

Samtpfötchen im Sonnenschein Samtpfötchen im Sonnenschein - eBook-Ausgabe
Roman
— Ein sommerlicher Roman für alle KatzenfansSamtpfötchen im Sonnenschein — Inhalt
Diesem Miau kann niemand widerstehen
Irene hat alle Hände voll zu tun: Ein Wasserschaden bringt das Tierheim Passbrunn in große Bedrängnis – und ausgerechnet jetzt ist Tierheimleiterin Edda im Sommerurlaub. Als wäre das nicht genug, muss Irene auch noch ein Dutzend Katzen aus einer viel zu kleinen Wohnung retten, in der die Stubentiger heimlich gehalten wurden. Schnellstmöglich muss sie ganz viele Tiere an neue Besitzer vermitteln – keine leichte Aufgabe angesichts von immer neuen Überraschungen, Trubel jeder Art und einem sich ständig in Wäschekörben versteckenden Kater Emil ...
Ein sommerliches, zu Herzen gehendes Katzenbuch von der Autorin von „Auf Samtpfoten zum Glück“ und „Katzenpfötchen im Schnee“. Das perfekte Geschenk für alle Katzen-Freunde!
„Ein Roman wie ein Leckerli. Ich habe ihn genussvoll verschlungen.“ Kater Emil
Leseprobe zu „Samtpfötchen im Sonnenschein“
1. Kapitel
„In unserem Büro sieht es aus wie bei einer polizeilichen Fahndung.“ Irene hob den Kopf von der Tastatur ihres Computers und betrachtete besorgt die Fotos an der Pinnwand. Jedes Bild war überschrieben mit den Worten VERMISST oder BELOHNUNG oder WER HAT UNSEREN LIEBLING GESEHEN? „Man sollte ein Sondereinsatzkommando aufstellen! Da stimmt doch etwas nicht.“ Edda nickte. »Ja, das fällt mir auch auf. Es werden kaum noch Tiere gefunden oder abgegeben, und zwar seit etwa zehn Tagen. Ob die entführt oder eingefangen werden? Oje, das will ich mir gar [...]
1. Kapitel
„In unserem Büro sieht es aus wie bei einer polizeilichen Fahndung.“ Irene hob den Kopf von der Tastatur ihres Computers und betrachtete besorgt die Fotos an der Pinnwand. Jedes Bild war überschrieben mit den Worten VERMISST oder BELOHNUNG oder WER HAT UNSEREN LIEBLING GESEHEN? „Man sollte ein Sondereinsatzkommando aufstellen! Da stimmt doch etwas nicht.“ Edda nickte. „Ja, das fällt mir auch auf. Es werden kaum noch Tiere gefunden oder abgegeben, und zwar seit etwa zehn Tagen. Ob die entführt oder eingefangen werden? Oje, das will ich mir gar nicht vorstellen.“
„Wenn sie versehentlich in einer Scheune oder einem Stall eingesperrt werden, flitzen sie doch immer nach Hause, sobald sie wieder frei sind. Sicher nehmen manche Menschen auch streunende Katzen bei sich auf … und machen uns damit Konkurrenz. Aber diese verloren gegangenen Vierbeiner sind ja keine Streuner. Die fürchten sich nicht vor Menschen und haben zu jedem Vertrauen. Das ist das Problem! Hoffentlich geht es den Tieren dort gut.“ Irene zog den Stapel mit handschriftlichen Adoptionsanträgen, Vermittlungen und Neuanmeldungen zu sich heran, um alles in den Computer einzuspeisen. Sie hatte darauf bestanden, dass die dort angelegte Tabelle um eine Spalte für die Nummern der implantierten Erkennungschips ergänzt wurde. So konnte jederzeit ganz schnell festgestellt werden, ob ein Hund oder eine Katze schon einmal in Passbrunn gewesen war oder nicht. Mit dieser Suchfunktion kamen sie erfahrungsgemäß am schnellsten voran. Leider gaben die Katzen- und Hundechips nicht automatisch den Standort durch. Ob irgendwann auch so etwas möglich wäre? Katzensuche per GPS?
Edda Kallmayer riss Irene aus ihren Gedanken. „Allein wenn ich die Fotos sehe, weiß ich, dass alle sehr geliebt und nun auch sehnlichst vermisst werden. Frauchen und Herrchen loben sogar Prämien für eine glückliche Heimkehr aus. Jedes Tier fehlt seinem Besitzer. Schau doch nur mal auf die Bilder der vergangenen zehn Tage! Acht Tiere sind in dieser Zeit in der unmittelbaren Umgebung verschwunden, und mir scheint es so, als seien dadurch acht Leben außer Takt geraten. Mir gibt das viel zu denken, und das nicht nur, weil ich dieses Tierheim leite. Mir tun beide leid, die Katzen und die Menschen.“
„Das verstehe ich gut.“ Irene senkte den Kopf noch tiefer über die Tastatur und biss sich auf die Unterlippe. Wie immer versuchte sie einen plötzlich auftauchenden Gedanken in den Griff zu bekommen und sich zu beruhigen. Wenn sie als Mensch verschwände, würde niemand mit einem Fahndungsfoto nach ihr suchen oder gar einen Finderlohn ausloben. Niemand würde behaupten: Mein Leben ist weniger wert, seit Irene nicht mehr da ist. Im schlimmsten Fall fiele das so gut wie niemandem auf, und selbst hier im Tierheim wäre sie ersetzbar.
Als könne Edda Gedanken lesen, meinte sie unvermittelt: „Auch Menschen können vermisst werden. Ich beispielsweise wüsste nicht, was ich ohne dich machen sollte. Nicht nur deshalb, weil du mir viel Arbeit abnimmst, sondern auch, weil du mir vertraut bist und ich mich auf dich verlassen kann.“
Mit Edda waren alle vertraut, und alle liebten Edda, die jedem Menschen das Gefühl gab, etwas ganz Besonderes zu sein. So war es auch Irene ergangen, als sie Edda vor zwei Jahren kennengelernt hatte.
Innerhalb weniger Stunden hatte sich damals aus einem anfänglichen Missverständnis ein großes und einvernehmliches Verständnis entwickelt, zumal Edda als Erstes von Irene wissen wollte, ob sie möglicherweise Angst vor Hunden habe. „Ja“, gestand Irene wahrheitsgemäß und nickte. „Vor allem vor großen Tieren.“
„Und trotzdem wollen Sie hier und heute einen Hund ausführen?“ Ungläubig lachend stand Edda vor ihrer Besucherin.
„Ich will nur diesen Gutschein einlösen“, hatte Irene steif gesagt und dann von einer kopfschüttelnden Tierheimleiterin erfahren müssen, dass es so etwas weder hier noch irgendwo sonst gab. „Gutscheine zum Gassigehen! Und die auch noch unerfahrenen Leuten in die Hand gedrückt. Niemals! Da könnte ja jeder kommen! Und glauben Sie mir, meine Tiere vertraue ich nicht jedem an. Da muss erst ein Funke überspringen, und zwar von beiden Seiten, wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Obwohl es in dem Gespräch die ganze Zeit um Tiere ging, vor allem um Hunde, blitzte in dem Dialog und zwischen den Zeilen Eddas zweite Botschaft auf, und die lautete: Wir zwei könnten Vertrauen zueinander aufbauen. Sie sind ein wunderbarer Mensch.
Irene hatte einen Moment lang gebraucht, um all das zu verarbeiten. Das angeblich so fürsorgliche Abschiedsgeschenk ihrer Kolleginnen und Kollegen war also nichts als ein Fake, ein selbst gebastelter Gutschein fürs Tierheim in Passbrunn, eine Falle, in die sie als frischgebackene Rentnerin hineintappen und sich lächerlich machen sollte. Da hatte man sie also nach Strich und Faden verarscht. So viel zur ständig beschworenen Kollegialität.
Und sie hatte sich auch noch über die angebliche Sorge um ihr Wohlergehen gefreut. „Wir wollen, dass Sie des Öfteren an die frische Luft kommen“, hatte der verschlagene Jens behauptet und ihr leutselig zugezwinkert. Gut, dass sie da weg war!
„Warten Sie, ich zeige Ihnen unser Katzenhaus. Mit den Samtpfoten können Sie zwar nicht Gassi gehen, aber vielleicht wachsen Sie der einen oder anderen Katze oder einem Kater ans Herz.“
Müsste das nicht umgekehrt heißen?, hatte Irene damals gedacht. Sollten die nicht mir ans Herz wachsen? Dennoch war sie der hochgewachsenen Frau mit den schwarzen Locken brav gefolgt. Man wusste ja nie. Außerdem war sie seit einigen Monaten Rentnerin und verbrachte lange Tage mit nichts anderem als Gähnen und Langeweile. Hier verging wenigstens die Zeit.
Und dann kam Bruno.
Natürlich hätte sie mit ihm zusammenziehen können, aber sie fand es schöner, ihm hier zu begegnen, was sicher auch damit zu tun hatte, dass sie zu gern ihrer Wohnung entfloh, in der sie sich nie heimisch fühlte. Während ihrer Arbeitszeit hatte sie, die Soziologin und Verhaltensforscherin, die meiste Zeit im Büro verbracht, oft auch die Abende und die Wochenenden, und im heimischen Apartment gab es dann ja auch noch das Arbeitszimmer. Alle anderen Räume hinter der Tür, die zu ihrer Wohnung führte und an der ihr Name stand, erschienen ihr fremd und unvertraut.
Tatsächlich war es ihr zu Beginn ihres Ruhestands unendlich schwergefallen, von heute auf morgen nichts mehr zu tun. An die fast täglichen Besuche im Tierheim, die ihrem damaligen Leben Struktur gaben, klammerte sie sich wie an einen Strohhalm. Vermutlich hatte Edda genau das ihrer Besucherin mit dem erfundenen Gutschein fürs Gassigehen angesehen. Jetzt waren Edda Kallmayer und Irene Thannberg Freundinnen, und Edda hatte Irene vor noch gar nicht so langer Zeit zur stellvertretenden Leiterin ihres Tierheims gemacht. Dennoch nahm Irene auch weiterhin so wichtige Aufgaben wie die Platzkontrolle der vermittelten Tiere wahr. Was gab es Schöneres als eine glückliche Katze und ein dazugehöriges glückliches Menschenwesen?
Erneut fiel ihr Blick auf die Fotos an der Wand. Wo steckten die Katzen bloß alle?
Acht Tiere in zehn Tagen, das war ungewöhnlich viel für diese Gegend. Und bislang war dem Tierheim weder ein verunglücktes noch ein verletztes Tier gemeldet worden. Irene, die in ihrem früheren Leben eigentlich nie auf ihre Intuition geachtet hatte, fürchtete ein Verbrechen. Da war etwas im Busch! Jemand entführte Katzen oder lockte sie zu sich. Es ging ihm um … Erpressungsgeld oder gar …? Nein, daran wollte Irene lieber nicht denken.
Wie so oft schien Edda den gleichen Gedanken zu haben, denn sie beruhigte ihre Freundin. „In letzter Zeit habe ich nichts von Katzenfängern gehört und auch meine Leute bei der Polizei gefragt. Da ist nichts im Gang. Es gibt ja kaum noch Tierversuche mit Katzen, aber Bayern ist weiterhin der Spitzenreiter in Tierversuchen mit Labormäusen und Ratten. Die Menschheit wird hoffentlich doch noch verantwortungsbewusst.“
„Bei allen Kosmetikprodukten, die ich kaufe, achte ich darauf, dass sie ohne Tierversuche entwickelt wurden“, bestätigte Irene, gestand ihrem Gegenüber aber nicht, dass sie das erst so machte, seitdem sie hier im Quellenhof ein zweites und ein besseres Zuhause gefunden hatte.
Für sie gab es ein Leben vor und ein Leben mit Passbrunn, und die zweite Hälfte fühlte sich weitaus besser an. „Es ist ja nicht nur so, dass einem das Liebste fehlt“, meinte sie nun nachdenklich und sah auf die Adoptionsbögen jener Hunde und Katzen, die einen neuen Besitzer gefunden hatten – auch ein Hamster war dabei – und die nun hoffentlich von ganzem Herzen geliebt wurden. „Wenn jemand einfach so aus deinem Leben verschwindet, dann schaust du nur noch auf das Fehlende und nimmst nur noch das wahr, woran es dir mangelt. Was noch vorhanden ist, rückt in den Hintergrund, verliert an Wert, und die gefühlte Welt wird grau. Du denkst eigentlich nur noch daran, was nicht mehr da ist.“
Edda runzelte die Stirn. „Was willst du damit sagen? Woran beispielsweise denkst du dabei?“, fragte sie.
„An Bruno.“ Irene seufzte.
„Tatsächlich? Ich dachte, ihr seht euch regelmäßig.“
„Nun ja, im letzten halben Jahr ging das sehr zurück. Du weißt doch, dass ich mich da in diesen Studiengang reingehängt habe, um wenigstens einmal im Leben etwas Sinnvolles zu tun.“ Sie lachte. „Und gelernt – für mich und uns – habe ich vor allem an den Abenden und den Wochenenden. Da blieb für Bruno wenig Zeit.“
„Aber das ist vorbei. Schließlich hast du erfolgreich den Sachkundenachweis zum Tierschutz beim Veterinäramt bestanden. Jetzt kann ich dich jederzeit und überall guten Gewissens als meine Stellvertreterin angeben.“
„Übertreib es aber nicht!“
„Doch, ich hab nämlich vor, mit meiner ganzen Familie in Urlaub zu fahren, und dann hältst du hier die Stellung.“
„Kein Problem! Doch glaub mir, dann sorge ich wieder dafür, dass mir Zeit bleibt, um Kater Bruno zu besuchen. Auch wenn der jetzt in einer anderen Beziehung, in einer bunteren Welt lebt. Im Atelier eines Malers, bei einem Künstler.“
„Ein echter Glückskater.“ Edda lächelte, und wenn sie lächelte, schien die Sonne aufzugehen. Wie schaffte sie das nur?
Irene übte es gelegentlich vor dem Spiegel, aber ohne Erfolg. In Eddas Lächeln war man zu Hause, aufgehoben, angenommen … endlich angekommen. In Eddas Lächeln lag ein Licht.
Das Telefon läutete, kein Haus-, sondern ein Ferngespräch, Edda meldete sich mit amtlichem Ton, und Irene spitzte die Ohren. Wurde etwa schon wieder eine Katze vermisst?
„Nein“, hörte sie Edda sagen.
„Nein, dafür sind wir nicht zuständig. Wissen Sie, was? Oft hilft in einem solchen Fall ein Gespräch unter Kolleginnen. Da kann schneller etwas geklärt werden als in einer großen Runde. Der Ball bleibt flach, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und überhaupt, vielleicht sind Sie ja auch gegen eine ganz andere Substanz allergisch.“
„Ja, das stimmt. In den vergangenen zehn Tagen sind tatsächlich auffällig viele Katzen verschwunden.“
„Nein, wie kommen Sie denn nur auf so etwas?“
„Auf mich wirkt es tatsächlich so, als würden Sie sich da in etwas hineinsteigern. Nur weil Sie irgendwann mal positiv auf eine Allergie gegen Katzenhaare getestet wurden.“
„Gut, Sie sprechen erst einmal mit ihr. In aller Ruhe. Und wenn Sie dann immer noch das Gefühl haben, dass wir unsererseits aktiv werden sollten, melden Sie sich einfach noch mal. Wollen wir uns darauf einigen?“
„Ja, schönen Tag noch. Ihnen auch.“
Kopfschüttelnd wandte sie sich an Irene. „Leute gibt’s! Stell dir vor, da sitzen zwei Kolleginnen zusammen in einem Büro – so wie du und ich –, und eine von denen ruft in der Kaffeepause hier an, um die andere zu denunzieren.“
Allmählich wurde Irene neugierig. „Was wirft sie der denn vor? Und was haben denn ausgerechnet wir damit zu tun?“
„Das frage ich mich auch.“ Edda griff sich in ihr dichtes dunkles Haar. Sie lachte ungläubig und imitierte die klagende Stimme der Anruferin. „Bis vor zwei Wochen sind wir mindestens jeden dritten Tag auf einen Drink ausgegangen – oder auch mal ins Kino oder auf ein Konzert. Jetzt aber hat sie nie Zeit, rennt nach Hause, als würde dort der Traumprinz persönlich auf sie warten. Das macht er aber nicht, hab ich schon rausgekriegt. Und morgens hat sie Katzenhaare auf ihrem Pullover, ich kriege kaum noch Luft. Manchmal sind da auch Kratzspuren an Händen und Unterarmen. Ich hab sie gefragt, ob sie eine Katze hat. Da ist sie rot geworden und hat Nein gesagt. Das ist doch verdächtig.“
„Und wie!“ Irene lächelte ironisch. „Verdächtig ist vor allem, dass die eine keine Zeit mehr für die andere hat. Es gibt übrigens ein sehr treffendes Wort dafür: Eifersucht.“
„Du als Soziologin hast es natürlich gleich erkannt. Unsere Anruferin allerdings hegt den Verdacht, dass ihre Kollegin Katzen entführt.“
„Deine Anruferin hat das Interview mit Cindy Plödereder gelesen. Du hättest verhindern sollen, dass unsere Weißwurst sich zu verschwundenen Katzen äußert … und schon gar nicht in der Zeitung.“
„Mag sein.“ Edda nickte halbherzig. „Andererseits, es ist doch nur ein lokales Anzeigenblättchen und keine überregionale Zeitung. Als Cindy damit kam, hab ich erst mal Ja gesagt. Nur ein kleines Interview zur Stellung der Tierpflegerin. Insgeheim denke ich, wenn sie von außen ein bisschen Aufmerksamkeit kriegt, buhlt sie hier im Team nicht dauernd um Anerkennung.“
„Der Schuss ging ja wohl nach hinten los. Du hättest ihr verbieten sollen, über verschwundene Katzen zu reden.“
„Hast du Cindy schon mal etwas verboten? Dann macht sie es doch erst recht.“
„Aber das Wort Entführung. Kidnapping, Catnapping oder wie immer sie es nennt. Keiner dieser Begriffe hätte fallen dürfen. Und eine von uns hätte den Artikel gegenlesen müssen. Vermutlich kommen jetzt noch mehr Anrufe, denn das ist ja schon fast eine Einladung zum Denunzieren.“ Irene klang besorgt und wippte auf ihrem Bürostuhl hin und her. „Überhaupt, wer hätte gedacht, dass ein so kleines Anzeigenblatt so viele Leser hat? Das wäre wirklich eine Studie wert.“ Aus tief verwurzelter Gewohnheit entwarf sie im Hinterkopf einen komplizierten Fragebogen. Anzeigen schalten und lesen? Digital oder analog?
„Bloß nicht! Zum Forschen haben wir keine Zeit.“ Edda blickte auf die Uhr. „Lieber setze ich Cindy ans Telefon. Wie weit bist du eigentlich mit deinen Einträgen?“
„Wenn du mich noch zehn Minuten arbeiten lässt, habe ich es.“
Als hätte es jemals im Quellenhof Passbrunn eine Zeitspanne von zehn Minuten gegeben, in der etwas zu Ende gebracht werden konnte. So auch diesmal nicht.
2. Kapitel
Genau sechs Minuten später schoss Cindy durch die Empfangshalle auf Irene zu. Sie registrierte es, nachdem sie aus alter Gewohnheit ständig für sich (und für andere) in Gedanken die Zeit stoppte. Diese Gewohnheit konnte sie einfach nicht ablegen, ebenso wenig, wie sie ständig Stufen zählen oder auf gepflasterten Plätzen die Stellen betreten musste, an denen die Steine aneinanderstießen. „Wo steckt Edda?“, rief Cindy ungeduldig.
„Schon gegangen.“
„Wohin? Ich muss sie sprechen!“
Gelassen hob Irene den Kopf. „Worum geht es denn genau?“
„Das kann ich nur mit Edda besprechen.“ Dabei betonte Cindy das erste Wort, als ginge es dabei um ein Geheimabkommen zwischen ihr und der Leiterin des Quellenhofs. Irene nickte und beschloss wieder einmal, sich von dieser kleinen Weißwurst nichts sagen zu lassen. Wirklich ein passender Spitzname, der perfekt zu Cindy passte, die sich bevorzugt in allzu enge und schmuddelige weiße Klamotten zwängte und allen ein wenig zu dicht auf die Pelle rückte.
„Du weißt, dass ich Eddas Stellvertreterin bin. Also, was liegt dir auf der Seele?“
Cindy druckste herum und senkte den Kopf so tief, dass ihr Kinn Falten warf, als sie ihr Anliegen eher ihrem Bauch als Irene anvertraute. „Es geht um Birke. Da sind zwei Herren, die haben sie heute beim Gassigehen entdeckt und sich in sie verliebt. Und jetzt sind sie da und wollen den Hund mitnehmen.“
„Ach, du kennst die Herren? Sind sie des Öfteren hier? Haben die schon Erfahrungen mit Hunden oder Katzen aus unserem Tierheim?“
Genervt schüttelte Cindy den Kopf. „Darum geht es doch gar nicht. Hauptsache ist doch, Birke kommt weg. Die macht nur Stress mit den anderen Hunden und auch mit uns.“
Da war etwas dran. Die mittelgroße Mischlingshündin hatte in ihrem jungen Leben nicht viel Gutes erlebt. In Gegenwart von anderen Hunden duckte sie sich, winselte und klemmte die Rute zwischen die Hinterbeine. Bei Menschen, vor allem bei Männern, atmete sie schnell und hektisch, wobei sie zusätzlich winselte oder knurrte. Irene hatte sich schon oft gefragt, was der grauweißen Hündin bisher widerfahren sein mochte. Birke brauchte Menschen, die mit viel Verständnis und noch mehr Geduld und Liebe auf sie eingingen. Sie zweifelte, ob Cindy das alles bei den zwei Interessenten nachgefragt hatte. Schließlich war es ein offenes Geheimnis, dass Cindy über keine Menschenkenntnis verfügte und die Leute grundsätzlich falsch einschätzte.
„Na gut, dann schaue ich mir die Herren mal an.“ Irene stand auf und dachte dabei mehr an die Hündin als an die zukünftigen Hundebesitzer.
Wäre es nach ihr gegangen, dann kam für Birke nur ein Paradies auf Erden infrage. Diese Hündin hatte vermutlich schon genug Leid erlebt.
„Aha, du traust mir also nicht zu, dass ich selbst entscheide.“ Cindy klang vorwurfsvoll und beleidigt. „Edda hätte mir freie Hand gegeben.“
Das glaubst auch nur du, dachte Irene. Niemals hätte Edda Cindys Urteil getraut, weder bei Tieren noch bei Menschen. „Hast du den Hund schon geholt?“, fragte sie stattdessen.
„Nein, ich wollte als Erstes die Papiere ausfüllen.“
Irene betrachtete ihre eigene weiterhin unvollendete Arbeit. Na gut, zwei Adoptionsbögen mussten noch ins System eingespeist werden, das ging sicher auch später noch.
„Ich rede mit den Herren.“
„Meinetwegen.“ Cindy verschwand und wackelte dabei unübersehbar mit ihrem Weißwursthintern. Alle im Tierheim wussten, dass die kleine Besserwisserin davon träumte, Tierarzthelferin zu werden und – wenn das Schicksal es besonders gut mit ihr meinte – von ihrem Arbeitgeber, dem Herrn Doktor, geheiratet zu werden. Einer der Tierpfleger hatte herausgefunden, dass Cindy auf verschiedenen Internetportalen unterwegs war und schon ein kleines Vermögen in ihre professionelle Partnersuche investiert hatte.
Wie sie sich wohl kleiden mochte, wenn sie sich Auge in Auge mit einem Mann verabredete? Und hatte sie tatsächlich ein Echtfoto von sich hochgeladen oder doch eher ein Bild per Photoshop bearbeitet? Aber dann käme es unweigerlich zum Schock beim ersten Rendezvous. Es bereitete Irene klammheimlich Freude, sich alle diese Situationen vorzustellen. Hoffentlich lernte die junge Kollegin bei ihren Aktionen, sich selbst und möglicherweise sogar andere etwas differenzierter wahrzunehmen.
Die zwei Anzugträger saßen mit übereinandergeschlagenen Beinen und eleganten Reiterhosen in den Sesseln des Empfangsbereichs. Jeder hielt eine Gerte auf den Knien. Einer von ihnen hatte einen grauen Vollbart, der andere war an Kinn und Schädel glatt rasiert. Irene ging auf sie zu.
„Sie haben sich also in unsere Birke verliebt! Aber wer weiß, ob unsere schüchterne Birke auch an Ihnen Gefallen findet.“
Sie bemühte sich um einen freundlichen Ton, spürte aber schon, dass sie das Gespräch anders hätte beginnen sollen. Und erwartungsgemäß wurde zurückgeschossen. „Seien Sie doch froh, dass wir Ihnen das Vieh abnehmen. So haben Sie ein Maul weniger zu stopfen.“
„Darum geht es nicht.“ Irene legte ihre Visitenkarte auf den Tisch. Dr. Irene Thannberg.
Der Bärtige griff danach und klang nicht mehr ganz so selbstbewusst. Ein Hoch auf meine Menschenkenntnis, dachte Irene mit verhaltenem Stolz. Sie hatte geahnt, dass die beiden sich von ihrem Doktortitel einschüchtern ließen.
Tatsächlich stellte der Glattrasierte die erwartete Frage: „Sie sind hier die Tierärztin?“
Irene überging die Bemerkung.
Im Gegensatz zu Cindy, die sich gern in medizinisches Weiß kleidete, trug Irene schwarze Jeans und eine rote Bluse. Sie sah nicht aus wie eine Ärztin.
„Welche Lebenssituation bieten Sie dem Hund? Haben Sie einen Garten? Wohnen Sie vielleicht in der Nähe eines Parks? Das wäre schön. Birke ist erst vier und braucht viel Bewegung.“
„Klar gehen wir mit ihr spazieren. Vor allem an den Wochenenden“, versicherte der Bärtige.
Irene stutzte und dachte laut: „Während der Woche sind Sie also beide ganztags beschäftigt?“
„Natürlich.“
„Und wer kümmert sich in dieser Zeit um den Hund?“
„Die hat dann das ganze Haus zehn bis zwölf Stunden für sich. Sturmfreie Bude! Das wird ihr gefallen.“
„Keinesfalls wird es das!“ Irene klang streng und unerbittlich. „Das ist völlig unmöglich!“
„Sie empfehlen uns also einen Babysitter für den Hund?“ Der Glattrasierte fand den Gedanken offenbar absurd. Er kicherte albern und fuhr sich mit flacher Hand über den frisch geschorenen Schädel.
Irene betrachtete die beiden Männer. Wieso trugen die eigentlich am helllichten Tag eine Peitsche mit sich herum? Hatten die etwa auch noch ein Pferd, das während der ganzen Woche auf sie warten musste, um dann perfekt zu funktionieren?
Wie bei allen Erstgesprächen lud sie nun auf dem Tablet ein Bild sowie eine Charakterbeschreibung des Hundes hoch.
„Sie hat so eine tolle Farbe. Also dieses Grau!“ Der Bärtige geriet ins Schwärmen. „Ich finde, das passt genau zu der Tönung unseres neuen SUV“, fügte er hinzu, ohne den Text zu betrachten, und der Glattrasierte nickte zustimmend. „Also wenn die dann im Fond sitzt, das macht was her!“
Irene erstarrte innerlich.
Erwartungsvoll stand Cindy in der Tür, und Irene suchte ihren Blick. „Die beiden Herren brauchen keinen Hund“, stellte sie fest. „Na gut, ein edler Porzellanhund, das wäre noch möglich. Aber niemals ein Lebewesen, das Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht. Das wird nichts mit der Vermittlung.“
„Aber wir waren uns mit Ihrer Mitarbeiterin schon so gut wie einig!“, widersprach der glänzende Schädel.
„Das letzte Wort in dieser Sache habe immer noch ich.“ Irene richtete sich auf. „Wir geben unsere Tiere nur an gute Plätze und in gute Hände.“
Beide Männer begutachteten ihre Hände und spreizten die Finger. Ihre Ringfinger waren jeweils mit einem Siegelring geschmückt.
„Was haben Sie denn gegen unsere Hände?“, versuchte der Bärtige einen Scherz und hob die Hände in Unschuld.
Irene ignorierte die Geste. „Ich fürchte, Sie wissen gar nicht, was der Besitz eines Tiers bedeutet. Und ein Hund darf niemals zehn Stunden lang allein gelassen werden. Das geht nicht! Kein Hund hält das aus. Also, meine Herren, schönen Tag noch!“ Sie drehte sich um und steuerte auf ihr Büro zu. Cindy folgte ihr.
Die beiden Herren ließen sich’s nicht nehmen, bei ihrem Abgang die Eingangstür des Tierheims besonders heftig zuzuknallen. Typisch!
Irene ließ sich an ihrem Schreibtisch nieder. Jetzt erst einmal die Daten der noch nicht eingepflegten zwei gelungenen Adoptionen ins System eingeben. Und danach ein Spaziergang ins Katzenhaus. Hinter ihr hechelte Cindy wie ein atemloser Hund. Irene drehte sich um und wandte sich an die Tierpflegerin. „Sag mal, hast du denn nicht gesehen, dass die gar keine Ahnung von Tieren haben? Dass die sich einen Hund kaufen wollen, so wie sie sich auch ein Auto kaufen oder einen Teppich?“
„Ich fand sie nett“, murmelte eine zutiefst beleidigte Cindy.
Irene seufzte.
Oje, warum gab es in der Schule kein Fach für Menschenkenntnis?
DATENSCHUTZ & Einwilligung für das Kommentieren auf der Website des Piper Verlags
Die Piper Verlag GmbH, Georgenstraße 4, 80799 München, info@piper.de verarbeitet Ihre personenbezogenen Daten (Name, Email, Kommentar) zum Zwecke des Kommentierens einzelner Bücher oder Blogartikel und zur Marktforschung (Analyse des Inhalts). Rechtsgrundlage hierfür ist Ihre Einwilligung gemäß Art 6I a), 7, EU DSGVO, sowie § 7 II Nr.3, UWG.
Sind Sie noch nicht 16 Jahre alt, muss zwingend eine Einwilligung Ihrer Eltern / Vormund vorliegen. Bitte nehmen Sie in diesem Fall direkt Kontakt zu uns auf. Sie selbst können in diesem Fall keine rechtsgültige Einwilligung abgeben.
Mit der Eingabe Ihrer personenbezogenen Daten bestätigen Sie, dass Sie die Kommentarfunktion auf unserer Seite öffentlich nutzen möchten. Ihre Daten werden in unserem CMS Typo3 gespeichert. Eine sonstige Übermittlung z.B. in andere Länder findet nicht statt.
Sollte das kommentierte Werk nicht mehr lieferbar sein bzw. der Blogartikel gelöscht werden, ist auch Ihr Kommentar nicht mehr öffentlich sichtbar.
Wir behalten uns vor, Kommentare zu prüfen, zu editieren und gegebenenfalls zu löschen.
Ihre Daten werden nur solange gespeichert, wie Sie es wünschen. Sie haben das Recht auf Auskunft, auf Berichtigung, auf Löschung, auf Einschränkung der Verarbeitung, ein Widerspruchsrecht, ein Recht auf Datenübertragbarkeit, sowie ein Recht auf Widerruf Ihrer Einwilligung. Im Falle eines Widerrufs wird Ihr Kommentar von uns umgehend gelöscht. Nehmen Sie in diesen Fällen am besten über E-Mail, info@piper.de, Kontakt zu uns auf. Sie können uns aber auch einen Brief schicken. Sie erhalten nach Eingang umgehend eine Rückmeldung. Ihnen steht, sofern Sie der Meinung sind, dass wir Ihre personenbezogenen Daten nicht ordnungsgemäß verarbeiten ein Beschwerderecht bei einer Aufsichtsbehörde zu. Bei weiteren Fragen wenden Sie sich gerne an unseren Datenschutzbeauftragten, den Sie unter datenschutz@piper.de erreichen.