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Girl in the Night – Wer ist dein Mörder?

Girl in the Night – Wer ist dein Mörder? - eBook-Ausgabe

Megan Goldin
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Thriller

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Girl in the Night – Wer ist dein Mörder? — Inhalt

Podcast meets Hochspannung – In Megan Goldins neuem Roman stößt eine True-Crime-Podcasterin auf einen Cold Case und kommt einem grausamen Verbrechen auf die Spur ...

Für ihren True-Crime-Podcast reist Investigativjournalistin Rachel in die beschauliche Küstenstadt Neapolis, um über einen dortigen Vergewaltigungsprozess zu berichten. Kaum angekommen, erhält sie anonyme Briefe, die auf einen Cold Case hindeuten, der große Parallelen zum aktuellen Fall aufweist: Vor 25 Jahren ertrank nachts eine junge Frau im Meer. Obwohl ihr Körper Spuren von Misshandlung zeigte, wurde ihr Tod schließlich als Unfall deklariert. Rachel beginnt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, und gerät dabei in einen gefährlichen Sumpf aus Lügen und Geheimnissen …


„Unglaublich stark!“ Kirkus Reviews

„Hervorragend ... [Goldins Thriller] wirft ein gleißendes Licht auf die Machenschaften in einer Kleinstadt.“ Publishers Weekly 

„Eine brandgefährliche Geschichte und eine hochspannende Erzählweise machen Girl in the Night zu einem wahren Pageturner.“ Sarah Pekkanen, Autorin des Bestsellers „Die Frau ohne Namen“

„Fantastisch – eines meiner Lieblingsbücher.“ Lee Child über Megan Goldins Thriller „The Escape Game – Wer wird überleben?“

€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 27.01.2022
Übersetzt von: Richard Betzenbichler
400 Seiten
EAN 978-3-492-99995-3
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Leseprobe zu „Girl in the Night – Wer ist dein Mörder? “

1

Hannah

Es war Jennys Tod, der meine Mutter umbrachte. So sicher, als hätte man ihr mit einer 12-Kaliber-Schrotflinte in die Brust geschossen. Der Arzt behauptete, es sei der Krebs gewesen. Aber ich habe gesehen, wie ihr Lebenswille in dem Moment erlosch, als der Polizist an unsere Eingangstür klopfte.

„Es geht um Jenny, nicht wahr?“, brachte sie mühsam heraus und klammerte sich an das Revers ihres abgetragenen Morgenmantels.

„Ma’am, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen anders sagen soll als geradeheraus.“ Der Polizist sprach in diesem leisen, melancholischen [...]

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1

Hannah

Es war Jennys Tod, der meine Mutter umbrachte. So sicher, als hätte man ihr mit einer 12-Kaliber-Schrotflinte in die Brust geschossen. Der Arzt behauptete, es sei der Krebs gewesen. Aber ich habe gesehen, wie ihr Lebenswille in dem Moment erlosch, als der Polizist an unsere Eingangstür klopfte.

„Es geht um Jenny, nicht wahr?“, brachte sie mühsam heraus und klammerte sich an das Revers ihres abgetragenen Morgenmantels.

„Ma’am, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen anders sagen soll als geradeheraus.“ Der Polizist sprach in diesem leisen, melancholischen Ton, mit dem er mich wenige Augenblicke zuvor zum Sitzenbleiben im Streifenwagen aufgefordert hatte. Die blinkenden Warnlichter hatten rote und blaue Streifen an die Wand gemalt, als er vor unserem Haus gehalten hatte.

Trotz seiner Bitte hatte ich mich vom Rücksitz davongestohlen und war an die Seite meiner Mutter gehuscht, sobald sie das Licht angemacht hatte und schlaftrunken auf die Veranda herausgetreten war. Während er ihr die Botschaft überbrachte, drängte ich mich an ihre schmal gewordene Taille. Sie schauderte bei jedem Wort.

Unter den rötlichen Stoppeln war seine verkrampfte Kiefermuskulatur zu erkennen, und als er geendet hatte, standen ihm Tränen in den hellen Augen. Er war noch jung. Hatte sichtlich keine Erfahrung im Umgang mit Tragödien. Er rieb sich die schimmernden Augen mit den Fingerknöcheln und schluckte schwer.

„Mein h-h-herzliches Beileid, Ma’am“, stammelte er, als es nichts mehr zu sagen gab. Die Endgültigkeit dieses Satzes sollte in den folgenden Jahren nachhallen.

Aber in diesem Moment, während die Plattitüden noch in der Luft hingen, standen wir auf der Veranda, starrten uns an und wussten nicht, was tun. Wie sah sie aus, die Etikette des Todes?

Als meine Mom blind ins Haus zurückwankte, schlang ich meine kleinen, mädchenhaften Arme fester um ihre Taille. Von Kummer überwältigt, bewegte ich mich mit ihr mit. Meine Arme wie ein Schraubstock. Das Gesicht gegen ihren eingefallenen Bauch gepresst. Ich ließ sie nicht los. Ich war überzeugt, dass nur ich sie noch aufrecht hielt.

Sie sank auf den abgewetzten Sessel, das Gesicht hinter ihren krallenartigen Fingern verborgen, die Schultern bebend von lautlosen Schluchzern.

Ich humpelte in die Küche und goss ihr ein Glas Limonade ein. Etwas anderes fiel mir nicht ein. In unserer Familie war Limonade das Pflaster, das man über die Probleme des Lebens klebte. Als Mom das Glas zum Mund hob, klackten ihre Zähne gegen den Rand. Sie trank einen Schluck, stellte das Glas auf der abgewetzten Polsterung ihres Sessels ab und schlang die Arme um ihren Körper.

Ich schnappte mir das Glas, bevor es hinunterfallen konnte, und ging damit Richtung Küche. Auf halbem Weg wurde mir bewusst, dass der Polizist noch immer vor der Tür stand. Er starrte auf den Boden. Ich folgte seinem Blick. Blutige Spuren mit dem Umriss meiner kleinen Füße zogen sich über das Linoleum.

Er sah mich auffordernd an. Es war Zeit, ins Krankenhaus zu fahren. Ich hatte es ihm versprochen, als ich ihn anflehte, mich erst nach Hause mitzunehmen, damit ich bei meiner Mom sein konnte, wenn sie von Jenny erfuhr. Trotzig starrte ich ihn an. Ich würde meine Mutter in dieser Nacht nicht alleinlassen. Nicht einmal, um die Schnitte an meinen Füßen behandeln zu lassen. Er wollte mir gerade widersprechen, als über das Funkgerät in seinem Wagen eine verstümmelte Nachricht kam. Er ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit mir zu sein, und sagte, er würde dafür sorgen, dass so bald wie möglich eine Krankenschwester ins Haus kam und meine verletzten Füße versorgte. Ich sah ihm durch den Draht der Fliegengittertür hinterher, wie er davonraste. Die Sirene seines Wagens war noch lange zu hören, nachdem er in der Dunkelheit verschwunden war.

Die Krankenschwester kam am Morgen darauf. Sie trug einen Schwesternkittel und hatte einen riesigen Medizinkoffer dabei. Sie entschuldigte sich für ihr spätes Kommen und erklärte mir, dass die Notaufnahme in der vergangenen Nacht von einem größeren Notfall überrascht wurde und niemand wegkonnte, um mich zu versorgen. Sie nähte mich mit schwarzem Faden und umwickelte meine Füße mit dicken Verbänden. Bevor sie ging, warnte sie mich davor aufzutreten, sonst würden die Nähte aufgehen. Sie hatte recht. Das taten sie.

Jenny war gerade erst sechzehn, als sie starb. Ich hatte noch fünf Wochen bis zu meinem zehnten Geburtstag. Ich war alt genug, um zu begreifen, dass mein Leben nie mehr dasselbe sein würde. Zu jung, um den Grund dafür zu verstehen.

Ich habe meiner Mutter nie erzählt, dass ich Jennys kalten Körper in den Armen hielt, bis sich die Polizisten wie Geier auf sie stürzten und mich fortzerrten. Ich habe ihr überhaupt nichts von dieser Nacht erzählt. Selbst wenn ich es getan hätte, hätte sie es wohl kaum gehört. Ihr Geist war an einem anderen Ort.

Die Beerdigung meiner Schwester fand im kleinen Kreis statt. Wir beide und ein Priester aus der Gegend, dazu zwei von Moms früheren Kolleginnen vom Supermarkt, die während der Mittagspause in ihrer Kassiererinnen-Uniform kamen. Zumindest sind das diejenigen, an die ich mich erinnere. Vielleicht waren noch andere da. Ich weiß es nicht mehr. Ich war so jung.

Das Einzige, was ich noch genau vor Augen habe, ist Jennys schlichter Sarg, der neben einem frisch ausgehobenen Grab auf einem Rasenstück stand. Ich zog meinen selbst gestrickten Pullover aus und legte ihn oben auf den glänzenden Sarg. „Jenny wird ihn brauchen“, sagte ich zu Mom. „Ihr wird kalt werden in der Erde.“

Wir wussten beide, wie sehr Jenny die Kälte hasste. An Wintertagen, wenn bitterkalte Zugluft durch die Fugen in den ausgebesserten Wänden unseres Hauses drang, flehte Jenny meine Mom immer an, mit uns irgendwo hinzuziehen, wo der Sommer niemals endete.

Ein paar Tage nach Jennys Beerdigung kam ein Mann vom Polizeirevier in einem zerknitterten Gabardineanzug. Mit ausdruckslosem Gesicht zog er ein abschließbares Notizbuch aus seiner Jackentasche und fragte mich, ob ich wüsste, was in der Nacht von Jennys Tod passiert war.

Mit gesenktem Blick betrachtete ich jeden einzelnen aufgelösten Faden der schmutzigen Verbände an meinen Füßen. Nachdem er pflichtschuldig weitere Fragen gestellt und keine Antworten bekommen hatte, klappte er spürbar erleichtert das Notizbuch zu, steckte es in die Jackentasche und ging zurück zu seinem Wagen.

Kaum war er draußen, hasste ich mich für mein verbissenes Schweigen. Manchmal, wenn mich die Schuldgefühle überwältigen, sage ich mir, dass es nicht mein Fehler war. Er hat nicht die richtigen Fragen gestellt, und ich wusste nicht, wie ich etwas erklären sollte, das ich aufgrund meines Alters nicht verstand.

Dieses Jahr begehen wir ein unrühmliches Jubiläum, fünfundzwanzig Jahre ist es her, dass Jenny gestorben ist. Ein Vierteljahrhundert, und nichts hat sich geändert. Ihr Tod ist so schmerzhaft wie an dem Tag, als wir sie begruben. Der einzige Unterschied besteht darin, dass ich nicht länger schweigen werde.


2

Rachel

Ein einzelnes Wolkenband verunzierte den ansonsten strahlend blauen Himmel, als Rachel Krall in ihrem silbernen SUV auf dem schnurgeraden Highway Richtung Atlantik fuhr. Am Horizont war ein dünner blauer Strich zu erkennen. Je näher Rachel kam, desto breiter wurde er, bis sie sich sicher sein konnte, dass es das Meer war.

Während Rachel über die rechte Spur des Highways raste, warf sie mit mulmigem Gefühl einen Blick auf die raschelnden Seiten des Briefs, der neben ihr auf dem Vordersitz lag. Der Brief hatte sie zutiefst aufgewühlt. Weniger der Inhalt als die seltsame, fast schon unheimliche Weise, wie er ihr früher an diesem Vormittag zugespielt worden war.

Nach Stunden auf der Straße hatte sie bei einem rund um die Uhr geöffneten Diner gehalten, wo sie einen Becher Kaffee und Pfannkuchen bestellt hatte. Sie wurden mit halb aufgetauten Blaubeeren und zwei Kugeln Vanilleeis serviert, die sie an den Tellerrand schob. Der Kaffee war bitter, aber sie trank ihn dennoch. Ihr ging es um das Koffein, nicht um den Geschmack. Als sie ihre Mahlzeit beendet hatte, bestellte sie einen extrastarken Eiskaffee und einen Muffin zum Mitnehmen für den Fall, dass sie auf dem letzten Abschnitt der Fahrt die Energie verließ.

Während sie auf die Bestellung wartete, gab sie Augentropfen in ihre müden grünen Augen und band sich das schulterlange rotbraune Haar zusammen, damit es ihr nicht ins Gesicht fiel. Sie war gerade dabei, es oben auf dem Kopf festzustecken, als die Bedienung ihr die Bestellung in einer weißen Papiertüte brachte, um sofort zu einem Lastwagenfahrer weiterzueilen, der wütend nach seiner Rechnung verlangte.

Rachel ließ der Bedienung ein großzügiges Trinkgeld da, vor allem weil es ihr unangenehm war, wie die Gäste die arme Frau wegen des langsamen Service behandelten. Ist nicht ihre Schuld, dachte Rachel. Sie hatte während ihrer Collegezeit gekellnert und wusste, wie hart es war, bei einem unerwarteten Ansturm die einzige Bedienung zu sein.

Als Rachel die Pendeltür öffnete, fühlte sie sich mehr als satt, und ihr war leicht übel. Draußen war es hell, und auf dem Weg zu ihrem Wagen musste sie die Augen mit der Hand gegen die Sonne abschirmen. Noch bevor sie am Wagen ankam, sah sie, dass etwas unter dem Scheibenwischer klemmte. In der Annahme, dass es sich um einen Werbeprospekt handelte, riss sie ihn kurzerhand von der Windschutzscheibe. Gerade als sie ihn zusammenknüllen wollte, fiel ihr auf, dass ihr Name mit ordentlicher Schrift in schwungvollen Buchstaben darauf geschrieben stand. Rachel Krall (vom Schuldig-oder-nicht-schuldig-Podcast).

Rachel bekam jede Woche Tausende von E-Mails und Nachrichten über Social Media. Die meisten waren nett und freundlich. Briefe von Fans. Ein paar jagten ihr Angst ohne Ende ein. Rachel hatte keine Ahnung, unter welche Kategorie dieser Brief fiel, aber allein die Tatsache, dass ein Fremder sie erkannt und ihr am Auto eine Nachricht hinterlassen hatte, fühlte sich definitiv ungut an.

Rachel sah sich um, ob die Person, die den Brief hinterlassen hatte, noch da war, wartete. Ihre Reaktion beobachtete. Lastwagenfahrer standen herum, rauchten und unterhielten sich. Andere überprüften, ob ihre Ladung richtig gesichert war. Autos hielten, Wagentüren wurden zugeschlagen. Motoren sprangen an, wenn andere wegfuhren. Niemand achtete auf Rachel, was allerdings wenig gegen das unbehagliche Gefühl half, beobachtet zu werden.

Es kam nicht oft vor, dass sich Rachel verletzlich fühlte. Im Laufe der Jahre war sie in so manch haarige Situation geraten. Vor einem Monat hatte sie fast einen ganzen Nachmittag eingeschlossen in der Zelle eines Hochsicherheitsgefängnisses mit einem ihr ohne Handschellen gegenübersitzenden Serienmörder verbracht, während Scharfschützen durch ein Loch in der Decke Automatikgewehre auf ihn richteten für den Fall, dass er sich während des Interviews auf sie stürzen sollte. Rachel war die ganze Zeit nicht ein einziges Mal der Schweiß ausgebrochen. Es war lächerlich, dass ihr ein Brief an ihrem Wagen mehr zu schaffen machte als die Begegnung mit einem Serienmörder.

Tief im Innern war ihr klar, wieso sie sich so unwohl fühlte. Sie war erkannt worden. In der Öffentlichkeit. Von einem Fremden. Das war noch nie vorgekommen. Rachel hatte sich sehr bemüht, ihre Anonymität zu wahren, nachdem sie schlagartig berühmt und die erste Staffel ihres Podcasts zu einer kulturellen Sensation geworden war, die eine Fülle von ähnlichen Podcasts nach sich zog und dafür sorgte, dass die Leute landesweit wie besessen waren von realen Verbrechen.

In dieser ersten Staffel hatte Rachel neue Beweise enthüllt, mit denen sich belegen ließ, dass ein Highschoollehrer fälschlicherweise für den Mord an seiner Frau während ihrer zweiten Hochzeitsreise verurteilt worden war. Die zweite Staffel wurde sogar noch erfolgreicher. Darin hatte Rachel ein bis dahin ungeklärtes Verbrechen an einer alleinerziehenden Mutter aufgeklärt, die in ihrem Frisiersalon zu Tode geprügelt worden war. Am Ende der Staffel kannte jeder den Namen Rachel Krall.

Trotz ihres plötzlichen Ruhms, oder besser gesagt genau deswegen, vermied sie öffentliche Auftritte. Ihren Namen und ihre Radiostimme erkannte jeder sofort, aber niemand wusste, wie sie aussah oder wer sie war, wenn sie ins Fitnessstudio ging, in ihrem Lieblingscafé Kaffee trank oder einen Einkaufswagen durch den Supermarkt um die Ecke schob.

Die einzigen öffentlich bekannten Fotos von Rachel waren eine Reihe von Schwarz-Weiß-Aufnahmen, die ihr Ex-Mann während ihrer kurzlebigen Ehe gemacht hatte, als sie noch an der Uni war. Sie hatte kaum mehr Ähnlichkeit mit der Frau auf den Fotos, vielleicht aufgrund des Kamerawinkels oder der Grauschattierungen, vielleicht auch weil ihre Gesichtszüge seit dem dreißigsten Lebensjahr ausgeprägter waren.

Am Anfang, bevor der Podcast so erfolgreich wurde, war man mit der Bitte um ein Foto an sie herangetreten, das begleitend zu einem Artikel erscheinen sollte, in dem es um die Entwicklung des Podcasts zum Kult ging. Ihr Produzent Pete hatte die Idee gehabt, die alten Aufnahmen zu verwenden. Er hatte erklärt, dass Berichte über wahre Verbrechen oft Sonderlinge und Spinner auf den Plan riefen und auch den ein oder anderen Psychopathen. Anonymität, da waren sie sich einig, war ihr bester Schutz. Seitdem hatte sie ihre Anonymität gehütet wie ihren Augapfel, hatte öffentliche Auftritte genauso gemieden wie Fernsehshows, damit sie im Privatleben von niemandem erkannt wurde.

Deshalb war es ihr so unbegreiflich, dass ein x-beliebiger Fremder sie eindeutig genug erkannt hatte, um ihr auf der Raststätte eines abgelegenen Highways, bei der sie spontan angehalten hatte, eine an sie persönlich gerichtete Nachricht zu hinterlassen. Noch einmal warf sie einen Blick über die Schulter, dann riss sie den Umschlag auf und las den darin befindlichen Brief.

Liebe Rachel,

ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, wenn ich Sie
mit dem Vornamen anrede. Ich habe das Gefühl,
Sie so gut zu kennen.

 

Die im Brief angedeutete Intimität ließ Rachel zusammenzucken. Als sie das letzte Mal von einem Fan Post in diesem vertraulichen Ton bekommen hatte, war der Absender ein Sexualsadist gewesen, der sie zu einem Beischlafbesuch in seinem Hochsicherheitsgefängnis eingeladen hatte.

Rachel setzte sich auf den Fahrersitz ihres Wagens und las den Brief weiter, der auf von einem Spiralblock abgerissenem Papier geschrieben war.

Ich bin ein großer Fan, Rachel. Ich habe jede Folge Ihres Podcasts gehört. Ich bin der festen Überzeugung, dass Sie der einzige Mensch sind, der mir helfen kann. Meine Schwester Jenny wurde vor langer Zeit ermordet. Sie war erst sechzehn. Ich habe Ihnen zweimal geschrieben
und Sie um Hilfe gebeten. Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn Sie wieder Nein sagen.

 

Rachel blätterte zur letzten Seite vor. Der Brief war unterschrieben mit: Hannah. Sie konnte sich nicht an Hannahs Briefe erinnern, aber das hieß nicht viel. Briefe landeten bei Pete oder bei ihrem Praktikanten, die beide die Flut an Nachrichten durchsahen, die an die E-Mail-Adresse des Podcasts geschickt wurden. Gelegentlich leitete Pete ihr einen Brief weiter, damit sie ihn selbst las.

In den Anfangstagen des Podcasts hatte Rachel alle Anfragen selbst gelesen. Teils kamen sie von Familienmitgliedern oder Freunden von unter Mordverdacht stehenden Menschen, weil sie den Ermittlungen nicht trauten, teils von Gefangenen, die ihre Unschuld beteuerten und sie um Rehabilitation baten. Sie hatte es sich zum Prinzip gemacht, jeden Brief persönlich zu beantworten, meist nachdem sie sich kurz mit dem Fall vertraut gemacht hatte, und oft mit dem Hinweis auf ehrenamtlich tätige Organisationen, die vielleicht helfen konnten.

Aber als die Anfragen immer mehr zunahmen, wurde die emotionale Belastung durch all die Menschen, die sie um Hilfe baten, einfach zu groß. Sie war zur letzten Hoffnung all derjenigen geworden, die irgendwann vom Justizsystem enttäuscht worden waren. Rachel erfuhr hautnah, wie groß ihre Anzahl war und dass sie alle das Gleiche wollten. Sie wollten, dass Rachel ihren Fall zum Thema der nächsten Staffel ihres Podcasts machte oder zumindest ihre beachtlichen Fähigkeiten als Investigativjournalistin nutzte, um ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen.

Es war Rachel sehr unangenehm, dass sie den verzweifelten, am Boden zerstörten Menschen nur ein paar leere Trostworte zukommen lassen konnte. Die Last ihrer Erwartungen wurde so erdrückend, dass Rachel den Podcast beinahe aufgegeben hätte. Schließlich nahm Pete ihr die gesamte Korrespondenz ab, um sie zu schützen und dafür zu sorgen, dass ihr genügend Zeit für ihre Recherchen und das Verfassen ihrer Podcast-Geschichten blieb.

Der Brief an ihrer Windschutzscheibe war der erste, der es an Pete in seiner Rolle als menschliche Brandschutzmauer vorbeigeschafft hatte. Das erregte Rachels Interesse, trotz der nagenden Angst, derentwegen sie ihre Wagentür ein zweites Mal verriegelte, bevor sie weiterlas.

Es war Jennys Tod, der meine Mutter umbrachte.
So sicher, als hätte man ihr mit einer 12-Kaliber-
Schrotflinte in die Brust geschossen.

 

Obwohl es später Vormittag an einem heißen Sommertag war und sich ihr Wagen aufheizte wie ein Backofen, überlief Rachel ein Schauder.

Ich bin mein ganzes Leben vor den Erinnerungen davongelaufen. Habe mir wehgetan. Und anderen.
Erst die Gerichtsverhandlung in Neapolis hat mich
dazu gebracht, mich meiner Vergangenheit zu stellen. Deshalb schreibe ich Ihnen, Rachel. Jennys Mörder
wird dort sein. In jener Stadt. Vielleicht im Gerichtssaal. Es ist an der Zeit, Gerechtigkeit zu üben. Sie sind
die Einzige, die mir dabei helfen kann.

 

Die Tür eines Kleinbusses, die scheppernd aufflog, ließ Rachel hochschrecken. Sie warf den Brief auf den Beifahrersitz und fuhr eilig rückwärts aus der Parkbucht.

Sie war in Gedanken so sehr mit dem Brief und den mysteriösen Umständen seiner Zustellung beschäftigt, dass ihr erst bewusst wurde, in welchem Tempo sie über den Highway raste, als sie aus ihrem tranceartigen Zustand erwachte und die metallenen Leitplanken an sich vorüberrauschen sah. Sie war bereits mehr als zehn Meilen gefahren und hatte nicht die geringste Erinnerung daran. Sie ging vom Gas und wählte Petes Nummer.

Er ging nicht ans Telefon. Sie drückte auf die Taste für die automatische Wahlwiederholung, gab aber auf, als er nach dem vierten Versuch noch immer nicht abhob. Vor ihr, am Horizont, wurde der blaue Meeresstreifen am Ende des langen ebenen Highways immer breiter. Ihr Ziel war nicht mehr weit.

Rachel warf einen Blick in den Rückspiegel und bemerkte hinter sich auf der Fahrbahn eine silberfarbene Limousine. Das Kennzeichen kam ihr bekannt vor. Sie hätte schwören können, dass sie den Wagen im Laufe ihrer langen Fahrt schon mal gesehen hatte. Sie wechselte auf die andere Spur. Die Limousine tat das Gleiche und setzte sich direkt hinter sie. Rachel gab Gas. Der Fahrer des Wagens ebenfalls. Als sie bremste, bremste auch er. Wieder wählte Rachel Petes Nummer. Wieder nichts.

„Verdammt, Pete.“ Sie schlug heftig auf das Lenkrad.

Die Limousine scherte aus und fuhr neben sie. Rachel drehte den Kopf, um den Fahrer zu sehen. In der verdunkelten Scheibe spiegelte sich die Sonne. Der Wagen überholte und verschwand nach mehrmaligem Spurwechsel zwischen anderen Autos. Auf Höhe einer riesigen Anzeigentafel auf dem grasbewachsenen Randstreifen wurde der Verkehr dichter, und Rachel ging vom Gas. Auf der Tafel stand: WILLKOMMEN IN NEAPOLIS, DEM TOR ZUR KRISTALLKÜSTE.

Neapolis lag eine dreistündige Autofahrt nördlich von Wilmington und ein gutes Stück abseits der Interstate, die die Hauptverkehrsader darstellte. Rachel hatte noch nie von dem Ort gehört, bis sie die bevorstehende Gerichtsverhandlung dort als Thema für ihre sehnsüchtig erwartete dritte Staffel von Schuldig oder nicht schuldig ausgewählt hatte.

Beim Halt an einer roten Ampel schaltete sie das Autoradio ein. Automatisch suchte es einen lokalen Sender; zwischen alten Countrysongs kamen an diesem trägen Samstagmorgen die Hörer zu Wort. Durch die verstaubte Windschutzscheibe betrachtete Rachel die Stadt. Ihr fehlte jeglicher Charme, wie Rachel das auch in tausend anderen Kleinstädten gesehen hatte, durch die sie im Laufe ihrer zweiunddreißig Jahre gekommen war. Die immer gleichen, allgegenwärtigen Tankstellenschilder. Schnellrestaurants mit fettverschmierten Fenstern. Einkaufsstraßen mit heruntergewirtschafteten Läden, die schon vor langer Zeit den Kampf gegen die Einkaufszentren verloren hatten.

„Wir haben einen Anrufer in der Leitung“, sagte der Moderator, nachdem die letzten Töne einer akustischen Gitarre verklungen waren. „Wie heißen Sie?“

„Dean.“

„Worüber möchten Sie heute reden, Dean?“

„Heutzutage sind alle so politisch korrekt, dass niemand mehr die Dinge beim Namen nennt. Also werde ich es sagen, wie es ist. Dieses Gerichtsverfahren nächste Woche ist eine Schande.“

„Wieso sagen Sie das?“, fragte der Moderator.

„Weil … Was zum Teufel hat sich dieses Mädchen dabei gedacht?“

„Sie geben dem Mädchen die Schuld?“

„Natürlich, verdammt. Es ist nicht in Ordnung. Das Leben eines Jungen wird ruiniert, weil sich ein Mädchen betrinkt und etwas Dummes macht, was es hinterher bereut. Wir bereuen alle irgendwas. Nur dass wir nicht versuchen, jemand anders dafür ins Gefängnis zu bringen.“

„Die Polizei und der Staatsanwalt müssen wohl der Ansicht sein, dass es sich um ein Verbrechen handelt, wenn sie den Fall vor Gericht bringen“, unterbrach der Moderator gereizt.

„Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe durchaus Mitleid mit ihr. Himmel, mir tut jeder in dieser miesen Situation leid. Aber am meisten bedauere ich den Blair-Jungen. Alles, wofür er gearbeitet hat, ist futsch. Dabei ist er noch nicht mal für schuldig befunden worden. Tatsache ist, diese Gerichtsverhandlung ist völlig überflüssig. Reine Zeitverschwendung. Und Verschwendung unserer Steuergelder.“

„Die Auswahl der Geschworenen mag abgeschlossen sein, aber die Verhandlung hat noch nicht begonnen, Dean“, erwiderte der Moderator pikiert. „Die Jury besteht aus zwölf ehrbaren Mitbürgern, die über seine Schuld oder Unschuld entscheiden werden. Es ist nicht unsere – oder Ihre – Aufgabe, darüber zu entscheiden.“

„Nun, ich hoffe jedenfalls, dass die Geschworenen richtig ticken, schließlich würde niemand mit halbwegs gesundem Menschenverstand zu einem Schuldspruch kommen. Niemals.“

Die Stimme des Anrufers wurde von den ersten Tönen eines Country-Hits abgelöst. Über die Musik hinweg sagte der Moderator: „Es ist soeben elf Uhr an einem sehr feuchten Morgen in Neapolis. Alle in der Stadt reden über den Blair-Prozess, der nächste Woche beginnt. Nach diesem Lied sprechen wir mit weiteren Anrufern.“

Megan Goldin

Über Megan Goldin

Biografie

Die Australierin Megan Goldin arbeitete zunächst als Auslandskorrespondentin für ABC und Reuters in Asien und im Nahen Osten, mit Schwerpunkt auf Berichterstattungen aus Kriegsgebieten. Nach der Geburt ihres dritten Sohnes kehrte sie in ihre Heimatstadt Melbourne zurück und begann, Spannungsromane...

INTERVIEW mit Megan Goldin

„Girl in the Night – Wer ist dein Mörder?“ ist Ihr dritter Thriller mit einer starken weiblichen Heldin. Was sind die drei Eigenschaften, die die Protagonistin Rachel Krall am besten charakterisieren? Gibt es Charaktereigenschaften, die sich bei allen Hauptfiguren Ihrer Bücher finden lassen?

Rachel Krall ist furchtlos, hartnäckig und entschlossen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Sie ist eine Journalistin und eine Podcasterin. Ihr Charakter ist mir vertraut, da ich ebenfalls viele Jahre lang im Journalismus gearbeitet habe. Ich glaube, dass Rachel ganz anders ist als meinen früheren Hauptfiguren, einschließlich Sarah Hall aus „The Escape game – Wer wird überleben?“. Rachel ist eine meiner Lieblingsfiguren, und ich würde gerne mehr Geschichten mit ihr als Protagonistin schreiben. Podcasts werden immer beliebter.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dass Rachel ihren eigenen Podcast haben könnte?

Aufhänger meines Thrillers ist ein Gerichtsprozess. Als ich mit dem Schreiben des Romans begann, wollte ich meinen Lesern einen Platz in der ersten Reihe im Gerichtssaal geben. Ich habe verschiedene Erzählperspektiven ausprobiert, zum Beispiel aus der Sicht eines Geschworenen geschrieben. Aber damit stieß mich immer schnell an Grenzen und fühlte mich im Erzählen eingeschränkt. Dann, eines Tages, als ich im Fitnessstudio trainierte und meinen Lieblingspodcast über Kopfhörer hörte, kam mir die Idee, die Geschichte aus der Perspektive einer Podcasterin zu erzählen. Ich konnte mir vorstellen, dass es eine Menge Spaß machen und eine tolle Erzähltechnik sein würde. Darüber hinaus beschloss ich, tatsächliche Podcast-Episoden in die Erzählung einzuflechten. Es hat mir sehr viel Freude bereitet, diese Kapitel zu schreiben, und ich glaube, es hat wirklich geholfen, dem Roman einen quasi-dokumentarischen Touch zu geben.

„Girl in the Night – Wer ist dein Mörder?“ ist Ihr dritter Thriller: Wird das Schreiben mit jedem Buch, das Sie schreiben, einfacher? Oder gab es dieses Mal neue Herausforderungen?

Ich war schon immer der Meinung, dass das Schreiben ein Handwerk ist, das ständig verfeinert werden sollte. Jedes Mal, wenn ich schreibe, lerne ich etwas dazu, das mir bei meinem nächsten Roman helfen wird. Ich nehme auch gern neue Herausforderungen an. Im Fall von „Girl in the Night – Wer ist dein Mörder?“ war es vor allem die Herausforderung, drei völlig unterschiedliche Erzählstränge zu schreiben.

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