Das Hörgerät im Azaleentopf
Ein kluges, warmherziges Buch. - büchermenschen
Das Hörgerät im Azaleentopf — Inhalt
Die betagte Autorin erzählt, wie es wirklich ist, nicht mehr die Jüngste zu sein. Denn auch wenn die Gesellschaft nur ein Ziel zu kennen scheint – so alt wie Methusalem zu werden – hat das Alter doch so seine Tücken …
Leseprobe zu „Das Hörgerät im Azaleentopf“
Altes Eisen
Ab wann gehört man eigentlich dazu? Als Berufstätiger in manchen Branchen schon ab fünfzig, und bei der Agentur für Arbeit wird man bereits mit vierzig als schwer vermittelbar eingestuft. Allerdings sind für die Wirtschaft auch die älteren Jahrgänge, solange sie fleißig konsumieren, noch einigermaßen rentabel. Aber wenn unsere Politiker mit einer stetig anwachsenden Zahl von Mitbürgern zwischen achtzig und hundert konfrontiert werden, möchten sie sich am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und murmeln: „O Gott, die Kosten, die Kosten!“ [...]
Altes Eisen
Ab wann gehört man eigentlich dazu? Als Berufstätiger in manchen Branchen schon ab fünfzig, und bei der Agentur für Arbeit wird man bereits mit vierzig als schwer vermittelbar eingestuft. Allerdings sind für die Wirtschaft auch die älteren Jahrgänge, solange sie fleißig konsumieren, noch einigermaßen rentabel. Aber wenn unsere Politiker mit einer stetig anwachsenden Zahl von Mitbürgern zwischen achtzig und hundert konfrontiert werden, möchten sie sich am liebsten die Decke über den Kopf ziehen und murmeln: „O Gott, die Kosten, die Kosten!“ Und unser durchaus die Macht genießender Altbundespräsident, selbst nicht mehr der Jüngste, finanziell gut gepolstert und mit jungem Glück an seiner Seite, sieht das Problem hoch politisch und spricht wie gewohnt markig aus, was für ihn Sache ist: „In unserer Demokratie bekommen die Alten zu viel Macht.“
Eins lässt sich jedenfalls zum Thema Alter sagen: Es kommt früher, als man denkt, und später, als man glaubt. Letzteres gilt allerdings überwiegend für die Herren, besonders die in meinem Alter, die bekannterweise kriegsbedingt in der Minderzahl sind.
Bei diesem Thema fällt mir jedes Mal die Geschichte eines Wildkaninchenforschers ein, in der ein Karnickelbock die Hauptrolle spielte. Dieses Tier war, wie man heute sagen würde, ein Loser. Seine Mutter hatte ihm, aus welchen Gründen auch immer, ein Ohr abgeknabbert, und auf einem Auge war er blind. Ausgeschlossen von der Karnickelgemeinschaft kümmerte er traurig vor sich hin und war so ängstlich, dass er bereits vor Entsetzen quäkte, wenn ihm eine Kastanie auf den Rücken fiel. Doch dann kam für ihn die große Stunde: Eine Seuche dezimierte den Karnickelstamm auf ein Minimum und raffte vor allem die Karnickelmännchen dahin. Übrig blieb ein Häufchen klein, und der sich bereits jenseits der besten Jahre befindliche Loser wurde plötzlich von den Damen umworben, und man machte ihm respektvoll Platz, wenn er auf eine Stelle saftigen Grases mehr zuhumpelte als hoppelte, denn inzwischen war ihm auch noch ein Bein verloren gegangen.
Wie man sieht, haben also Männer, häufiger als Frauen, bis ins hohe Alter noch eine Chance, dem „alten Eisen“ mit einer neuen Partnerin zu entkommen, wie es sich gelegentlich ja auch in den Seniorenheimen zeigt. Da ist der Mann noch was wert und leidet eher unter allzu großer weiblicher Fürsorge. Etwas, was für uns alte Frauen umgekehrt weniger zu befürchten ist. Und so ist auch nur die Meldung „Neunundneunzigjährige heiratet Fünfundsechzigjährigen “ in den Medien eine Schlagzeile wert.
Aber ob männlich oder weiblich, eins haben wir im Alter gemeinsam: Wir fühlen uns schnell unzufrieden und immer „irgendwie“: „Irgendwie klappt das alles nicht mehr so“ – „Irgendwie habe ich das Gefühl, ich müsste mal zum Arzt.“ Jetzt bestimmt der Körper das Tempo, und das nach Lust und Laune. Man sollte ihn also möglichst nicht dazu treiben, Dinge zu tun, die schon einem Dreißigjährigen schwerfallen, wie hohe Berge zu bezwingen oder an einem Marathonlauf teilzunehmen.
Wann eigentlich gehört man denn nun wirklich zum alten Eisen? Hier einige nicht immer ganz ernst gemeinte Hinweise. Man gehört dazu,
- wenn einen die Bauarbeiter nicht mehr mit Mädchen, sondern mit junge Frau anreden;
- wenn man aufsteht und der Tag ist rum;
- wenn im Bus junge Leute nicht – wie üblich – angestrengt aus dem Fenster sehen, während man einen Platz sucht, und sich schließlich nur einer von ihnen zögernd erhebt, sondern nun gleich ein halbes Dutzend;
- wenn der Tischherr sich freundlich anbietet, einem das Fleisch zu schneiden;
- wenn unsere alltäglichen wie sonstigen Tätigkeiten als „Beschäftigung“ oder „Aufgabe“ bezeichnet werden;
- wenn junge Frauen einem nicht nur in den Mantel helfen, sondern ihn auch fürsorglich zuknöpfen;
- wenn freundliche Menschen an der Ampel auf das Männchen zeigen und einem „grün! grün!“ zurufen;
- wenn einen beim Spaziergang stürmische Läufer weiträumig überholen und Hundebesitzer ihre Tiere vorsorglich kurz an der Leine halten, damit sie einen nicht anspringen, denn ein Sturz in unserem Alter kann teuer werden;
- wenn der Arzt auf die Frage nach dem Grund der Beschwerden ausweichend antwortet: „Nun ja, hier und da gibt es kleine Verschleißerscheinungen, aber im Großen und Ganzen sind Sie noch sehr gut beisammen“, und, ehe man eine weitere Frage stellen kann, aufsteht und bei der Verabschiedung beiläufig sagt: „Wir sehen uns dann im nächsten Quartal wieder“;
- wenn der Bankberater nur die Achseln zuckt und einem den von seiner Bank doch überall so angepriesenen Kredit verweigert;
- wenn man es nicht mehr schafft, den Knopf für die Dusche herunterzudrücken und sich mit jedem Marmeladenglas und sonstigem fest Verschraubten hilfesuchend an den Nachbarn wenden muss;
- wenn man dem Vertrauensarzt der Pflegeversicherung gegenüber beteuert, man sei putzmunter, ungeachtet der flehentlichen Blicke der Familie, die jeden Tag erlebt, dass man schon längst nicht mehr ohne Hilfe aus dem Bett und ins Badezimmer kommt;
- wenn man immer wieder mit verschwörerischer Miene Geheimnisse ausplaudert, die schon jeder in der Familie auswendig kennt;
- wenn man anfängt, von der alten, so romantischen ersten Liebe ein bisschen zu viel herzumachen;
- wenn der berühmte Professor, nun längst im Ruhestand, bei einem Empfang einem jungen Kollegen die Wichtigkeit der Zuckerrübe im Mittelalter erklärt und feststellen muss, dass dieser inzwischen längst – das Handy am Ohr – einer ganz anderen Stimme lauscht;
- wenn man im Hotel größeren Wert auf eine gute Matratze und Bequemlichkeit im sanitären Bereich legt als auf die Aussicht;
- wenn man sich trotz fortgeschrittenen Alters in der Öffentlichkeit allzu leicht bekleidet zeigt, mit tiefem Ausschnitt oder in Pfadfinderhosen;
- wenn man das Wort „früher“ zu oft in den Mund nimmt, was noch halbwegs gestattet ist, solange es sich um das Wetter handelt;
- wenn im Briefkasten immer häufiger Angebote von Sterbegeldversicherungen landen mit dem Foto eines freundlichen älteren Herrn und den Worten „Ich regle alles selbst. Auch meine letzten Dinge“;
- wenn man neuerdings Anzeigentexte wie „Harndrang sehe ich gelassen“, Werbungen für Treppenlifte oder Fragen wie „Spüren Sie Ihre Gelenke? Haben Sie quälende Schmerzen im Knie?“ interessiert liest und die Augen an dem Satz „Was das Gehirn zum Denken bringt“ haften bleiben;
- wenn das Pröbchen aus der Apotheke nicht mehr für die reife Haut ist, sondern etwas Stärkendes für die Venen;
- wenn man sich besonders kameradschaftlich zeigen will und dem peinlich berührten fünfzehnjährigen Enkel mit den Worten „Echt geil, Kumpel“ in die Seite knufft;
- wenn man zur Themenwoche im Fernsehen wird.
Ein kluges, warmherziges Buch.
Amüsant und bissig. Hoher Wiedererkennungswert.
Eine leichte, unprätentiöse und mit einem Augenzwinkern erzählte Geschichten.
Die Kunst, aus allem das Beste zu machen, beherrscht Ilse Gräfin von Bredow meisterlich. Ein vergnügliches Buch zum Schmökern.
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