließ mich meinen gemurmelten Satz nicht beenden. „Hey, Süße!“

Ich hob den Kopf, überrascht und ertappt zugleich. Ein Typ kam lässig auf mich zu. Er war vielleicht fünf oder sechs Jahre älter als ich. Seine Klamotten wirkten okay, aber er könnte dringend mal einen Haarschnitt vertragen. Und seine Schuhe schienen buchstäblich auseinanderzufallen.

„Rück die Kohle raus. Ich weiß, du hast den Schnösel beklaut.“ Er streckte mir auffordernd die Hand hin. „Los, mach schon, oder das hier wird hässlich.“

Ich, die immer noch Portemonnaie und Taschenspiegel hielt, konnte das schlecht leugnen. Hinzu kam, dass ich durch die Sache mit meinem Auge noch irgendwie leicht neben mir stand. Verständlicherweise. Ich rechnete immer noch damit, dass ich gleich nichts mehr sah.

„Hau ab“, sagte ich halbherzig. „Das geht dich nichts an.“

„’ne große Klappe hat sie auch noch.“ Der Typ strich sich das dunkle Haar zurück und verzog verächtlich einen Mundwinkel, als er sich vor mir aufbaute. Seine Nägel waren ungepflegt, der Kinnbart zu lang, um hip zu sein.

Schwer zu sagen, ob er tatsächlich obdachlos war.

Sag Hallo zu deinen neuen Freunden, Remy, wisperte eine böse kleine Stimme in meinem Kopf.

„Ich gehe jetzt.“ Ich wollte mich abwenden.

„Erst das Geld, Baby, und dann überlege ich mir, ob du gehen darfst.“ Er griff nach mir. Brutal, ohne zu zögern und so unwirsch, wie man nach einem davonfliegenden Blatt greifen würde.

„Lass mich los.“ Mein Herz überschlug sich vor Angst. Bisher hatte ich auf den Straßen Atlantas immer Glück gehabt. Doch ich wusste, wie gefährlich es war, sich als Frau allein im Dunkeln herumzutreiben. Und jetzt bekam ich die Quittung dafür.

Der Typ lachte, doch als sich unsere Blicke trafen, wich er überrascht zurück.

„Freak.“ Er stieß das Wort hervor wie ein Schimpfwort.

Ich antwortete nicht, stattdessen versuchte ich, mich aus seinem Griff zu lösen. Das Portemonnaie fiel mir aus der Hand, der kleine Spiegel zerbrach auf dem Asphalt.

„Hilfe!“ Ich schrie das Wort aus Leibeskräften. „Hilfe, bitte!“

Keine Reaktion.

Irgendwo wurde scheppernd ein Fenster zugeknallt.

Dann lagen seine Finger plötzlich um meinen Hals. Er würgte mich. Er schnürte mir die Luft ab!

Ich sollte vor Angst und Panik durchdrehen, doch ich fühlte nichts dergleichen mehr.

Nichts.

Da war eine seltsame Ruhe in mir, tief und endlos. Dunkel und voller Kraft. Die berühmte Ruhe vor dem Sturm.

Ich schaffte es irgendwie, nach Luft zu schnappen, und sie prickelte, als würden winzige Kristalle aus gefrorenem Sauerstoff auf meiner Zunge schmelzen.

Dort, tief in meinem Bauch, wo das kleine Feuer mich wärmte, entzündete sich ein Funke. Tief in mir brannte eine Sicherung durch. Ich schlug zu.

Das Brechen seiner Nase verursachte ein hässliches Knirschen.

Der Typ schrie auf, ließ mich los und wollte zurückweichen. Doch wie in Trance griff ich nach ihm.

Es fühlte sich an, als machte mein Körper sich selbstständig. Als wüsste er instinktiv, wie und wo er zuschlagen musste. Ich war nie eins dieser zerbrechlichen Püppchen gewesen, die unter dem schützenden Arm des Freundes verschwinden wollten. Ich maß knapp 1,75 Meter, und jeder Muskel meines Körpers war durch das jahrelange Training gefordert und geformt worden. Ich hatte zwar eine Menge abgenommen in den letzten Monaten, aber ich war immer noch rank und sehnig wie ein grüner Ast.

Noch ein Schlag. Und noch einer.

Als mein Verstand wieder die Oberhand gewann, sah ich entsetzt auf meine blutigen Fingerknöchel. Es war nicht mein Blut, was mich noch mehr entsetzte.

Der Typ war ohnmächtig in sich zusammengesunken, ein Arm lag schlaff über meinen Docs. Blutstropfen glitzerten auf dem Asphalt.

Ich hatte einen Menschen geschlagen. Der Typ war bewusstlos! Ich atmete schwer, immer noch unfähig, mich zu bewegen. Innerlich jedoch fühlte es sich an, als wäre jede Zelle meines Körpers zu neuem Leben erwacht. Es war wie ein Rausch, wie ein Cocktail nie gekannter Emotionen. Ich wollte es herausschreien. Lachen, kichern, ausflippen.

Ich schämte mich dafür, und schnell presste ich eine Hand über meinen Mund. Doch ich kam nicht dagegen an. Ein irres Lachen kämpfte sich den Weg aus meiner Lunge. Es brannte in meiner Kehle, fordernd und so übermächtig, dass ich mich krümmte.

Dann kapitulierte ich.

Ich bog den Rücken durch, reckte den Kopf gen Himmel, hinauf zum Mond, den Wolken, den Sternen und lachte.

Ein wilder Schrei erklang. Triumphierend, high vor Blutlust. Ich brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass es mein eigener Laut gewesen war. Ich atmete keuchend aus, und mein Blick fiel auf den Mann, den ich bewusstlos geschlagen hatte.

Passierte das hier wirklich? Oder hatte ich endgültig den Verstand verloren?

„So viel Wut“, erklang eine tiefe Stimme unweit hinter mir.

„So viel Wahnsinn“, diese andere Stimme klang sogar noch dunkler.

Ich schwang herum.

Da waren sie wieder. Die zwei Typen mit den Reitstiefeln und der seltsam aus der Mode gekommenen Kleidung.

„Sie gehört zu uns.“ Der Grauhaarige sprach, als wäre ich gar nicht da.

Der Dunkelhaarige nickte beifällig. „Sie gehört definitiv zu uns.“

„Wie bitte?“, stieß ich hervor. Als eine Wolke den Mond wieder freigab, badete ein milchiges Licht den Hinterhof. Ein eisiger Schauer jagte mein Rückgrat entlang. Ich starrte die beiden an. Sie hatten meine Augen. Blau und Schwarz.

O. Mein. Gott!

„Hallo, Jägerin.“ Die Stimme des Dunkelhaarigen klang nun wie ein Schnurren. Er war nur knapp so groß wie ich, doch seine Hände wirkten so kräftig, dass sie mich vermutlich mühelos in der Mitte durchbrechen konnten. „Es wird höchste Zeit, dass du deine Kohorte kennenlernst.“