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Barbarisches Kreta (Griechenland-Krimis 7) Barbarisches Kreta (Griechenland-Krimis 7) - eBook-Ausgabe

Nikola Vertidi
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Kommissar Galavakis ermittelt

— Ein Griechenland-Krimi zum Wegträumen
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€ 12,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 27.02.2025 In den Warenkorb
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Barbarisches Kreta (Griechenland-Krimis 7) — Inhalt

Der verschrobene Kommissar Hyeronimos Galavakis ermittelt in seinem siebten Fall mit deutscher Gründlichkeit und kretischem „Siga-Siga“. Ein Griechenland-Krimi zum Wegträumen und eine Reise zu den schönsten Stränden und in die urigsten Tavernen Kretas 

Im heißen kretischen Hochsommer wird ein junges Urlauberpaar bei Kommissar Galavakis vermisst gemeldet. Als kurz darauf ein zweites Paar verschwindet, macht sich Unruhe breit. Die Urlaubssaison ist in vollem Gange und man kann sich negative Publicity nicht leisten. Obwohl es noch keine Leiche gibt, beginnen Galavakis und das Team der Mordkommission zu ermitteln, denn die Familien der Vermissten und ein angeschwemmter Arm sorgen bereits für Aufsehen. Wer hat es auf die Liebenden abgesehen? In einer Apartmentanlage nahe Irakleio stoßen sie auf undurchsichtige Hinweise. Je mehr sie herausfinden, um so tiefer tauchen sie in die Abgründe der menschlichen Seele. 

Treibt ein brutaler Entführerring sein Unwesen auf Kreta – oder steckt etwas Barbarischeres hinter den Vermisstenfällen?

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erscheint am 27.02.2025
384 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-50805-6
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€ 6,99 [D], € 6,99 [A]
Erscheint am 27.02.2025
512 Seiten
EAN 978-3-377-90171-2
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Leseprobe zu „Barbarisches Kreta (Griechenland-Krimis 7)“

Abtauchen

1. Kapitel

Der Blick auf die Graffiti, die das leer stehende, unfertige Gebäude verunzierten, machte ihm wie so oft klar, dass es auf Touristen gewiss sonderbar wirken musste, am Eingang zur Innenstadt einen solch hässlichen Bau vorzufinden. Ein Gerippe, umgeben vom Zauber der Insel … Man konnte auf das Meer schauen, und dürre Palmen säumten den Straßenrand der vierspurigen Nationalstraße.

„Und wo bist du gerade mit deinen Gedanken?“, wollte Penelope wissen.

Er drehte das Weinglas in den Fingern, spürte die Sorge vor dem nahenden Dreizehnten in [...]

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Abtauchen

1. Kapitel

Der Blick auf die Graffiti, die das leer stehende, unfertige Gebäude verunzierten, machte ihm wie so oft klar, dass es auf Touristen gewiss sonderbar wirken musste, am Eingang zur Innenstadt einen solch hässlichen Bau vorzufinden. Ein Gerippe, umgeben vom Zauber der Insel … Man konnte auf das Meer schauen, und dürre Palmen säumten den Straßenrand der vierspurigen Nationalstraße.

„Und wo bist du gerade mit deinen Gedanken?“, wollte Penelope wissen.

Er drehte das Weinglas in den Fingern, spürte die Sorge vor dem nahenden Dreizehnten in seinen Eingeweiden und konzentrierte sich auf den Augenblick: Heute war heute und nicht morgen! „Ich nehme mir jedes Mal vor, herauszufinden, warum das da drüben nicht fertiggestellt wurde.“ Er deutete auf den Betonklotz.

„Puh … das weiß ich auch nicht. Wahrscheinlich sollte es ein Hotel werden, und dann ging das Geld aus …“

„Oder es gab keine entsprechende Genehmigung“, fügte er ihrer Erklärung hinzu.

„Oder beides.“ Sie nickte. „Das gehört leider viel zu oft zum Stadtbild, und mir fällt es nur noch selten auf, wenn etwas so unschön ist. So, als würde ich versuchen, diese Dinge auszublenden … um mich rein auf die Schönheit des Lebens zu fokussieren.“

„Jetzt bist du aber philosophisch, meine liebe Pen!“ Er hob das Glas in ihre Richtung, und sie tat es ihm gleich.

Genüsslich tranken sie den kühlen Weißwein. Die Haussorte des Fagadiko war wirklich lecker und vor allem sauber. Er wusste kein anderes Wort dafür, dass der Wein absolut bekömmlich war, kein Sodbrennen und keine Kopfschmerzen verursachte, auch wenn man mehr als ein Glas konsumierte.

„Warum waren wir hier noch nie?“, wollte Penelope wissen.

„Na ja, oft habe ich eher das Bedürfnis, direkt am Wasser zu sitzen, wenn wir essen gehen, und hier kann man den Ozean zwar sehen, aber die Hauptstraße dazwischen ist irgendwie ein Manko. Gleichzeitig hat mir Maria Xylouri aus Agia Pelagia mehrfach geraten herzukommen. Also sind wir hier, und ich finde es wirklich lecker.“

Auf dem Tisch standen mehrere Teller mit Köstlichkeiten: Die Leber war kross gebraten und mit Rosmarin aromatisiert, der grüne Salat üppig – auch wenn er die Deko mit jeder Menge Balsamicocreme nicht so gern mochte. Die Tintenfischtuben waren knusprig frittiert und zergingen zart auf der Zunge. Er dippte ein Stück Pita in das Taramas und seufzte zufrieden, weil die Masse fluffig, cremig und doch so geschmackvoll war.

„Ja, es ist gewiss nicht der schönste Platz in der Stadt und auch nicht recht influencertauglich, aber mir ist gutes Essen lieber als lauter Fotoschönheiten.“

„Wo ist eigentlich deine Influencerin?“, hakte er ein, denn seit die beiden Frauen die Entscheidung getroffen hatten, wirklich ein Paar zu sein, war Eleni sehr oft auf Kreta.

„Irgendein Termin. Sei mir nicht böse, Hyeronimo, aber ich merke mir, dass sie zu tun hat, und der Rest …“ Sie zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Bin ich deshalb eine miese Freundin?“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich weiß aber trotzdem, welches Datum wir heute haben und dass du mich brauchst.“ Sie lächelte ihn an, und er spürte Dankbarkeit in sich aufsteigen.

Er hatte Glück, denn die Frauen in seinem Leben waren großartig und bereicherten ihn auf vielfältige Weise.

Der dürre Wirt kam mit einer großen Platte auf sie zu und stellte die Auswahl frischer Fische zwischen sie: kleine marinierte Sardinen, die man mit Stumpf und Stiel essen konnte – sogenannte Marides –, ein mittelgroßer Weißbarsch und ein paar Stücke Bakalarios, panierter und frittierter Kabeljau.

Dazu gab es gebackene Kartoffeln und jede Menge Zitrone. Er liebte die kretischen Zitronen schon von Kindesbeinen an. Seine Yaya hatte sie immer geschält und ihm die Filets in den Mund gesteckt – so, wie man das in Deutschland mit den Orangen machte.

Es war für ihn stets der Inbegriff von Kreta und Nach-Hause-Kommen gewesen! Immer wieder spannend, wie sehr sich Geschmäcker in Körperempfindungen festsetzten und dazu in der Lage waren, Emotionen hervorzurufen: Aß er eine Zitrone, machte sich Geborgenheit in ihm breit. Jenes Gefühl, das seine Yaya ihm seit Jahrzehnten vermittelte. Er liebte seine Eltern – keine Frage –, doch er hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Ja, sie telefonierten regelmäßig, und seine Mutter lud ihm seine geheime Lieblingslektüre auf den E-Book-Reader, aber 2000 Kilometer waren eine bemerkbare Distanz. Zudem stellte er immer häufiger fest, dass er es seiner Mutter Athina übel nahm, dass sie sich nicht um ihre eigene Mutter kümmerte. Auch sein Onkel – der in Athen lebte – glänzte durch Abwesenheit.

Jede Familie hatte ihre Probleme. Das war ihm klar, denn die furchtbarsten Auswüchse landeten auf seinem Schreibtisch: Häusliche Gewalt, die mit dem Tod endete, gab es auch auf Kreta. Doch er hatte nie begriffen, was seine Großmutter, die alle liebevoll Titika nannten, getan hatte, um diese offenkundige Ablehnung ihrer Kinder zu verdienen.

Er war da!

In den mehr als vierzig Jahren, die er sie durch seine Ferienaufenthalte kannte, hatte sie nie ein böses Wort gegen ihn gerichtet, und ihre lilafarbene Aura war über die Jahrzehnte stabil geblieben. Es war eine Mischung aus dem Streben nach Durchsetzung und Einfluss sowie Ordnung und Stabilität. Es waren die Hauptanteile ihres Naturells, die sich aus dem Rot der Macherin und dem Blau der Denkerin mischten. So erklärte er es sich immer, und sie gab ihm genau die Beständigkeit, die jemand wie er brauchte. Die Leute nannten ihn gern skurril – dabei war er einfach nur etwas anders als die meisten lauten, feierwütigen Griechen.

Es gab insgesamt vier dieser Grundausrichtungen der Persönlichkeit. Zu denen von Titika kam noch das Grün des Bewahrers mit dem Bestreben nach Harmonie und Geborgenheit und das Gelb des Entertainers, der nach Inspiration und Leichtigkeit strebte.

Er sah die Auren der Menschen als Farbschimmer um den Körper und konnte einfach mehr wahrnehmen als andere. Was ihm einst wie ein irrer Fluch erschienen war, bot ihm heute eine sehr gute Möglichkeit, Personen auf den ersten Blick einzuschätzen. Er konnte sich bei der Polizeiarbeit dadurch auf Gespräche einstellen und so seinem unterentwickelten Einfühlungsvermögen entgegenwirken. Wobei er sich dank seiner Freundschaft zu Penelope tatsächlich verbessert hatte. Ihre Aura war ebenfalls lila – wie die seiner Yaya. Natürlich war es auch Kassia zu verdanken, dass er mehr fühlte und sich dadurch besser in andere Menschen hineinversetzen konnte. Sie war sein Engel! Golden strahlend erleuchtete sie seine Seele, und obwohl auch sie ihm die Kraft gab, seine dunklen Stunden zu überleben, war es ebenfalls sie, die seine Angst befütterte. Er hatte zu sehr um sie gebangt und würde wohl niemals mehr vergessen können, wie wenig lebenswert ihm eine Welt ohne sie erschienen war. Er war machtlos gegen die Panik, die ihn an jedem Dreizehnten vierundzwanzig Stunden in ihrem Klammergriff hielt. Sie ließ sich nicht kontrollieren.

Sein Herz schlug schneller, und er warf einen Blick auf die Uhr.

„Du hast noch Zeit“, sagte seine aufmerksame Freundin und lächelte ihm zu.

Mit Penelopes Hilfe hatte er Plakate gestaltet, die er am Abend des Zwölften stets gut sichtbar in seiner Wohnung aufhängte. Gemeinsam hatten sie die kraftvollen Sätze gebildet:

Ich atme, also lebe ich!

Auf jeden Dreizehnten folgte auch ein Vierzehnter.

Ich kann die Furcht besiegen – ich atme weiter!

Er wusste, dass die Panik, die sich wie eine steinerne Schwärze in ihm ausbreitete und sich auf ihn legte wie ein unerträgliches Gewicht, irrational war. Das war ihm am Tag zuvor vollkommen bewusst und auch wieder an dem Tag danach, doch am Dreizehnten selbst setzte sein brillanter Verstand aus. Früher hatte er nur selten und mit wenigen Menschen darüber gesprochen, denn man hatte ihn zu oft verurteilt und ausgelacht:

Was für ein Blödsinn, dass dich das jeden Monat einholt … Hab dich nicht so, und reiß dich zusammen … Dein Verhalten ist vollkommen überzogen, und du willst dich damit nur wichtig machen …

Und noch viele weitere gute Tipps und Beleidigungen, die man ihm über die Jahre an den Kopf geworfen hatte. Was glaubten die Menschen nur? Dass ihm das Spaß machte oder dass er ihnen gar Theater vorspielte? Das konnten nur Leute sagen, die noch nie Angst verspürt hatten. Diese Panik wünschte er niemandem! Mittlerweile hatte er das Glück, echte Freunde zu haben: Penelope, Eleni, Stelios – und natürlich die Frau seines Herzens. Zudem waren da seine Yaya und seine Eltern. Sie gaben ihm Kraft. Genau wie der Ort, den er vor einigen Jahren auf der Nida-Hochebene gefunden hatte: den Andartis – das Monument des Friedens! Anfangs war er dauernd dort hinaufgefahren, hatte versucht zu ergründen, woher die Panik kam und in der Epigenetik auch einige Antworten gefunden. Es hatte die vierundzwanzigstündige Qual ein wenig gemildert … aber nicht wie gehofft eliminiert.

„Hyeronimo! Wir sind JETZT und HIER.“ Penelope klang nun nachdrücklicher.

Sie hatte recht! Vor ihnen standen verschiedene Köstlichkeiten – und genau deshalb war er mit Penelope hier: Sie wollten den Abend genießen, bevor die Dunkelheit ihn mit ihren klammen Fingern in die schreckerfüllte Tiefe zerrte.


2. Kapitel

„Ach komm schon, Schatz.“ Daniel beugte sich vor und griff nach Lisas Arm. „Du siehst klasse aus, und außerdem gehen wir nicht zum Galaabend beim Präsidenten, sondern in eine Taverne an der Promenade.“

„Man weiß nie, wen man trifft!“ Lisa entwand sich seinem Griff und drückte eine walnussgroße Menge Gel auf ihre Handfläche, um ihre kurzen schwarzen Haare in Form zu bringen. Sie trug sie oft zu einer Art Irokese, ohne dabei grotesk zu wirken – eher stylish! Ihre geschwungenen Lippen betonte sie mit einem kirschroten Lippenstift, und schwarze Wimperntusche und ein dunkler Lidstrich vervollständigten den Look. Sie war ein echter Hingucker.

Sicher gab es am Strand genügend Mädels, die im Fitnessstudio zu leben schienen, aber er mochte Lisas prallen Po und die vollen Brüste, stand darauf, wenn sie auf ihm saß und diese im Takt seiner Stöße schaukelten.

Gott, er musste sich sofort auf andere Gedanken bringen, schließlich war er es, der hungrig darauf drängte, endlich loszugehen, und das wollte er dann doch nicht mit einem Ständer in der Hose tun. Er packte seine Kamera, drehte sich um und ging auf den Balkon hinaus. Der Himmel begann, sich in einen tiefen Blauton zu färben, und die Silhouetten der Häuser malten sich dunkel davor ab. Eigentlich war es traumhaft schön auf der Insel, aber sein Blick war geübt, und er sah auch die weniger schönen Dinge: den sich stapelnden Müll in Einfahrten, rostige Skelette alter Autos, die mit zerschlagenen Scheiben am Straßenrand standen, als hätte die nahende Apokalypse die Besitzer zur Flucht angetrieben. Nie fertiggestellte Gebäudegerippe, in denen Schrott herumlag und sich Katzen kreischend balgten. Alles reihte sich nahtlos an hübsche Läden, sommerlich geschmückte Tavernen und Hotelanlagen mit vielen Sternen am Eingangstor. Der Kontrast war auffallend.

Die Luft roch nach Salz und Sommerabend: wenn sich nach einem heißen, sonnigen Tag die Dunkelheit wie ein sanfter Schleier auf die aufgeheizten Mauern legte.

Das klang selbst in seinem Kopf poetisch, dabei war nicht er der Schriftsteller, sondern Lisa. Sie war diejenige, die mit Worten jonglierte. Er machte das mit seinen Bildern!

Die studierte Germanistin und Historikerin hatte es drauf, lyrisch anmutende Sätze zu formulieren. Ihre Bücher erschienen bei einem guten Berliner Verlag, aber noch fehlte der große Durchbruch und damit auch das Geld, um rein vom Schreiben leben zu können. Also hielt sie Vorlesungen an einer Akademie, und er arbeitete in einem Fotostudio und machte Bewerbungsbilder oder Hochzeitsshootings. Irgendwie musste die Miete ja gezahlt werden … Sie erledigten ihre Jobs ohne große Leidenschaft und steckten all ihre Energie in ihre wahre Bestimmung.

Er drückte ein paarmal auf den Auslöser und löschte gleich drei der so entstandenen Shots wieder. Aber zwei waren wirklich gut. Sie erfassten die Stimmung des Abends durch das unverglaste Fenster eines leer stehenden Gebäudes nebenan. Die Apartmentanlage in Stalis war einfach und wirkte bei Licht ein klein wenig schmuddelig, aber das Zimmer war vollkommen in Ordnung, und der Gastgeber machte einen netten Eindruck: Ein bauchiger Mann mit löchrigem Gebiss … aber er war immer freundlich, und es gab jede Menge Stammgäste.

Mit diesem Aufenthalt auf Kreta würde sich alles ändern!

„Ich verhungere!“ Er verstaute seine Kamera in dem dafür vorgesehenen Fach des Rucksacks und lehnte sich an den Rahmen der Badezimmertür. Lisa lächelte ihn an – ihre Zähne waren so weiß, dass sie leuchteten. Sie hatte sie erst neulich bleachen lassen, und für seinen Geschmack waren sie eine Nuance zu hell, doch das strahlende Weiß ließ ihre Lippen noch roter erscheinen. Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz und rot wie Blut, schoss es ihm durch den Sinn: ein modernes Schneewittchen. Sie war in einen schwarzen Jumpsuit mit tiefem Ausschnitt geschlüpft, und er warf einen begehrlichen Blick auf die glatte Haut des Dekolletés, aus dem die schwarze Spitze eines BHs hervorblitzte.

„Sexy“, sagte er anerkennend und pfiff leicht durch die Zähne.

Sie kam auf ihn zu, zauste ihm durch die weißblonden Haare, schlüpfte in spitze Pumps mit einem kleinen geschwungenen Absatz, schnappte ihre Handtasche und sagte: „Ich bin fertig und warte nur auf dich.“ Ein kleines Spiel, das sie oft spielten, denn sie waren selten gleichzeitig aufbruchbereit. Er legte seine Hand lässig auf ihren Po, kniff sanft in das feste Fleisch. „Mal sehen, wer nachher auf wen wartet …“

Dann verließen sie lachend das Zimmer, um an der Promenade griechische Spezialitäten zu genießen, Wein und Cocktails zu trinken und ihre Körper zum Rhythmus der Musik zu wiegen.

„Lisa“, er zog sie rasch zu sich heran, und sie stolperte ein wenig dank der unerwarteten Bewegung, „wir machen das Richtige, oder?“

Sie presste sich an ihn, und er roch den Duft der Sonne auf ihrer Haut. „Ja, Schatz“, hauchte sie in sein Ohr und ließ ihre Zunge dabei rasch über die Muschel gleiten. Dann zog sie ihn weiter in Richtung Promenade, und er ließ sich von ihrem Schwung mitreißen. Wie immer.


3. Kapitel

„Ich hasse es, mit dem Bus zu fahren!“ Celeste lehnte ihren Kopf an die Scheibe des Fahrzeugs. Gott sei Dank war das Ding klimatisiert. Der Flughafen in Irakleio hatte sich als desaströs herausgestellt, und obwohl sie wirklich einiges gewohnt war, hatte sie sich nach einem kurzen Blick in die Toiletten dafür entschieden, bis zum Hotel zu warten. Das war sicher nicht superklug gewesen, denn sie hatten recht lange in der überfüllten, drückend heißen Halle auf ihr Gepäck warten müssen. Sie wäre ja mit Handgepäck gereist, aber Raymond brauchte immer einen Schrankkoffer mit Sondermaßen, um seine Ausrüstung zu transportieren. Er war extrem pedantisch, wenn es um die Maske, das Mundstück und den Anzug ging. Also hatten sie eine halbe Ewigkeit auf das Monstrum gewartet, und einige der hier anwesenden Idioten hatten sogar geklatscht, als sie endlich als Letzte in den Bus gestiegen waren.

Sie hatten einen zweitägigen Aufenthalt in Agia Pelagia gebucht, um dort den Großen Anker und die Blaue Grotte zu erkunden. Beide Tauchattraktionen befanden sich unweit der Küste in einem Radius von ungefähr zwei Seemeilen.

Warum hatten sie keinen Wagen gemietet, sondern tuckerten von einem Hotel zum nächsten, um Gäste abzuliefern? Ihr war übel, und sie war genervt – kein guter Auftakt für die gemeinsamen Tage.

„Ich habe dich gefragt“, sagte ihr Mann mit angespannter Stimme, „aber du warst der Ansicht, der Transfer sei im Buchungsumfang inbegriffen, und du wolltest nicht doppelt zahlen.“

Wie immer hatte er sich ihre Worte natürlich eingeprägt, um sie dann im passenden Moment gegen sie zu verwenden. Das machte er immer so, und im Regelfall setzte er dabei diesen überheblichen Blick auf, der sie binnen weniger Sekunden wütend machte. Jetzt war es zu dunkel, aber sie kannte ihn schon zu lange, um nicht zu wissen, was seine Mimik ausdrückte. „Ja, kann sein“, erwiderte sie schnippisch und kam sich albern dabei vor, aber alles zwischen ihnen war festgefahren, und aus ihrer Sicht gab es auch kaum eine Möglichkeit, den Karren wieder aus dem Dreck zu ziehen. Raymond war es, der sich daran klammerte, dass der Urlaub und alles, was mit dem Aufenthalt auf Kreta zusammenhing, ihrer Ehe eine Wendung geben würde. Sie wollten gemeinsam tauchen, und Celeste hatte sich sogar überreden lassen, mit ihm in voller Montur zu den Unterwasser-Sehenswürdigkeiten aufzubrechen.

Normalerweise liebte sie es, frei zu tauchen, und sie konnte es auch. Ihr persönlicher Rekord lag immerhin bei knapp neun Minuten mit einem Atemzug und einer Tiefe von etwas mehr als hundert Metern. Die Wettkämpfer tauchten teilweise bis zweihundert Meter tief. Das hatte sie bisher noch nicht ausgereizt, aber es war unglaublich, den eigenen Körper so zu beherrschen. Raymond hingegen war konservativ mit Atemgerät unterwegs und verdiente sein Geld als Tauchlehrer für die Touristen zu Hause auf Korsika.

Ihre Art zu tauchen wollten die Urlaubenden relativ selten erlernen. Apnoetauchen machte den meisten Menschen eher Angst, als dass es sie reizte.

Raymond war bei nahezu allem klassisch … oder sollte sie lieber sagen borniert: heiraten, Kinder bekommen, Nest bauen und so weiter. Doch bisher hatte ihnen das Schicksal keine Schwangerschaft beschert, und sie weigerte sich standhaft gegen eine Untersuchung ihrer Fruchtbarkeit. War sie ehrlich zu sich selbst, dann entsprach es auch nicht ihrem Wunsch, ein Kind auszutragen. Sie wollte nicht für immer an Nachwuchs gebunden sein. Nicht mehr tun und lassen können, was sie wollte, rief das Abenteuer nach ihr. Er würde sich weiter in die Tiefe stürzen, und für sie wäre der Spaß für eine lange Zeit vorbei. Vielerlei Vergnügungen würden für sie mit einem Kind entfallen … Sie hatte echt keine Lust auf dieses kleinbürgerliche Leben und konnte sich mittlerweile die Frage nicht mehr beantworten, warum sie überhaupt Ja gesagt hatte. Sie kannten sich schon seit der Schule, und er war … zuverlässig. Bei dem, was sie von Kindesbeinen an im Elternhaus hatte ertragen müssen, war das eine der wichtigsten Eigenschaften für sie gewesen, die ein Freund aufweisen musste. Er war nicht einer von den supergut aussehenden Herzensbrechern, keiner von den Cool Guys, wie man sie aus amerikanischen Highschool-Serien kannte. Er war eher optisch unauffällig, aber er war eben immer da gewesen, wenn sie sich vollkommen haltlos gefühlt hatte: Raymond hatte sie dann stabilisiert, und sie hatte wohl mit Liebe verwechselt, was sie für ihn empfand.

Nun war sie gefangen in einem Käfig, der den Eindruck machte, eine offene Tür zu haben. Doch sie war finanziell von ihm abhängig, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser … wie er immer so schön sagte: Weil du dir zu gut für normale Tauchgänge mit Laien bist, musst du Tabletts schleppen und Teller spülen. Er hatte dabei keine Gehässigkeit im Ton, sondern die Neutralität eines Nachrichtensprechers.

Sie konnte sich einfach nicht überwinden, mit unzulänglichen Touris in die zauberhafte Unterwasserwelt zu gleiten. Wer wie sie frei tauchte, war im Regelfall auf sich gestellt. Ging sie wirklich tief hinab, hatte sie entweder jemanden zur Sicherung dabei, oder sie tauchte mit Boje und Gewichten. Auch wenn ihr bewusst war, dass das ein waghalsiges Unterfangen war – sollte sie ohnmächtig werden bei einem Blackout, würde sie ertrinken –, waren es doch die Momente, in denen sie sich vollkommen lebendig wähnte. Das Gefühl hatte sie sonst nur noch bei tabulosem Sex. Ein Schauer glitt ihr über den Rücken und die Unterarme, wenn sie daran dachte, was ihr im Bett guttat – schon allein der Gedanke daran hatte die Macht, sie zu erregen!

Raymond war jedoch wie immer in seinem engen Lebenskorridor unterwegs. „Ist dir kalt? Die Klimaanlage ist wirklich heftig. Soll ich etwas sagen? Oder hast du eine Jacke im Rucksack?“ Er hatte wohl gesehen, dass sich ihre Haare an den Armen aufgestellt und sich eine Gänsehaut gebildet hatte.

Sie schüttelte den Kopf und versuchte, beherrschter zu antworten: „Es ist schon okay. Ich will nur raus aus diesem Bus.“

Nachdem dieser gefühlt hundertmal angehalten hatte, sah sie das Schild der Abfahrt nach Agia Pelagia – doch der Bus fuhr vorbei! „Hat der Typ da vorn vergessen, dass wir hier aussteigen müssen … also in diesem Dorf?“, verlieh sie ihrer Empörung Ausdruck.

„Die Straßenführung ist hier etwas kompliziert“, erklärte ihr ein Mann mit Sandalen und Tennissocken in der Reihe neben ihnen. „Es gibt noch eine weitere Abfahrt, und die nimmt der Bus, damit er dann durchs Dorf kann und wieder auf die Nationalstraße zurück Richtung Stadt kommt. Ich mache hier schon seit fünfzehn Jahren Urlaub und kenne mich aus.“ Sein Französisch hatte einen Akzent – wahrscheinlich war er kein Franzose, aber immerhin sprach er ihre Sprache. Für sie beide war es kein Problem, Englisch zu sprechen, aber viele Landsleute verweigerten sich der Weltsprache konsequent.

„Danke, das ist sehr nett“, wandte sich Raymond an den Mann, und Celeste versuchte, ein freundliches Lächeln auf ihr Gesicht zu zaubern. Sie hoffte, der Kerl würde sie nun nicht bis zu ihrer Unterkunft vollquatschen – doch genau das tat er. Er stieg immer in derselben Pension ab, lieh sich stets im Dorf ein Auto und kurvte über die Insel von Taverne zu Taverne … Kein Wunder, dass er so beleibt war! Sie ließ das Servicelächeln in ihrem Gesicht gefrieren – so, wie sie es tat, wenn sie Getränke und Essen an die Tische brachte –, nickte, ohne jedoch zuzuhören. Das war Raymonds Aufgabe. Er war der nette, zugängliche Typ in ihrer Beziehung, sie hingegen bezeichnete man nicht selten als hochnäsig. Sie sah gut aus. Wenigstens das hatten ihre Eltern ihr mitgegeben. Die blonden Locken fielen ihr weich bis auf die Schultern, ihre Augen waren von katzenhaftem Grün und ihre Gesichtszüge fein gezeichnet und symmetrisch. Sie war groß für eine Französin – immerhin eins vierundsiebzig –, und ihr durchtrainierter Körper zog immer wieder Blicke auf sich: bewundernde und neidvolle! Das Tattoo mit dem Delfinschwarm wanderte vom kleinen Finger der linken Hand über den Arm hinauf bis über die Schulter. Es hatte echt wehgetan, die wundervollen Meereswesen auf ihren Körper zu bannen, doch es hatte sich gelohnt. Jeder einzelne Delfin war perfekt gestochen. Wann immer es ihr möglich war, einen Schwarm zu treffen, ging sie ins Wasser, denn es war wahrlich ein unglaublich schönes Gefühl, zwischen den pfeifenden Leibern dahinzugleiten.

„Wir müssen hier raus.“

Raymonds Stimme und seine Hand auf ihrem Arm holten sie aus ihren Gedanken. Sie zerrte ihren Rucksack aus dem Fußraum und glitt hinter ihm aus der Sitzreihe. Ihr kurzes T-Shirt rutschte dabei ein Stück nach oben, und sie spürte den Blick des Sockenmanns auf ihrem muskulösen Bauch. Er schien ihm zu gefallen, denn er glotzte sie mit geöffnetem Mund an, dann fasste er sich wieder und rief: „Viel Spaß auf der Insel! Es war nett, euch kennenzulernen. Vielleicht treffen wir uns mal im Ort …“

Raymond lächelte zurück, während sie zwischen zusammengebissenen Zähnen zischte: „Hoffentlich nicht!“

Entnervt stolperte sie hinter ihrem Mann her, der seinen Riesenkoffer entgegennahm und dem ausgestreckten Finger des Busfahrers mit seinem Blick folgte. „Das scheint wohl unsere Unterkunft zu sein“, sagte er mehr zu sich als zu ihr und zog sein Gepäckstück rumpelnd über die holprige Straße. Unter Ächzen bekam er ihn zum Eingang hinauf. „Der Schlüssel liegt an der Rezeption. Die ist nachts nämlich nicht besetzt“, erklärte er ihr. „Kannst du ihn bitte holen?“

Sie nickte und trabte los. Im Dunkel der Nacht sah die Anlage ganz gut aus – es war ein preiswertes Dreisternehotel –, da durfte man seine Erwartungen wohl kaum zu hoch ansetzen, aber die Lage war gut, denn bis zum Strand waren es zu Fuß kaum fünf Minuten.

Das Zimmer schien ein Affe auf LSD eingerichtet zu haben, und der Duschvorhang im Bad hatte bessere Zeiten gesehen, aber die Matratze war überraschend gut.

Kurze Zeit später rollte sie sich zusammen, und in ihren Träumen rieben glitzernd geschmückte Hände über ihren willigen Körper …

Nikola Vertidi

Über Nikola Vertidi

Biografie

Die deutsche Autorin Nikola Vertidi lebt seit 2017 mehrere Monate im Jahr auf Kreta und besucht die Insel schon länger als ein Jahrzehnt regelmäßig. Griechisch Unterricht, die Integration in das kretische Leben durch Freunde und Streifzüge über die Insel machen nicht nur authentische Schauplätze...

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