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Das Tor zur Ewigkeit

Das Tor zur Ewigkeit - eBook-Ausgabe

Katia Fox
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Historischer Roman

„Gut recherchiert und fesselnd geschrieben. Ein Vergnügen für Fans und ein guter Einstieg in das Genre.“ - Ruhr Nachrichten

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Das Tor zur Ewigkeit — Inhalt

England, 1224: Catlin, die Tochter des Schwertschmieds Henry, träumt von einem Leben als Glockengießerin. Doch eine arrangierte Ehe soll ihr Schicksal besiegeln und sie zur Erbin der väterlichen Schmiede machen. In ihrer Verzweiflung flieht Catlin nach Norwich, um an der Seite des Glockengießers John ihrer Berufung nachzugehen – und gerät schon bald in einen reißenden Strudel gefährlicher Intrigen ...

€ 8,99 [D], € 8,99 [A]
Erschienen am 15.01.2013
528 Seiten
EAN 978-3-492-95911-7
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Leseprobe zu „Das Tor zur Ewigkeit“

„Das, was dem Leben Sinn verleiht, gibt auch dem Tod Sinn.“


Antoine de Saint-Exupéry


Für Pfapfa


Das Tor zur Ewigkeit ist meinem Vater gewidmet,
der es am 10. Juni 2012 nach kurzer schwerer Krankheit
durchschritten hat. Unerwartet und viel
zu schnell wurde er aus unserer Mitte gerissen.
Nach seinem Tod die Szenen zu schreiben, in denen
ein Vater stirbt, war unglaublich schwer und hat
mich viel Kraft gekostet.

Vivos voco: Die Lebenden rufe ich
Mortuos plango: Die Toten beklage ich
Fulgura frango: Die Blitze breche ich


Prolog


Nebel, dicht und schwer, lag auf dem [...]

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„Das, was dem Leben Sinn verleiht, gibt auch dem Tod Sinn.“


Antoine de Saint-Exupéry


Für Pfapfa


Das Tor zur Ewigkeit ist meinem Vater gewidmet,
der es am 10. Juni 2012 nach kurzer schwerer Krankheit
durchschritten hat. Unerwartet und viel
zu schnell wurde er aus unserer Mitte gerissen.
Nach seinem Tod die Szenen zu schreiben, in denen
ein Vater stirbt, war unglaublich schwer und hat
mich viel Kraft gekostet.

Vivos voco: Die Lebenden rufe ich
Mortuos plango: Die Toten beklage ich
Fulgura frango: Die Blitze breche ich


Prolog


Nebel, dicht und schwer, lag auf dem Dorf, den Feldern, Wiesen und Wegen, hüllte mit kaltem, feuchtem Mantel das bleierne Gemüt des trauernden Mannes ein.
Mit seinen Händen, mit Hacke und Spaten hatte er jeden Zoll weinend der winterharten Erde abgetrotzt. Tief genug hatte er graben müssen, um Wölfe und wilde Tiere auf ewig vom Grab seines geliebten Weibes fernzuhalten.
Gott der Herr aber wollte weder die Trauer des Mannes sehen, noch die Tränen des Knaben trocknen, der mit seiner schmalen Hand den warmen, rauen Zeigefinger des Vaters umklammerte.
Ein Mönch, der mit einer Tochter Evas im Stroh gelegen und in Sünde einen Bastard gezeugt hatte, verdiente kein Mitleid.
Nichts deutete mehr darauf hin, wer er einmal gewesen war. Seit er den Orden verlassen, sich der Tonsur entledigt und den Schädel kahl rasiert hatte, war viel Zeit vergangen. Das Haar war ihm nachgewachsen, die Kutte hatte er durch den Arbeitskittel ersetzt. Und dennoch, er hatte sich dem Herrn versprochen und sein Gelübde gebrochen.
Die Entscheidung für Mutter und Kind hatte er nie bereut. Geschah es ihm also recht, dass er nun das Weib verloren hatte, für das er seinen Gott einst verriet?
Er hatte sie geliebt. Mehr als den Herrn und mehr als sein Leben. Das wollte und konnte er nicht bereuen, damals nicht und heute noch weniger. Doch nicht ihn hatte der Sensenmann zur Strafe geholt. Ihr hatte er das Lebensband zerrissen, und um ein Haar hätte er auch das Kind zu sich genommen. Wie durch ein Wunder hatte der Knabe dem Tod schließlich getrotzt.
Vielleicht hatten die Gebete des Vaters doch geholfen.
Um Vergebung hatte der Abtrünnige seinen Gott immer wieder angefleht und in seiner Verzweiflung um das Leben seines Weibes geschachert. Hätte der Herr sie verschont, so wäre er ins Kloster zurückgekehrt. Nicht voller Reue über seinen Fehltritt, sondern in Demut vor der Macht Gottes. Doch der Herr war unbeugsam geblieben und hatte ihm die Frau entrissen.
Das glockenhelle Lachen des Knaben war seit jenem Tag verstummt, jedes Lächeln aus dem zarten Gesicht gewichen. Traurig und hilflos lenkte er nun den Blick zum Vater.
Für den Jungen musste er leben und sein Bestes geben, musste er sich aussöhnen mit Gott.
Nie wieder, so schwor er dem Herrn, rühre ich ein Weib an, kein Kind zeuge ich mehr. Deinen Namen will ich fortan mit meiner Hände Arbeit für die Ewigkeit lobpreisen – als Dank dafür, dass du mir den Jungen gelassen hast …


Fest gemauert in der Erden
Steht die Form, aus Lehm gebrannt


Friedrich Schiller, Das Lied von der Glocke


St. Edmundsbury, April 1224


Catlin betrat die Abtei durch das Abbey Gate. Überall drängten sich Menschen um Holzstände mit bunten Tuchdächern, an denen Essbares und Nützliches feilgeboten wurden, denn der Abt besaß die Genehmigung des Königs, im Hof des Klosters einen Markt abzuhalten. Dienstboten und Mägde liefen emsig umher, Besucher und Händler, die hofften, beim Abt vorsprechen zu dürfen, standen in Grüppchen beieinander, prahlten mit Geschichten von ihren Reisen oder priesen die Vorzüge ihrer Waren an. Unzählige Handwerker, Steinmetzen und Steinbrecher, Bildhauer und Mörtelmischer, Korbflechter, Kalkbrenner, Zimmerleute und Dachdecker waren seit der Errichtung der Abtei mit Umbauten, Ausbesserungen und dem Bau neuer Gebäudeteile beschäftigt. Den Schwarzschmieden, die in ihren offenen Werkstätten tätig waren, warf Catlin einen bewundernden Blick zu. Es war gewiss nicht leicht, sommers wie winters ungeschützt am Amboss zu stehen. Die Arbeit war ohnehin schon hart, doch mit kalten Fingern, halb erfrorenen Füßen und dem eisigen Zug des Windes im Rücken ganz sicher noch viel schwerer. Catlin wusste, was es bedeutete, ein Eisen zu schmieden. Ihr Vater war ein berühmter Schwertschmied, und obwohl sie ein Mädchen war, lernte sie das Handwerk von ihm. Die Werkstatt vor den Toren von St. Edmundsbury hatte er vor vielen Jahren von seiner Mutter übernommen. Über die Grenzen Englands hinaus war sie für ihre hervorragenden Schwerter berühmt gewesen, und nachdem William, ihr ältester Sohn, nicht Schmied, sondern Falkner geworden war, hatten alle ihre Hoffnungen auf Henry geruht, ihrem Zweitgeborenen. Der hatte seine Mutter nicht enttäuscht, und so war das kupferne Zeichen, ein bauchiges E, mit dem sie jede Klinge versehen hatte, noch immer das Wahrzeichen dieser Schmiede.
Eine Gruppe Benediktiner, die auf der anderen Seite über den Hof huschte, erregte Catlins Aufmerksamkeit. Der Novizenmeister mit seinen Schützlingen war auf dem Weg zur Abteikirche. Sicher war auch Thomas dabei, sehen aber konnte sie ihn nicht.
Ein Lächeln zuckte um ihren Mund. Sie liebte den Gesang der Mönche und drängte darum nun mit den Pilgern zum Gotteshaus. Seit bald dreihundert Jahren kamen die Gläubigen in Scharen zur Abtei, um am Schrein des heiligen Edmund niederzuknien und zu beten. Edmund, einst König von East Anglia, war durch die Dänen besiegt und enthauptet worden, weil er sich geweigert hatte, Christus, den Sohn Gottes, zu verleugnen. Der abgetrennte Kopf, so erzählten sich die Leute, sei in den nahe gelegenen Wald gerollt, wo ihn die Getreuen des Königs tagelang gesucht hatten. „Wo seid Ihr, Herr?“, sollen sie immer wieder gerufen haben, und irgendwann, so hieß es, habe der Kopf schließlich geantwortet. Die Alten hatten jene Geschichte von ihren Großeltern gehört und die wiederum von ihren Ahnen. Den Kopf des heiligen Edmund, so sagten sie, habe man zwischen den Klauen eines großen grauen Wolfes gefunden, der das Fleisch des heiligen Mannes nicht angerührt hatte, obwohl er fast verhungert war. Zahm wie ein Lamm sei er noch bis zur Stadt neben den Männern hergelaufen und dann plötzlich verschwunden. Gott habe den Wolf damit beauftragt, den Kopf des heiligen Edmund vor wilden Tieren zu schützen, behaupteten die Leute einhellig und bekreuzigten sich dreimal, wenn sie davon erzählten. Niemand zweifelte daran, dass der heilige Edmund Wunder vollbrachte. Viele hatten davon gehört, unzählige hatten es gesehen oder am eigenen Leib erfahren. Also kamen die Menschen, junge wie alte, in Scharen und nahmen auch weite, oft beschwerliche Reisen in Kauf, um ihre Anliegen, von Gebeten und großzügigen Gaben gestützt, beim heiligen Edmund vorzubringen.
Inmitten der drängenden Menge gelangte Catlin nur mit Mühe ins Innere der Kirche, wo die Pilger enge Schlangen bildeten und sich die Wartezeit mit Gebeten oder dem Austausch von Neuigkeiten verkürzten. Energisch drängte sie sich an einer Gruppe Gläubiger vorbei zum Chor, erntete unfreundliche Blicke, scherte sich jedoch nicht darum, war sie doch keine Pilgerin und nicht wegen des Schreines gekommen. Sie wollte einzig jenen ganz bestimmten Platz im Kirchenschiff erreichen, von dem aus der Gesang der Mönche am besten zu hören war.
Kurz vor einem der steinernen Pfeiler, die das Gewölbe des Gotteshauses trugen, blieb sie stehen, schloss die Lider und wartete. Mit jedem Augenblick, der verfloss, schälten sich aus dem Gemurmel ringsum einzelne Worte und Satzfetzen heraus. Plötzlich war das Quietschen einer Tür zu hören, schlurfende Schritte auf Stein folgten, dann ein Rumpeln, als die Tür wieder ins Schloss fiel. Die Mönche kamen! Ledersandalen schabten über den Boden, dann war ein Hüsteln zu hören. Als die Mönche endlich zu singen begannen, stand Catlin wie angewurzelt da, vollkommen entrückt, die Augen fest geschlossen, den Kopf voller Musik, nichts als Musik. Alles andere war vergessen. Die Pilger mit ihren Anliegen, die Bauleute, der Markt, sogar die Sorge, der Vater könne sie schelten, wenn sie zu spät heimkam. Nichts war von Bedeutung, solange sie nur der Musik lauschen konnte. Jede einzelne Stimme war ihr vertraut. Die weiche, süffige Stimme von Bruder Godfrey, einem etwas rundlichen Mönch mit breitem Gesicht und fülligem Haarkranz um die Tonsur, die rauchige Stimme von Bruder Simon, die genauso geheimnisvoll war wie der Bruder selbst, die schnarrende Stimme von Bruder Anselm, der unentwegt in Eile war, oder die pergamentartige von Bruder Jeremias, einem langen, dürren Mann mit Hakennase und üblem Atem. Auch die Stimmen der Novizen zu unterscheiden war nicht schwer. Am schönsten klang Thomas’ Stimme. Sie stach so deutlich hervor, dass Catlin in der Erwartung, sogleich zu Tränen gerührt zu werden, den Atem anhielt. Doch Gänsehaut und Ergriffenheit blieben aus. Sie runzelte die Stirn und schlug die Augen auf. Thomas? Sie lugte um die Ecke, durch den Spalt zwischen den beiden reich verzierten steinernen Tafeln hindurch, die Mönche und Pilger voneinander trennten. Wieso sang er nicht? Mit unruhigem Blick tastete sie die Reihen der Novizen ab. Thomas war nicht dabei. Ob er krank oder wieder einmal bestraft worden war? Die Mönche waren streng und Thomas nicht annähernd so diszipliniert, wie es von einem Novizen erwartet wurde.
Catlin war enttäuscht und ein wenig besorgt, darum beschloss sie schweren Herzens, nach draußen zu gehen und zu sehen, wen sie unauffällig nach Thomas’ Verbleib fragen konnte.
„He!“, rief eine gedämpfte Stimme, als sie aus dem Gotteshaus ins helle Tageslicht hinaustrat.
Catlin blinzelte, legte die Hand über die Brauen, um die Augen zu beschirmen, und sah sich fragend um.
„ Hier ! “
„Thomas!“, antwortete Catlin ebenfalls im Flüsterton und eilte auf den großen Lehmhaufen zu, neben dem der Freund kauerte. „Warum bist du nicht beim Singen?“ Sie sah mit gerunzelter Stirn auf ihn hinab. „Was tust du da überhaupt?“
Thomas stand ein wenig umständlich auf und klopfte sich den Staub aus der viel zu großen Kutte. „Ich darf einen ganzen Monat lang nicht singen. Ich soll arbeiten, um nachzudenken, hat der Novizenmeister gesagt. Er hält das für eine wirklich harte Strafe“, sagte er spöttisch und kniff verschwörerisch ein Auge zu.
Thomas hatte eine wunderbare, klare Stimme und vertat sich nie im Ton, was man von den anderen Novizen eher nicht sagen konnte. Die Mönche glaubten daher, dass ihm das Singen etwas bedeutete und er sich die Strafe darum wohl zu Herzen nähme. Thomas aber war das Singen nicht nur vollkommen gleich, es war ihm gar Bürde, denn er hasste es, so lange in der Kirche still stehen zu müssen. Von klein auf war er an körperliche Arbeit gewöhnt und brauchte Bewegung wie die Luft zum Atmen.
Als er bemerkte, dass Catlin auf seine schmutzigen Hände starrte, hob er die Rechte und tat so, als wolle er ihr das Gesicht beschmieren.
„Igitt, das stinkt ja!“ Catlin rümpfte erstaunt die Nase. „Was ist das denn?“
„Lehm mit Pferdemist.“ Thomas grinste zufrieden. „Ich soll dem Glockengießer helfen.“ Er beugte sich zu ihr vor und senkte die Stimme. „Komm mit, ich zeige dir, wo er arbeitet.“ Dann ergriff er den Eimer, der neben ihm stand. „Ich muss dann wieder!“, sagte er laut, winkte ihr zu, als verabschiede er sich, und wandte sich ab. Es sollte nicht auffallen, dass Catlin ihm folgte, darum nickte sie und tat, als schlendere sie noch ein wenig herum. Man konnte schließlich nie wissen, welcher der Brüder einen aus der Ferne beobachtete oder plötzlich hinter einem stand. Auch wenn jeder in der Abtei wusste, dass Catlin und Thomas schon seit Kindertagen befreundet waren, so sahen es die Mönche doch nicht gern, wenn die beiden allzu lange miteinander sprachen. Seit sein Vater ihn im Kloster untergebracht hatte, gehörte der Junge der Kirche, und die wachte strengstens darüber, dass keines ihrer Schäfchen vom rechten Weg abkam.
Thomas war im Durchgang des steinernen Turmes verschwunden, den die Normannen einst errichtet hatten. Catlin blickte sich unauffällig um und folgte ihm. Ihr Freund stand in einer tiefen Grube in der Mitte des Turmes neben einer großen Form aus Lehm.
„Wie geht das mit dem Glockengießen?“ Catlin sah sich neugierig um. Es gab keinen Amboss, keine Esse und kaum Werkzeug. Nur Backsteine, Kellen und Hämmer lagen herum. „Ist das ein Ofen?“ Sie deutete in die Grube.
„Nein, das ist der Glockenkern.“ Thomas strich über die Form und machte ein nachdenkliches Gesicht. „ Darüber kommt die Falsche Glocke und dann …“
„Falsche Glocke?“ Catlin verstand nicht, was er meinte.
Thomas lächelte nur geheimnisvoll.
Fragen über Fragen stolperten in Catlins Kopf umher. „Geschmiedete Glocken klingen anders als gegossene. Woran das wohl liegt?“, überlegte sie. „An den Metallen, die der Glockengießer dazu auserwählt? Oder an der Form der Glocke? Und ihre Größe … ist nicht auch die Größe einer Glocke von Bedeutung für ihren Klang?“ Sie legte den Kopf schief und sah Thomas mit großen Augen an.
„Ist mächtig viel Arbeit, so eine Glocke“, behauptete Thomas, ihre Fragen geflissentlich überhörend, nahm eine Handvoll Lehm aus einem der Eimer und verteilte ihn geschäftig auf der Glockenform.
„Wirst du wohl die Finger da wegnehmen!“, donnerte eine kräftige Stimme, und Thomas fuhr herum. „Ich habe dir verboten, den Kern anzurühren, oder nicht ? “
Catlin konnte das Gesicht des Mannes nicht erkennen, der in einem dunklen Winkel des Turmes stand.
Thomas nickte schuldbewusst und sah aus wie das schlechte Gewissen persönlich. „ Es tut mir leid, Meister, ich habe nur …“, versuchte er sich kleinlaut zu verteidigen, als der Glockengießer näher trat.
„Ein falscher Handgriff kann alles zunichtemachen!“, blaffte der Glockengießer und stieg über eine Holzleiter in die Grube hinab. Zu erpicht darauf, jeden Zoll genauestens in Augenschein zu nehmen, würdigte er Catlin nicht eines Blickes. Das Haar des Glockengießers und seine struppigen Brauen waren mit grauen Fäden durchzogen – er musste wohl so alt sein wie Catlins Vater. Sein Rücken wirkte breit, seine Hände waren kräftig, aber nicht so schwielig wie die des Schmiedes. Der Glockengießer nahm nun seinerseits etwas Lehm, tauchte die Hand kurz in einen wassergefüllten Bottich und fuhr mit großzügigen Strichen sanft über die tönerne Form. So zärtlich, wie man einem Pferd über die Flanke streicht, fuhr es Catlin durch den Kopf.
„Du hast Wasser zu schleppen, Lehm und Mist herbeizuschaffen, nichts weiter. Wenn du unbedingt mehr tun willst, dann nur nach Anweisung und niemals allein, hörst du?“ Der Meister durchbohrte Thomas mit Blicken. „Hast bei dem Mädel wohl Eindruck schinden wollen, wie?“, brummte er und ruckte mit dem Kopf in Catlins Richtung. Lachend versetzte er Thomas einen Rippenstoß. „ Scheint ein gewitzigtes Ding zu sein, deine Freundin, und hübsch ist sie obendrein.“
Catlin errötete.
„ Willst du die Antworten auf alle deine Fragen wirklich wissen?“, fragte der Glockengießer mit einem herausfordernden Funkeln in den Augen und wandte sich ihr zu.
„Ja, Meister, gibt es doch nichts Göttlicheres als Musik. Der Gesang der Mönche jagt mir Schauer über den Rücken.“ Sie lächelte. „Das Läuten der Glocken nennt man auch die Stimme des Herrn, denn es kündigt den Morgen an, die Pause zum Mittag und das Ende der Arbeit am Abend, auch zum Gebet ruft es die Gläubigen, auf dass sie einst beim Herrn weilen in Ewigkeit.“ Vor lauter Eifer riss Catlin die Augen weit auf. „ Ich weiß, wie Schwerter geschmiedet werden, damit sie scharf und doch biegsam sind, auch wenn ich’s noch nicht allein kann. Wie der Glockengießer aber dem Metall so verschiedene Töne zu entlocken weiß, scheint mir geradezu ein Wunder zu sein.“
„Das Geheimnis liegt in der Glockenrippe“, sagte der Meister und deutete auf eine Holzschablone am Glockenkern.
„Aber wie …?“, murmelte Catlin und runzelte die Stirn. Erst jetzt sah sie das leicht geschwungene Brett, das an einem Stab befestigt war. Wie konnte ein einfaches Stück Holz ein Geheimnis bergen? „Darf ich hin und wieder kommen und ein wenig zuschauen ? “, fragte Catlin und errötete. „Ich wüsste so gern, wie das geht mit dem Gießen.“
„Die Mönche dulden es nicht, wenn du mit ihr sprichst, habe ich recht?“, wandte sich der Meister an Thomas und schnalze mit der Zunge, als der Junge mit gesenkten Lidern nickte. „Sie mögen keine klugen Weibsbilder – und liebreizende Jüngferlein erst recht nicht. Meinst du, ich sollte ihr dennoch erlauben, hin und wieder herzukommen?“
„O ja, bitte, Meister!“ Thomas’ Augen leuchteten auf.
Der Glockengießer musterte Catlin abermals und kratzte sich den kurzen Bart. „Wie heißt du?“
„ Catlin, Meister. “
„Also gut, Catlin. Wenn du wegen des Glockengießens kommen willst und nicht wegen meines jungen Helfers, dann bist du mir willkommen, wann immer du magst. Ein Schäferstündchen aber verweigere ich euch strikt, hört ihr? Niemals … niemals dürft ihr euch hier allein aufhalten, habt ihr verstanden?“ Sein gestrenger Blick wanderte von Catlin zu Thomas. „Ich will keine Scherereien euretwegen. “
„Ja, Meister“, antworteten die beiden wie aus einem Mund. „Ganz gewiss nicht“, fügte Catlin noch eilig hinzu.
„Du bist die Tochter von Henry, dem Schwertschmied, nicht wahr?“ Der Glockengießer war aus der Grube herausgeklettert und musterte sie von Kopf bis Fuß. „ Der Abt hat nur Gutes über deinen Vater zu sagen gewusst. Er will ihn mit dem Klöppel für die neue Glocke betrauen. Handgeschmiedet aus recht weichem Eisen muss er sein, damit der Ton rund wird und die Glocke nicht leidet.“
Vermutlich erwartete er, dass sich Catlin über den Auftrag für ihren Vater hocherfreut zeige. Der Schmied aber wäre in Wahrheit wohl kaum begeistert über diese Arbeit, die gewiss von jedem gewöhnlichen Schwarzschmied erledigt werden konnte. Er würde zweifelsohne vor Wut schäumen, zu guter Letzt aber dann doch nachgeben, weil man sich Abt Hugh eben nicht widersetzte. Niemand, nicht einmal Henry, der berühmte Schwertschmied, der die bedeutendsten Männer des Landes mit Waffen belieferte, konnte sich das erlauben, darum lächelte Catlin nur dünn und nickte.


Auf dem Weg nach Hause überquerte Catlin eine weitläufige Wiese, deren Gräser ihr gegen die Waden unter dem langen Rock peitschten. Erste Schmetterlinge und Hummeln sammelten Nektar aus zart duftenden Blüten. Catlin sog die Mischung aus Frühling, feuchter Erde und Sonnenstrahlen tief in sich ein. Der Winter war endgültig vorbei und der Sommer nicht mehr fern. Der Weg zur Schmiede schlängelte sich über Weideflächen an einem kleinen Bach entlang, dann ein Stück durch den Wald und wieder an Feldern und Wiesen vorbei. Die Aussicht, dem Glockengießer schon bald wieder bei der Arbeit zusehen zu dürfen, das herrliche Wetter und das helle Gezwitscher der Vögel erfüllten Catlin mit einer solchen Daseinsfreude, dass sie ihre Lieblingshymne anstimmte. In der Kirche, von den Mönchen gesungen, klang besonders das Halleluja so wunderbar, dass sie unentwegt Gänsehaut bekam. Aus ihrer Kehle aber … Catlin fühlte Bitterkeit in sich aufsteigen. Aus ihrer Kehle kam kein einziger Ton so, wie er sollte. Sie trampelte wütend mit den Füßen und begann noch einmal, doch es klang keinen Deut besser. Warum nur, dachte sie verzweifelt, warum nur kann ich nicht singen, obwohl ich doch jeden einzelnen Ton ganz deutlich in meinem Kopf höre? Sogar die Vögel waren bei ihrem Gesang verstummt. Nur eine Krähe rief ihr ein spöttisches „Krah-krah“ zu, bevor sie fortflog, als könne sie diese Missklänge nicht länger ertragen. Empört trat Catlin einen flachen Kiesel in den lieblich plätschernden Bach. Er gluckste gurgelnd, als wolle er sie verhöhnen. Warum nur war die Welt so ungerecht? Catlin hätte alles dafür gegeben, die Töne in ihrem Kopf zum Klingen zu bringen. Und Thomas? Thomas hatte diese göttliche Stimme und wusste sie nicht zu schätzen, sah sie gar eher als Fluch denn als Segen an. Enttäuscht, weil sie vom Herrn nicht mit einer solchen Gabe beschenkt worden war, riss Catlin einen Grashalm aus und rupfte ihn in winzige Stücke. Missmutig stapfte sie voran, bis sie Hufschläge hinter sich vernahm. Sie sprang zur Seite und sah sich nach den Reitern um. Sechs Männer sprengten herbei. Jäger mit Falken und Hunden. Catlin drängte sich ins Gebüsch, um sie durchzulassen, denn der Weg an dieser Stelle war schmal. Die Erde bebte, als sie vorüberritten. Plötzlich aber zügelte einer der Männer sein Pferd, blickte sich um und streckte ihr auffordernd die Hand entgegen. „Steig auf!“, rief er. Der Jagdhund, der neben ihm herlief, kläffte übermütig.
Catlin erschrak, als der Mann sie ansprach, dann aber bemerkte sie die Farben und das Wappen von Roford. „Richard?“ Sie sah dem Reiter ins Gesicht, und die Wut über ihren schiefen Gesang war mit einem Schlag vergessen. „Richard!“, jubelte sie. „Was führt dich hierher ? “
„Ich bin auf dem Weg zu deinem Vater, um unsere neuen Schwerter abzuholen. Willst du nun aufsteigen oder nicht ? “
Catlin nickte eifrig, ergriff die Hand des Reiters und ließ sich aufs Pferd ziehen.
„Nun, dann los, halt dich fest!“ Er gab dem Tier die Sporen, um den Abstand zu seinen Begleitern aufzuholen.
Catlin schlang die Arme fest um den Leib ihres Vetters. Sicher träumte jedes Mädchen davon, eines Tages von einem Ritter entführt zu werden, der so stattlich war wie Richard. Er war zehn Jahre älter als sie und der erstgeborene Sohn ihres Onkels William.
Als die Hunde der Falkner aufgeregt kläffend in den Hof der Schmiede rannten, lief Bones ihnen mit gesträubtem Nackenfell und wütendem Gebell entgegen. Er knurrte und fletschte die Zähne.
„Ist gut, Bones!“, rief Catlin und glitt vom Pferd. „Komm her zu mir, komm!“ Bones bellte noch einige Male, bevor er schwanzwedelnd zu ihr lief. „So ist es brav “, lobte ihn Catlin. „ Was ist mit Knightly ? Kommt er auch?“, fragte sie an ihren Vetter gewandt und strahlte ihn erwartungsvoll an.
„Aber ja, liebste Base, wir sind hier verabredet. Ich schätze, er trifft spätestens morgen ein.“
„Dann bleibst du zur Nacht?“ Catlin jubelte, als er ihre Vermutung mit einem Nicken bestätigte. „Das ist wunderbar, Richard! Ich gehe gleich ins Haus und sage Elfreda Bescheid, dass wir Gäste haben, ja?“
„Tu das, und lass ordentlich Wasser heiß machen, wir haben Enten mitgebracht. “ Richard sah sich nach seinen Männern um, schnippte mit den Fingern und winkte einen Jungen herbei, der wie Catlin so um die vierzehn sein mochte. „Nimm die Enten, und geh mit ihr! Hilf beim Rupfen und Ausnehmen! Und vergiss nicht, Herzen und Lebern sind für die Falken“, trug er ihm auf. „Ich sehe inzwischen in der Schmiede nach, ob unsere Schwerter bereitliegen.“
Während sich die Falkner mit den Pferden, Hunden und Vögeln beschäftigten, rannte der Bursche mit glutroten Wangen hinter Catlin her, die nicht geduldig genug gewesen war, um auf ihn zu warten.
„Wie heißt du?“, fragte sie den Jungen, als er sie eingeholt hatte.
„Arthur“, brummte er und schien noch tiefer zu erröten, dann nahm er die Enten in die andere Hand, als wolle er für Abstand zwischen sich und Catlin sorgen.
„Sieh nur, Elfreda, wer soeben gekommen ist!“, rief Catlin, als die Hausmagd auf der Schwelle erschien. Die Stimmen, das Hufgetrappel und das Gebell der Hunde im Hof hatten sie offenbar herausgelockt.
„Willkommen, Sir Richard!“, rief Elfreda freundlich und winkte Catlins Vetter zu, bevor er in der Schmiede verschwand.
„Sie bleiben zur Nacht, und schau nur, was sie mitgebracht haben!“ Catlin packte Arthurs Hand und riss sie hoch.
„Enten!“, staunte Elfreda. „Enten haben wir seit Weihnachten nicht gehabt.“

Katia Fox

Über Katia Fox

Biografie

Katia Fox, geboren 1964, wuchs in Südfrankreich und in der Nähe von Frankfurt auf. Nach ihrem Studium und der Prüfung zur Dolmetscherin und Übersetzerin arbeitete sie zunächst in diversen Unternehmen, bevor sie sich schließlich selbstständig machte. Seit 2005 widmet sie sich nur noch dem Schreiben....

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„Katia Fox versteht es meisterhaft, das mittelalterliche England zu beschreiben. (...) Ihre Romane sprühen vor Leben.“

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