

Eine neue Freiheit Eine neue Freiheit - eBook-Ausgabe
Roman
— Einfühlsamer historischer Roman über die Einführung der Antibaby-PilleEine neue Freiheit — Inhalt
Kleine Pille, große Veränderungen | Drei Frauen und der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben | Historischer Roman über die Einführung der Antibabypille
Köln 1962. Anne Mahler hat es als Journalistin schwer, sich in der Männerdomäne durchzusetzen. Als sie die Möglichkeit bekommt, einen Artikel über die viel diskutierte neue Verhütungspille zu schreiben, sieht sie ihre Chance gekommen. Bei der Recherche trifft sie auf die junge Mutter Luisa und deren Schwiegermutter Hedwig und merkt: Die Einführung der Pille ist eine Revolution! Doch Anne und ihre positiven Artikel führen zu Kontroversen unter den Konservativen in der Gesellschaft. Aber Anne bleibt ihrer Meinung treu und setzt sich für die Freiheit der Frauen ein.
In „Eine neue Freiheit“ nimmt sich die Autorin, die mit dem Delia-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, einem der wohl wichtigsten Momente der Frauenemanzipation an: der Einführung der Antibabypille. Erstmalig in der Geschichte der Medizin haben so viele gesunde Frauen gleichzeitig ein Medikament eingenommen, Mitte der 1960er-Jahre kam es zu einer sprunghaften Verbreitung der Verhütungspille, und niemals zuvor hat ein Medikament das Verhalten grundlegend beeinflusst.
Leseprobe zu „Eine neue Freiheit“
1
Anne
„Um zehn Besprechung bei Ganther“, warf Paul Wagner ihr im Vorbeigehen zu.
Anne blickte von einem Text auf, den sie gerade las, und nickte, ehe sie sich eine Zigarette ansteckte, auf ihrem Stuhl zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und den Blick durch den großen Büroraum gleiten ließ, der erfüllt war vom Klackern der Schreibmaschinen. Die Tische waren immer paarweise im Raum gruppiert, sodass stets zwei Mitarbeiter zusammensaßen. Der Platz gegenüber von Anne war an diesem Tag verwaist, denn ihre Kollegin Clara Renken saß mit einem kranken [...]
1
Anne
„Um zehn Besprechung bei Ganther“, warf Paul Wagner ihr im Vorbeigehen zu.
Anne blickte von einem Text auf, den sie gerade las, und nickte, ehe sie sich eine Zigarette ansteckte, auf ihrem Stuhl zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und den Blick durch den großen Büroraum gleiten ließ, der erfüllt war vom Klackern der Schreibmaschinen. Die Tische waren immer paarweise im Raum gruppiert, sodass stets zwei Mitarbeiter zusammensaßen. Der Platz gegenüber von Anne war an diesem Tag verwaist, denn ihre Kollegin Clara Renken saß mit einem kranken Kind zu Hause.
Anne atmete den Rauch aus, griff nach ihrem Text und las ihn zu Ende. Es war eine kurze Kolumne aus dem Frauenressort, das sie zu zweit betreuten. Während Clara über Haushaltsthemen schrieb, war Anne für den gesellschaftlichen Bereich zuständig und hatte einen Artikel über einen öffentlichen Auftritt von Soraya verfasst. Die ehemalige Kaiserin auf dem Pfauenthron, der immer noch der Glamour vergangener Tage anhaftete – die Leserinnen liebten so etwas. Später musste sie noch eine Kolumne für Clara schreiben, die diese ihr in Stichworten vorbereitet hatte.
Kurz vor zehn stand sie auf, zog den Rock zurecht und ging durch den Raum, die Absätze ihrer Pumps ein untermalendes Stakkato zu den Schreibmaschinen. Am Ende des Großraumbüros befand sich ein Bereich, der durch niedrige Stellwände abgetrennt war. Hier arbeiteten die sechs Rechercheassistentinnen der Journalisten, die es im Rang weit genug nach oben geschafft hatten, um nicht mehr alles selbst tun zu müssen. Emsig tippten sie, hefteten Zettel ab und eilten – wenn ihre Dienste benötigt wurden – mit Block und Stift in den Händen durch das Büro. Anne und Clara waren die beiden einzigen Journalistinnen, und es war nicht zu erwarten, dass eine von ihnen in den Rang kam, eine Assistentin zur Seite gestellt zu bekommen.
Als sie das Büro des Chefredakteurs betrat, hatten sich dort schon zwei Kollegen eingefunden, die sich am Konferenztisch niedergelassen hatten. Kurt Ganther, der am Kopfende saß und sich die Krawatte gelockert hatte, steckte sich gerade eine stinkende Zigarre an. Er war erst vor Kurzem von Zigaretten auf kubanische Zigarren umgestiegen. Anne vermutete, dass er sich das in einem Film abgeschaut hatte und sich dabei vielleicht auch ein wenig rebellisch fühlte. Allerdings hatten die USA erst vor knapp einer Woche, am 3. Februar 1962, ein Handelsembargo über Kuba verhängt, das am 7. in Kraft getreten war, und Ganther hatte vermutlich noch rasch welche gekauft.
Anne setzte sich neben Ralph Gratz, einen ihrer Lieblingskollegen. Sie waren ein paarmal miteinander ausgegangen, aber es hatte nicht gefunkt, und so hatten sie es schließlich gelassen. Er lächelte ihr zu und reichte ihr seine Zigaretten. Warum sollte nur ihr Chef die Luft verpesten dürfen? Anne griff danach, ließ sich Feuer geben, und während die drei Männer mit einigen Unterlagen raschelten, sah sie zum Fenster und blies den Rauch in die Luft. Kurz darauf erschienen drei weitere Kollegen, die mit einem gebrummten „Zu spät, meine Herren, zu spät“ begrüßt wurden.
„Wir haben einige wichtige Themen in dieser Woche zu besprechen“, begann Ganther. „Die sowjetische Störaktion gegen den Westberliner Luftverkehr. Das ist dein Thema, Lukas.“
Der Angesprochene nickte und machte sich einen Vermerk.
„Wir brauchen einen ausführlichen Artikel über das kubanische Handelsembargo und die wirtschaftlichen Folgen. Da die Sache mit den Sowjets in Verbindung steht, dürfte das die Leser interessieren. Gratz, das war bisher dein Thema, aber ab jetzt übernimmt es Hellberger. Du schreibst wieder im Lokalteil.“
„Warum das denn?“
„Weil er mehr Erfahrung hat mit weltpolitischen Themen. Du widmest dich dem anstehenden Kölner Sessionsauftakt.“
„Das ist doch nicht dein Ernst.“
Anstelle einer Antwort atmete Ganther einen stinkenden Rauchkringel in die Luft. „Wo wir gerade bei lokalen Themen sind – wir haben hier etwas, das für dich interessant sein könnte, Anne. Eine Kriegswitwe, die mit ihrem Kochbuch gerade große Erfolge einfährt. Ihre Bücher werden bereits seit einigen Jahren als Lehrwerk in Hauswirtschaftsschulen eingesetzt. Gerade für unsere weiblichen Leser ist das sicher spannend. Ich habe hier einen Überblick. Warte kurz …“ Er hatte die widerliche Angewohnheit, seinen Finger anzulecken, ehe er blätterte, was am Papierrand immer einen feuchten Abdruck hinterließ. Schließlich hatte er gefunden, was er suchte, und reichte Anne zwei zusammengetackerte Seiten. Sie versuchte, nicht auf den Fingerabdruck zu schauen, an dem das Papier sich leicht wellte.
„In Österreich wird eine Zulassung der Antibabypille diskutiert. Wagner, es könnte sich lohnen, noch einmal mit einigen Ärzten zu sprechen und hierzulande über die gesundheitlichen Nachteile zu informieren.“
Ganther verteilte die übrigen Themen, und abgesehen von Ralph und Anne waren alle zufrieden, als sie nach der Besprechung das Büro verließen. Immerhin war es mal wieder ein Außentermin, und Anne konnte raus und ein Interview führen. Immer noch besser, als Presseberichte über Prominente an der Côte d’Azur zu lesen und zu einem Artikel zu verwursten. Irgendwann wollte sie über gehaltvolle Themen schreiben, über Dinge, die die Gesellschaft wirklich bewegten. Aber bis es so weit war, musste sie mit dem vorliebnehmen, was sie bekam.
„Der weiß doch genau, dass mich Karneval nicht interessiert.“ Ralph stammte gebürtig aus Kiel und war erst vor ein paar Jahren nach Köln gezogen.
„Na ja, wenn wir nur über das schreiben würden, was uns interessiert …“ Anne zuckte mit den Schultern und machte sich dann auf den Weg in die Waschräume, wo sich zwei Rechercheassistentinnen eingefunden hatten. Während eine sich vorbeugte und frischen Lippenstift auftrug, lehnte die andere mit dem Rücken an einem Waschbecken.
„Ich weiß nicht, immerhin arbeitet er hier. Schickt sich das?“
Anne ging zur Toilette und hörte, wie die beiden sich über die Vor- und Nachteile von Schäferstündchen mit Arbeitskollegen unterhielten.
„Um wen geht’s?“, fragte sie, als sie sich die Hände wusch.
„Guido Brinck. Er hat Birgit gefragt, ob sie mit ihm ausgeht.“
„Arbeitet Susanna nicht für ihn?“, fragte Anne.
„Na ja, gerade das ist ja das Problem. Die wird nachher noch eifersüchtig. Ich … Ach, Mist.“ Birgit bemerkte, dass das Waschbecken, an dem sie lehnte, einen nassen Rand hatte. „Jetzt sehe ich aus, als hätte ich mir in die Hose gemacht.“
„Sehr akkurat im Halbkreis. Schafft nicht jede.“ Anne begutachtete die Rückseite von Birgits Rock.
„Fühlt sich aber eklig an.“
„So, ich muss weitermachen, Clara ist nicht da.“ Anne zupfte ein paar Strähnen ihres kinnlangen Bobs zurecht. So richtig konnte sie sich noch nicht an die Frisur gewöhnen. „Erzähl mir, wie es mit Guido war.“
Sie wartete die Antwort nicht ab, sondern ging zurück ins Büro, sah auf die Uhr und griff nach dem Telefonhörer, um bei der Kriegswitwe anzurufen und einen Termin zu vereinbaren. Die Frau war ihr am Telefon auf Anhieb unsympathisch in ihrer spröden Art, als würde sie Anne einen Gefallen tun, indem sie ihr den Termin einräumte. Übermorgen am Nachmittag um drei wäre es genehm. Anne notierte den Termin, verabschiedete sich freundlich und legte auf. Dann erst stieß sie einen langen Seufzer des Überdrusses aus. Aber gut, irgendwann würde sie spannendere Artikel schreiben als das. Und solange hieß es, Zähne zusammenbeißen und auch die langweiligsten Themen mit so viel Enthusiasmus wie möglich bearbeiten.
Es dämmerte bereits, als Anne das Redaktionsgebäude verließ und auf die regennasse Straße trat. Sie zündete sich im Gehen eine Zigarette an und sah auf die Uhr. Ihr Bus war gerade weg. Zu Beginn ihrer Laufbahn hatte Anne geglaubt, wenn sie sich nur engagierte, als eine der Letzten ging und immer etwas mehr tat als die anderen, würde sich das am Ende auszahlen, aber das hatte sich als Trugschluss erwiesen. Sie bekam immer noch dieselben Themen wie vor fünf Jahren, als sie angefangen hatte. Sie war ausgebildete Journalistin, aber ihre Fähigkeiten schienen nur für Gesellschaftsthemen zu reichen. Der Kölner Tagesrundblick war eine der größten Tageszeitungen der Stadt, und sie war froh gewesen, die Stelle zu bekommen, denn für die Zeitung, bei der sie zuvor war, hatte sie nur kleine Kolumnen schreiben dürfen, die kaum mehr als Werbeanzeigen für Haushaltsprodukte waren.
Anne ging zur Bushaltestelle und hob fröstelnd die Schultern, als ein kalter Windstoß durch die Straßen fegte. Die matschigen Überreste eines Plakats klebten auf dem Bürgersteig, und die Scheinwerfer der Autos glänzten auf dem Asphalt. Männer verließen das Bürogebäude auf der gegenüberliegenden Seite, in Gespräche vertieft. Eine Frau zog ein quengelndes Kleinkind an der Hand zur Haltestelle, das Gesicht gezeichnet von Überdruss und Müdigkeit. Anne lächelte ihr zu, und die Frau lächelte zurück, während gleichzeitig ihr Kind einen zornigen Wutschrei ausstieß und versuchte, sich an ihrer Hand auf den Boden fallen zu lassen. An der Litfaßsäule flatterte eine schlecht geklebte Ecke eines Werbeplakats mit einer Frau in Weiß vor knallrosa Hintergrund, die mit glücklicher Miene weiße Wäsche wusch. „FEWA – ganz speziell für alles Feine“, stand darunter.
Endlich kam der Bus, und Anne ergatterte einen Stehplatz nahe der Tür. Bei jedem Halt quetschten sich mehr Menschen hinein, und die Luft war zum Schneiden. An den beschlagenen Fenstern perlte der Dunst in Tropfen, und ein Kind weinte, während die Mutter vergeblich versuchte, es zu beruhigen. Erleichtert atmete Anne aus, als sie an ihrer Haltestelle hielten und sie den Bus verlassen konnte. Sie rauchte zu viel, aber so recht davon lassen konnte sie auch nicht, und so zündete sie sich eine weitere Zigarette an, als sie das letzte Stück zu Fuß ging.
Bei ihrem Wohnhaus angekommen, zog sie den Schlüssel aus der Handtasche, während ihr die Zigarette im Mundwinkel klemmte. Müde schloss sie auf und betrat den mit winzigen Mosaiksteinen ausgelegten Hausflur mit dem Treppenhaus. Auf dem ersten Absatz saß ein zehnjähriger Junge und las in einem zerfledderten Taschenbuch. Er blickte auf, als Anne sich näherte, und wirkte enttäuscht. Offenbar hatte er jemand anderen erwartet.
„Ist die Mama noch nicht von der Arbeit zurück?“
Er zuckte mit den Schultern, als wüsste er es nicht. „Zumindest macht mir niemand auf.“
Eigentlich hatte Anne vorgehabt, sich ein Bad einlaufen und den Abend ruhig ausklingen zu lassen, aber den Jungen hier so allein sitzen zu lassen, brachte sie auch nicht übers Herz. Seine Mutter arbeitete in einem Supermarkt und einer Wäscherei. Manchmal war sie so müde, dass sie einschlief und die Klingel nicht hörte. Seit ihr Mann gestorben war, hatte sie ihre liebe Not, sich und den Sohn durchzubringen. Die Tochter hatte die Jugendfürsorge in Obhut genommen, und die Mutter hatte Angst, dass man ihr auch den Jungen nahm.
„Na, komm“, sagte Anne. „Ich mache uns Abendbrot, und danach schauen wir mal zusammen, ob die Mama inzwischen wieder zurück ist.“
Der Junge erhob sich und ging mit ihr die Stufen in den zweiten Stock hoch. Anne schloss die Tür auf, hängte ihren Mantel an die Garderobe und streifte die Stiefel ab.
„Häng einfach deine Jacke auf und mach es dir gemütlich“, rief sie ihm zu. Er war nicht zum ersten Mal hier, aber jedes Mal wirkte er befangen und brauchte ein wenig, um aufzutauen.
Annes Wohnung war winzig, der Flur gerade so groß, dass eine Garderobe und ein Spiegel hineinpassten, unter dem eine kleine Anrichte stand. Es gab ein kleines Schlafzimmer und ein Wohnzimmer, das nicht viel größer war, aber einen hübschen Balkon hatte. Und es war Annes eigenes Reich, ein Schritt fort von ihrer vereinnahmenden Familie, die sich, nachdem Annes Verlobung geplatzt und nun kein Ehemann in Aussicht war, derzeit darin betätigte, ihr passende Kandidaten zu präsentieren. Sie war die jüngste von drei Töchtern, und da ihre Schwestern mittlerweile verheiratet waren, schien Anne mit ihren sechsundzwanzig Jahren laut Meinung der Eltern auf ein Schicksal als alte Jungfer hinzusteuern. Der Einzige, der sie in Ruhe ließ, war ihr älterer Bruder Henning, der selbst nicht beabsichtigte, in den Hafen der Ehe einzulaufen. Aber er lebte in Hamburg, weit weg, und konnte sich so aus den Familienstreitigkeiten weitestgehend heraushalten.
Anne betrat die Küche und knipste das Licht an. Das Fenster hatte einen breiten Außensims, und eine Baumkrone umschattete es, sodass es in der Küche nie so richtig hell war. Aber Anne mochte es trotzdem, wie die Sonne durch das Geäst schien und im Winter das Gespinst kahler Zweige auf den Linoleumboden malte, während sie im Sommer kleine Lichtflecke durch das dichte Laub tropfen ließ. Anne öffnete das Fenster, um die Läden zu schließen, als ein grau getigertes Fellknäuel in die Küche sprang und ihr einen erschrockenen Aufschrei entriss.
„Gehört die Katze dir?“, hörte sie Jan von der Tür her fragen.
„Nein.“ Anne schloss das Fenster wieder, während ihr die Katze um die Beine strich. „Sie schaut nur gelegentlich vorbei, wenn ihr niemand die Tür öffnet.“
2
Luisa
Während Luisa frischen Kaffee aufbrühte und Brote für die Kinder bestrich, saß ihr Ehemann Frank mit der Tageszeitung am Esstisch und senkte sie nur einmal kurz, als sie ihm die Tasse hinstellte. Sie las die Schlagzeile des Kölner Tagesrundblicks. Kuba und die Ausdehnung des sowjetischen Einflussbereichs.
„Denkst du, dass das auch größeren Einfluss auf uns haben wird?“, fragte sie.
„Das will ich nicht hoffen“, schimpfte ihr Mann. „Sollen die USA ihren verdammten Handelskrieg doch in ihrem Land führen. Und natürlich mischen die Sowjets wieder kräftig mit.“
„Aber wundert dich das? Nachdem letztes Jahr vonseiten der USA versucht wurde, Fidel Castro zu stürzen, hat sich Kuba an eine andere Großmacht gewandt und …“
„Ja, weiß ich doch alles“, fiel er ihr ins Wort. „Aber das ist nichts anderes als Säbelrasseln.“
„Eine Invasion von Exilkubanern damit zu beauftragen, einen Regierungschef zu stürzen und …“
„Es ist ja nun nicht so, als handelte es sich bei Fidel Castro um einen Heiligen.“
„Darum geht es doch überhaupt nicht. Aber ich finde es dennoch nicht richtig, wenn …“
„Weil du von Weltpolitik keine Ahnung hast. Was an sich ja nicht schlimm ist. Aber dann versuch auch nicht mitzureden.“
Verletzt schwieg sie und wandte sich ab, kümmerte sich wieder um die Brote der Kinder. Sie hörte ihre dreijährige Tochter durch den Flur tapsen.
„Guten Morgen, Bienchen“, erklang Franks zärtliche Stimme. Das Rascheln verriet ihr, dass er die Zeitung beiseitegelegt hatte. „Na, komm, ich mache dir die Schleife wieder zu.“
Luisa hatte Sabine angezogen, ehe sie sich um das Frühstück gekümmert hatte, aber die Kleine hatte ihr Lieblingskleid anziehen wollen, ein Hängerchen mit Schleifen an den Schultern, das für diese Jahreszeit eigentlich gar nicht geeignet war. Aber mit einer wollenen Strumpfhose und einem Pullover darunter ging es.
Mit versteinertem Gesicht stellte Luisa die Teller auf den Tisch und nahm sich schließlich selbst eine Tasse Kaffee. „Paula!“, rief sie ins Treppenhaus. „Du kommst zu spät in den Kindergarten.“
Auf der Treppe waren Schritte zu hören, und die Fünfjährige kam nun ebenfalls in die Küche. Im Herbst würde sie sechs Jahre alt werden, und so würde sie erst ab kommendem Jahr ein Schulkind sein. Sanft strich Luisa ihr über den blonden Schopf, als sie an ihr vorbeiging und sich an den Tisch setzte. Sie stellte zwei Gläser Milch für die Kinder auf den Tisch und blieb an der Anrichte stehen, als sei sie auf dem Sprung.
„Setz dich doch“, sagte Frank. Er hob Sabine auf ihren Kinderstuhl und lächelte Luisa an, zerknirscht und entschuldigend. „Komm, soll ich dir eine Tasse Kaffee einschenken?“
Sie hob die Tasse, um ihm zu signalisieren, dass sie noch welchen hatte. „Ist schon gut, ich muss ohnehin noch mal nach oben.“
Rasch kippte sie den Kaffee runter, dann ging sie hinauf, öffnete die Fenster und schüttelte die Betten aus. Unten hörte sie, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und Franks Stimme, die Paula ermahnte, sich die Hände und den Mund richtig zu waschen. Sie ging die Treppe hinab in den Flur, um ihre Familie zu verabschieden, drückte Sabine an sich, deren Haar nach Erdbeershampoo roch, und gab Paula einen Kuss, den diese danach lässig von der Wange wischte. Frank brachte die Kinder auf dem Weg zur Arbeit in den Kindergarten, und Luisa hatte Zeit, sich um den Haushalt zu kümmern, ehe sie die beiden mittags abholte.
Als die drei das Haus verlassen hatten, seufzte Luisa auf und ging in die Küche, um in Ruhe eine weitere Tasse Kaffee zu trinken. Sie setzte sich an den Tisch, griff nach der Zeitung, die Frank liegen gelassen hatte, und las die Nachrichten des Tages. Bei einem Artikel blieb sie hängen. Antibabypille – eine Entscheidung gegen Babys und Gesundheit.
Frank hatte sich erst vor wenigen Monaten darüber aufgeregt, dass das umstrittene Medikament nun auch in Deutschland zugelassen worden war. „Jetzt sollen Frauen Tabletten nehmen, um keine Kinder zu bekommen. Das ist doch der erste Schritt dahin, die Familie abzuschaffen.“
Das sah Luisa anders, aber sie wusste, dass sie mit dieser Ansicht recht allein war. Zwar betrachtete sie das Medikament auch kritisch, denn sie konnte sich nicht so recht vorstellen, was es im Körper anrichtete, damit eine Empfängnis vermieden wurde. Zudem waren die Berichte der Journalisten nicht gerade dazu angetan, dem Medikament zu vertrauen, denn es wurde praktisch angedeutet, man ruiniere seine Gesundheit nachhaltig, wenn man es sich verschreiben ließ. Aber dem stand gegenüber, dass die Frauen, die es bereits einnahmen, nicht reihenweise tot umgekippt waren. „Keine Wirkung ohne Nebenwirkung“, sagte ihre Arzt stets. Aber das traf auf jedes Medikament zu, selbst auf ein leichtes Schmerzmittel oder Hustensaft für die Kinder. Die Möglichkeit zu kontrollieren, ob man schwanger werden würde, übte nicht nur auf Luisa einen Reiz aus. Ihre Freundinnen sagten zwar, dass Kinder natürlich zu einer Ehe dazugehörten, aber sie wusste, dass einige es gerne bei einer gewissen Anzahl belassen wollten.
Die Geburt ihrer beiden Kinder war traumatisch gewesen, und Luisa hätte schon nach Paula am liebsten keine weitere Schwangerschaft mehr durchgemacht. Aber ein Kind brauchte Geschwister, das sagte nicht nur Frank, sondern auch ihre Schwiegermutter war vehement dahinterher, dass Paula nicht als trauriges Einzelkind aufwuchs. So verzichtete Frank schließlich auf den Kauf von Kondomen – der Apotheker hätte es langsam ohnehin seltsam gefunden, dass er offenbar lüstern war, aber in seinem Alter keine Kinder mehr wollte –, und bald darauf war Luisa mit Sabine schwanger geworden.
Sie liebte die Kleine über alles, aber die Geburt war so schlimm gewesen, so überaus schmerzhaft, weil das Kind auch noch verkehrt herum gelegen hatte, dass sie keine weiteren wollte. Von der Schwangerschaft, während der sie sich fünf Monate lang übergeben hatte, mal abgesehen. Niemand hatte sie auf so etwas vorbereitet. Eine Schwangere hatte glücklich zu sein, rund, fröhlich und zufrieden, mit einem verqueren Appetit, und danach sollte sie zur liebenden, aufopferungsvollen Mutter werden, kaum, dass sie sich vom Wochenbett erhob. Keines ihrer Kinder hatte so einfach schlafen wollen, und Sabine wachte immer noch oft mitten in der Nacht auf und verlangte nach ihr. Das konnte sie einfach nicht noch einmal durchmachen – bei aller Liebe! Aber Frank war nicht mehr gewillt, Kondome zu verwenden, und auf die körperliche Liebe wollten beide nicht verzichten. Also hatte sich Luisa ein Diaphragma besorgt. Es war etwas kompliziert in der Anwendung und nicht wirklich sicher, aber besser als nichts. Und ab und zu kam sie gar nicht dazu, es einzusetzen. Danach machte sie Spülungen und zitterte, bis ihre Regelblutung sie erleichtert aufatmen ließ. Einmal war sie schwanger geworden, hatte das Kind aber nach neun Wochen verloren, und ihr war ganz elend geworden, weil sie eine solche Erleichterung verspürt hatte.
Als sie den Artikel nun las, fragte sie sich, ob es nicht auch an der Einstellung von Männern wie Frank lag, dass so viel Negatives über die Pille verbreitet wurde. Die Vorstellung einer Frau, die eigenverantwortlich verhütete, bereitete ihnen womöglich Sorge. Kondome und Diaphragma waren etwas, das sie kontrollieren konnten. Aber eine Tablette? Wäre Luisa mutiger, würde sie ihren Frauenarzt darauf ansprechen, aber der hatte ihr schon nach Sabines Geburt gesagt, sie bräuchte etwas Ruhe, dann könne sie noch viele Kinder bekommen.
Sie stand auf, räumte den Tisch ab und machte den Abwasch. Danach staubsaugte sie, überprüfte die Vorräte, schrieb eine Einkaufsliste und bereitete die Wäsche vor. Als sie mit dem Haushalt fertig war, hatte sie noch ein bisschen Zeit, ehe sie losmusste, um die Kinder abzuholen. Sollte sie noch einen Kuchen backen? Aber so richtig Lust hatte sie dazu nicht, und ohnehin war noch genug zu tun. Wieder fiel ihr Blick auf den Artikel. Sie und Frank schliefen regelmäßig miteinander, und Luisa mochte die körperliche Liebe sehr. Undenkbar, darauf verzichten zu müssen – abgesehen davon, dass Frank das niemals mitmachen würde. Aber ständig diese Angst, schwanger zu werden. Wie lange waren Frauen gebärfähig? Bis zu ihrem fünfzigsten Lebensjahr? Das waren noch zwanzig Jahre, ein weiteres Mal zwei Drittel der Zeitspanne, die sie bereits lebte. Wie oft könnte sie da noch schwanger werden? Luisa mochte es sich nicht ausmalen.
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