Lieferung innerhalb 1-3 Werktage
Bezahlmöglichkeiten
Vorbestellung möglich
Kostenloser Versand*
Blick ins Buch
Blick ins Buch

Seeluft, Mord und Grätenstich Seeluft, Mord und Grätenstich - eBook-Ausgabe

Miriam Rademacher
Folgen
Nicht mehr folgen

Ostsee-Krimi

— Humorvoll-gemütlicher Krimi um eine stickende Rentnerin in einer Pension an der Küste
Taschenbuch (16,00 €) E-Book (4,99 €)
€ 16,00 inkl. MwSt. Erscheint am: 02.05.2025 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Für den Versand als Geschenk können eine gesonderte Lieferadresse eingeben sowie eine Geschenkverpackung und einen Grußtext wählen. Einem Geschenkpaket wird keine Rechnung beigelegt, diese wird gesondert per Post versendet.
Kostenlose Lieferung
Bestellungen ab 9,00 € liefern wir innerhalb von Deutschland versandkostenfrei
€ 4,99 inkl. MwSt. Erscheint am: 02.05.2025 In den Warenkorb Im Buchshop Ihrer Wahl bestellen
Geschenk-Service
Für den Versand als Geschenk können eine gesonderte Lieferadresse eingeben sowie eine Geschenkverpackung und einen Grußtext wählen. Einem Geschenkpaket wird keine Rechnung beigelegt, diese wird gesondert per Post versendet.

Seeluft, Mord und Grätenstich — Inhalt

Mit Sticknadeln durch einen mörderischen Urlaub. Humorvoller Cosy Crime an der Ostsee für Fans von Nancy Atherton und Gisa Pauly 

„Also machten wir gute Miene zum bösen Spiel, doch es wurde mit jedem Wiedersehen schwieriger. Wir alle wussten zu viel voneinander, konnten uns nichts mehr vormachen.“ 

Unverhofft findet sich die Rentnerin Constanze in einer kleinen Pension an der Ostsee wieder. Doch was eine gemütliche Auszeit mit gutem Essen, Meerblick und Stickarbeiten hätte werden sollen, wird von einem rätselhaften Todesfall am Strand überschattet. Ausgerechnet Constanzes Zimmernachbarin wurde ermordet, und so will sie, die Sticknadel im Anschlag, den Fall aufklären. Dabei kommt sie Stich für Stich der Wahrheit näher und bald auch jenen in die Quere, die den Mord an der jungen Frau sorgfältig geplant haben … 

€ 16,00 [D], € 16,50 [A]
Erscheint am 02.05.2025
304 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-50876-6
Download Cover
€ 4,99 [D], € 4,99 [A]
Erscheint am 02.05.2025
304 Seiten
EAN 978-3-377-90248-1
Download Cover

Leseprobe zu „Seeluft, Mord und Grätenstich“

Kapitel 1

Die schwarzbunte Kuh streckte unvermittelt ihren Kopf zum Küchenfenster herein und ließ ein lautes Muhen ertönen. Constanze ließ vor Schreck den Brieföffner fallen und sah ihr Haustier missbilligend an.

„Dir auch einen guten Morgen, Elsa. Ich vermute mal, du wolltest die erste sein, die mir persönlich gratuliert. Aber Frauen in meinem Alter darf man nicht so erschrecken, weißt du?“

Die Kuh warf ihr einen langen und intensiven Blick zu, bevor sie sich zurückzog, um sich den Erdbeerpflanzen vor ihren Hufen zu widmen. Wegen der Augen hatte Constanze [...]

weiterlesen

Kapitel 1

Die schwarzbunte Kuh streckte unvermittelt ihren Kopf zum Küchenfenster herein und ließ ein lautes Muhen ertönen. Constanze ließ vor Schreck den Brieföffner fallen und sah ihr Haustier missbilligend an.

„Dir auch einen guten Morgen, Elsa. Ich vermute mal, du wolltest die erste sein, die mir persönlich gratuliert. Aber Frauen in meinem Alter darf man nicht so erschrecken, weißt du?“

Die Kuh warf ihr einen langen und intensiven Blick zu, bevor sie sich zurückzog, um sich den Erdbeerpflanzen vor ihren Hufen zu widmen. Wegen der Augen hatte Constanze die Kühe angeschafft. Die Tiere strahlten so viel Ruhe aus, dass man sie einfach lieben musste. So war sie einige Monate nach ihrer Pensionierung spontan zu einem befreundeten Landwirt gefahren, und hatte ihm die ältesten Milchkühe abgeschwatzt, die noch auf seiner Weide grasten. Jetzt bekamen Emma und Elsa bei Constanze ihr Gnadenbrot und verwandelten den Garten ihres Hauses nach und nach in einen gut gedüngten Acker. Trotzdem bereute Constanze ihre Entscheidung nicht. Das alte Gehöft, in dem sie lebte, war vor langer Zeit das Heim vieler Nutztiere gewesen. Doch solange sie hier wohnte, hatte der alte Stall leer gestanden. Jetzt, da das Berufsleben hinter ihr lag, war es ihr eine Freude gewesen, den noch immer nach Heu riechenden dunklen Anbau erneut mit Leben zu füllen.

„Alle Gute zum Geburtstag, liebe Frau Schick, wünschen die kleinen Rabauken aus der 4b.“ Constanze lächelte und legte die Postkarte beiseite. Diese Rabauken, wie sie sich nun selbst nannten, mussten ihre Schullaufbahn inzwischen abgeschlossen haben, aber wie in jedem Jahr dachten sie an ihre alte Lehrerin und schickten die obligatorische, selbst gemalte Grußkarte. Mittlerweile waren die Zeichnungen auf der Vorderseite nahezu professionell und zeigten in diesem Jahr zwei grasende Kühe.

Constanze schmunzelte und fuhr fort, den Stapel Briefe durchzusehen. Die meisten stammten von ehemaligen Schülern, denen sie geduldig das Stricken, Häkeln und Sticken beigebracht hatte. Meist mit nur geringem Erfolg. Aber Spaß hatte es den Kindern gemacht, und das war doch die Hauptsache. Wen kümmerte es heutzutage schon noch, ob jemand seine Socken selbst stopfen konnte oder nicht?

Der vorletzte Brief stammte von ihrer Bank und wurde ungelesen von Constanze beiseitegelegt. Es gab Dinge, mit denen sie sich an ihrem fünfundsiebzigsten Geburtstag nicht befassen wollte. Der letzte Umschlag sah mit seinen goldenen und roten Sternen aus, als ob es sich bei ihm um verspätete Weihnachtspost handelte. Dabei brannte ihren Kühen im Garten bereits die Julisonne auf die Hörner. Constanze suchte nach einem Absender und fand ihn auf der Rückseite. Eine Margarete Herbst aus Travemünde hatte ihr geschrieben. Da Constance ein sehr gutes Namensgedächtnis hatte, war sie davon überzeugt, diesen Namen das erste Mal zu lesen. Aber natürlich war es möglich, dass eine kleine Margarete, die einst in ihrem Klassenzimmer die Maschen fallengelassen hatte, jetzt in Travemünde mit einem Herrn Herbst verheiratet war.

Constanze setzte den Brieföffner an, schlitzte den Umschlag auf und zog ein gefaltetes Blatt heraus. Goldener Glitzerstaub fiel sanft auf ihren frisch gewischten Küchenboden.

Herzlichen Glückwunsch, Frau Schick, Sie haben gewonnen!

Gewonnen? Constanze hatte noch nie etwas gewonnen. In ihrem ganzen Leben nicht. Nur einmal, mit vierzehn, hatte sie bei der Kirchenfest-Tombola einen Serviettenring erbeutet, aber das war lange her und zählte nicht. Was sollte eine Vierzehnjährige schon mit einem Serviettenring anfangen? Constanze jedenfalls hatte ihn zur Zopfspange umfunktioniert.

Wir freuen uns, Sie zu einem fünftägigen Aufenthalt in unserer Pension begrüßen zu dürfen! Das reichhaltige Frühstücksbüfett und ein gemütliches Zimmer mit Panoramablick werden Ihnen den Aufenthalt unvergesslich machen! Rufen Sie uns noch heute an, und stimmen Sie den Anreisetermin ab!

Das waren genug Ausrufezeichen auf nüchternen Magen. Constanze warf den Brief auf den Küchentisch und wischte sich den Glitzerstaub von den Fingern. Dann griff sie zum Telefon. Schnurlos natürlich, sie ging schließlich mit der Zeit. Auch ein Handy befand sich in ihrem Besitz, doch damit hatte sie sich noch nicht so recht anfreunden können. Meist lag es irgendwo mit leerem Akku in einer Ecke.

Zweimal tutete es, dann wurde abgehoben. „Guten Morgen, Adelheid.“ Weiter kam sie nicht.

„Happy birthday to you, happy birthday to …“

„Ja, ich weiß, vielen Dank. Sag mal, kann es sein, dass du wieder mal meinen Namen und meine Adresse bei irgendeinem Preisausschreiben eingereicht hast?“

„Hab ich das?“ Adelheid schien überlegen zu müssen. Ihre Freundin und langjährige Kollegin aus dem Bereich der Naturwissenschaften wurde allmählich schusselig. „Ja, kann sein. Ich habe so oft etwas gewonnen, die Leute werfen mich bestimmt schon zurück in den Lostopf, sobald sie nur meinen Namen lesen. Also nehme ich manchmal deinen. Ja, ich schätze, da war kürzlich so ein Kreuzworträtsel in diesem billigen Werbeblättchen, das immer ungefragt in meinem Briefkasten landet. Geht es um eine Reise? Haben wir gewonnen?“

„Ich habe gewonnen“, korrigierte Constanze. „Einen fünftägigen Urlaub am Meer.“ Sie schnappte sich den Brief vom Tisch und rückte ihre Brille zurecht. „In Travemünde. Das liegt irgendwo im Norden, oder?“

„An der Ostsee, um genau zu sein. Wie kann man sich nur so wenig für Erdkunde interessieren.“ Die übliche Missbilligung schwang in Adelheids Stimme mit.

„Da ich nicht nach Travemünde reisen will, steht es mir frei, zu wissen, wo es liegt.“ Erneut rieselte goldener Staub vom Papier. Diesmal auf ihre Schuhspitzen. „Was machen wir denn jetzt, Adelheid? Dieser Preis gilt nur für eine Person, eine bestimmte Person. Mich. So steht es hier.“

„Das macht doch nichts, betrachte es einfach als mein Geburtstagsgeschenk für dich. Dann kann ich die Pralinen, die ich für dich gekauft habe, selber essen und alles hat seine Ordnung.“

„Eine Reise kann man doch nicht mit Pralinen gleichsetzen“, erwiderte Constanze. „Ich werde nicht fahren. Ich habe zwei Kühe zu versorgen und auf der Sessellehne liegt eine frisch angefangene Handarbeit. Ich kann hier nicht weg.“

„Wann bist du das letzte Mal überhaupt irgendwo hingefahren?“ Jetzt klang Adelheids Stimme sanft. „War das die Klassenfahrt in den Teutoburger Wald?“

„Und wenn schon?“

„Und wann kannst du, wenn du einmal deine Kontoauszüge zurate ziehst, wieder einmal ein paar unbeschwerte Urlaubstage genießen?“

„Soll das etwa ein Verhör werden?“ Constanze schnaubte verärgert.

„Ich gebe dir einen guten Rat, meine Liebe: Pack deine Koffer, und ich setze dich gleich am Montag in einen Zug nach Travemünde. Nur, um sicherzugehen, dass du nicht versehentlich am Mittelmeer landest. Bei dir und deiner Ortskenntnis weiß man nie.“

„Aber was soll ich denn an der Ostsee, ich kann nicht einmal schwimmen“, protestierte Constanze noch einmal.

„Dann ist dieser Urlaub die beste Gelegenheit, um es zu lernen. Ach, und um deine Kühe kümmere ich mich so lange. Happy birthday.“

Adelheid hatte aufgelegt. Constanze stand noch eine Weile unentschlossen in der Küche, in der einen Hand der Brief in der anderen das Telefon. Schließlich sagte sie zu sich selbst: „Ach, was soll’s?“, und wählte die Nummer unter der Adresse des Absenders. „Frau Herbst in der Pension September. Wie tiefsinnig. Na, hoffentlich ist das Essen gut und das Zimmer sauber.“


Kapitel 2

Verhör am 28. Juli 2024

Läuft das Band mit? Gut, ich möchte nicht alles zweimal erzählen müssen. Es wird schon beim ersten Mal schwierig genug werden. Wo soll ich nur anfangen? Vielleicht damit, wie Floppi und ich … für gewöhnlich verwende ich diesen Kosenamen nur, wenn wir allein sind, aber das ist jetzt auch schon egal. Also ich beginne damit, wie wir zum ersten Mal in der Pension September abstiegen. Das ist jetzt fünf Jahre her. Seitdem ist so viel passiert, Sie würden mich auf den Fotos von damals kaum wiedererkennen. Und Floppi auch nicht. Als wir gemeinsam die winzige Lobby betraten, hatte keiner von uns eine Ahnung, dass dies der Anfang vom Ende sein würde. Hätte es mir damals jemand gesagt, ich hätte auf dem Absatz kehrtgemacht und wäre geflohen. So aber steuerten wir höflich lächelnd in eine Katastrophe, als ich aus der Hand von Margarete Herbst unseren Zimmerschlüssel entgegennahm.

Unsere Unterkunft war äußerst geschmackvoll eingerichtet. Fünf Jahre in Folge haben wir unseren Sommer in der Pension September verbracht, und dieses erste Zimmer war mir von allen stets das liebste. Von dort aus konnte man den Strand sehen. Und die Urlauber, wie sie auf dem Gehweg flanieren und dabei Fischbrötchen futtern, als hätten sie alle Zeit der Welt. Als gäbe es keine Büros, Terminkalender und Alltagsärgernisse. Rund um die Pension September herrscht immer Urlaubsstimmung und das spürt man. Damals dachte ich zumindest so.

Floppi und ich waren in jener Zeit sehr glücklich. Abends trieb uns der Hunger vor die Tür, und Margarete, also Frau Herbst wie ich sie damals noch nannte, gab uns die Rabattkarten. Für Gäste ihres Hauses, die ihre Mahlzeiten im Restaurant gleich nebenan einnahmen, gab es einen kleinen Preisnachlass. Zuerst wollten wir nicht dorthin und uns lieber selbst etwas suchen. Aber seltsamerweise gefiel uns an diesem Abend keines der vielen anderen Lokale auf Anhieb. Und so landeten wir doch im Gut und Dunkel, einer Mischung aus Cocktailbar und Imbissbude. Ja, Imbissbude, sage ich, obwohl sie es unter dieser Bezeichnung ganz gewiss nicht in den Reiseführern finden. Im Gut und Dunkel tut man gern etwas vornehm, doch ein einziger Blick in die Speisekarte bestätigt meine Behauptung, und deren Angebot hat sich in fünf Jahren nicht verändert.

Jedenfalls kamen wir recht spät, und es gab keine freien Tische mehr. Aber für Urs, den Kellner, war das kein Problem. Er setzte uns kurzerhand zu zwei anderen Pärchen, die, wie wir bald herausfanden, ebenfalls in der Pension September abgestiegen waren. Wie sich herausstellte, waren wir alle in einem ähnlichen Alter und hatten auch sonst viel gemeinsam: keine Kinder, gute Jobs, solche Dinge halt. Es dauerte nicht lange, und der Wein floss in Strömen. Es wurde gelacht und je später der Abend wurde, desto zotiger waren die Witze. Floppi führte sich unmöglich auf und gab an wie eine Tüte Mücken. Wie viel Geld wir beide verdienen würden und so weiter. Doch das schien niemanden zu stören, denn die anderen Paare verhielten sich ganz genauso. Jeder prahlte mit dem, was er meinte vorweisen zu können. Das trug nicht dazu bei, mich für diese Leute einzunehmen. Eine der anwesenden Damen lachte lauter als alle anderen und schenkte mir hin und wieder ein, wie ich fand, aufreizendes Lächeln. Ihr Name war … Nein. Nein, ich werde die Namen verwenden, die dieses Biest uns gegeben hat, denn unsere eigenen hat sie uns ebenso genommen wie alles andere. Und wenn Ihnen das nicht passt, stoppen Sie die Aufnahme und verschwinden Sie.

Puh, ist das stickig hier drinnen, können Sie kein Fenster aufmachen? Direkt am Meer, wo der Wind geht, wird es niemals stickig. Aber an jenem ersten Abend im Gut und Dunkel war die Luft ebenfalls schlecht. Irgendwann konnte und wollte ich nicht mehr. Die Gesellschaft der anderen Pensionsgäste wurde mir lästig, und der Alkohol stieg mir allmählich zu Kopf und ließ die Welt um mich herum immer schneller rotieren, bis ich sie nur noch anhalten wollte, um auszusteigen. Dieser von mir bereits erwähnten Frau mit dem vielversprechenden Lächeln, später bekam sie den Namen Flora zugeteilt, schien es ähnlich zu gehen. Ob sie ebenfalls zu viel getrunken hatte oder sich tatsächlich krank fühlte, weiß ich natürlich nicht. Aber es fiel mir eben auf, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie schwitzte übermäßig und trommelte nervös mit den Fingern auf der Tischplatte herum, was nicht nur mir, sondern auch ihrem Mann auffiel, der ihr riet, doch schon aufs Zimmer zu gehen. Auch ich ließ Floppi wissen, dass ich vorgehen würde, und so verabschiedeten Flora und ich uns zeitgleich von der ausgelassenen Gesellschaft und gingen gemeinsam zurück in die Pension, wo wir uns noch auf den Stufen hinauf gegenseitig eine Gute Nacht wünschten. Rückblickend bestand darin mein erster Fehler. Doch ich legte mich sorglos schlafen, denn ich glaubte, es gäbe keinen Grund für Misstrauen. An diesem ersten Abend konnte ich ja nicht ahnen, wie sich die Dinge entwickeln würden.


Kapitel 3

Erst Adelheids Klapperkiste, dann der Zug, noch ein Zug und schließlich dieses Taxi, dessen Fahrer eine Schwäche für Country- und Westernmusik besaß und sie nach Herzenslust auslebte. Constanze verfluchte sich selbst und konnte sich nicht mehr erklären, warum sie sich überhaupt auf diese Reise eingelassen hatte? Es wäre so einfach gewesen, Adelheid aufs Entschiedenste zu widersprechen und den Brief von dieser Frau Herbst in kleine Schnipsel zu zerreißen. Aber sie hatte sich von ihrer Freundin einlullen lassen und von dem Gedanken an einen kleinen Urlaub, einer Abwechslung, wie sie ihr schon lange nicht mehr vergönnt gewesen war. Nie, wenn man es genau nahm. Andere pensionierte Lehrerinnen mochten finanziell gut zurechtkommen, doch nicht Constanze, und es war ihr unmöglich zu sagen, woran es lag. Irgendwie war in ihrer Kasse ständig Ebbe. Dabei brauchte eine Frau ihres Alters doch nicht viel zum Leben.

„Das macht dann fünfzehn Euro, bitte.“ Der Fahrer hielt den Wagen an und seine Hand auf. Wenn Sie es genau bedachte, wusste sie vielleicht doch, warum ihr das Geld immer zwischen den Fingern zerrann.

„Stimmt so.“ Sie drückte ihm einen Zwanzig-Euro-Schein in die Hand und schalt sich selbst eine Närrin. Lernte sie denn niemals dazu?

Der Vorteil an einem großzügigen Trinkgeld und vermutlich auch ihrem fortgeschrittenen Alter lag darin, dass der Mann ihr das Gepäck ins Haus trug und es in der winzigen Rezeption, direkt vor einem Tresen aus Birkenholz, abstellte.

Constanze ließ den Blick über Kunstblumen, cremegelbe Wände und hellgrüne Auslegeware schweifen. Hübsch. Nicht sonderlich überragend und ganz gewiss nicht einen einzigen Stern wert, aber hübsch. Auf der Metallglocke neben dem Gästebuch lag kein Staubkorn und in der Luft lag ein Duft Jasmin, deren Ursprung Constanze in dem tiefroten Potpourri vermutete, der in einer schlichten Glasschale auf der einzigen Fensterbank stand.

„Ah, Frau Schick. Und wie passend der Name ist, jetzt da Sie vor mir stehen. Hatten Sie eine gute Fahrt?“ Eine in schlichtes Schwarz gekleidete Frau mit dunklem, im Nacken zu einem Zopf gebundenen Haar und freundlichem Gesicht war aus einer von zwei sich gegenüberliegenden Türen in einem kleinen Flur getreten und hielt ihr die ausgestreckte Hand entgegen.

Constanze lächelte müde. Sie hatte schon bessere Sprüche zu ihrem Nachnamen gehört, aber auch wesentlich schlechtere. „Eigentlich nicht“, gab sie zu. „Der erste Zug hatte Verspätung, den zweiten verpasste ich um Haaresbreite und die Klimaanlage existiert auch in Erster-Klasse-Wagen nur dem Gerücht nach. Aber ich habe es bis zu Ihnen geschafft, und darauf bin ich stolz.“

„Sie werden müde und hungrig sein.“ Die Frau sah sie mitfühlend an. „Wie wäre es, wenn ich Ihnen gleich Ihr Zimmer zeige und Ihnen eine Tasse Tee und Kekse hinaufbringe?“

„Das klingt traumhaft.“ Erleichterung durchflutete Constanze. Der Gedanke, in wenigen Minute aus ihren engen Schuhen schlüpfen zu dürfen, ließ sie die Schmerzen an den Zehen schon fast vergessen. Pumps hatte sie noch nie gemocht. Aber sie hätte die Reise unmöglich in ihren himmelblauen Crocks antreten können, mit denen sie üblicherweise im Haus, dem Stall und dem Garten unterwegs war. Also hatte sie sich einmal mehr in die Garderobe einer altjüngferlichen Lehrerin gezwängt und zufrieden festgestellt, dass der Bund ihres besten Rockes nicht kniff. Ihre Figur hatte sich demnach in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert, aber mit ihren Füßen musste etwas geschehen sein. Sie rebellierten schon seit Antritt der Reise.

„Sie sind Frau Herbst, wie ich annehme?“ fragte Constanze

„Sagte ich das nicht? Wie nachlässig von mir. Ja, ich bin Frau Herbst. Die Pension September gehört mir. Klein aber fein, und bis vor ein paar Jahren ständig ausgebucht.“

„Jetzt nicht mehr?“, fragte Constanze und nahm ihre Handtasche vom Gepäckstapel. Für die größeren Koffer hatte Frau Herbst hoffentlich eine Hilfe im Haus, denn der Taxifahrer war inzwischen wortlos gegangen.

„Die Konkurrenz macht mir zu schaffen. Ich müsste modernisieren, aber das ist nicht so leicht, wie es sich anhört.“ Frau Herbst schnappte sich entschlossen die Griffe der beiden Koffer und trug sie selbst vor Constanze her, wobei sie mit dem Fuß die rechte der beiden Türen aufstieß. Dahinter lag ein in hellem Grau gefliestes Treppenhaus. Die Stufen der Treppe, die sich nach oben wand, waren aus poliertem Eichenholz und bildeten einen netten Kontrast zu dem kühlen Steinboden.

„Meinetwegen bräuchten sie nichts zu ändern. Mir gefällt bisher sehr gut, was ich sehe“, sagte Constanze und folgte ihr.

„Oh, vielen Dank. Empfehlen Sie uns unbedingt weiter. Mundpropaganda ist noch immer die beste Werbung, und Werbung ist ja so wichtig. Zeitungswerbung wird übrigens billiger, wenn man ab und zu einen Preis wie den stiftet, den Sie gewonnen haben, wussten Sie das?“ Frau Herbst sah sie über die Schulter an und strahlte.

„Nein, aber ich lerne gern dazu.“ Constanze musste zugeben, dass sie die herrlich erfrischende Offenheit ihrer Gastgeberin mochte. Margarete Herbst hatte sich anscheinend das unbeschwerte Gemüt eines sehr jungen Menschen erhalten, auch wenn ihr Gesicht unter dem dunklen Haaransatz bereits deutliche Anzeichen des Alterungsprozesses zeigten. Constanze schätzte sie auf Anfang fünfzig.

In dem Flur, im ersten Stock, lagen sich vier Zimmertüren gegenüber. Da Constanze in der Etage über sich Schritte hörte, ging sie davon aus, dass dort weitere Gästezimmer zu finden waren. Ihres war die Nummer 2, das Frau Herbst nun für sie aufschloss, bevor sie den Schlüssel an Constanze weitergab. „Tee und Kekse kommen sofort. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“

„Vielen Dank.“ Constanze ließ die Handtasche in den einzigen Sessel fallen und schleuderte die Pumps von den Füßen, noch ehe sich die Zimmertür wieder ganz geschlossen hatte. Dann trat sie an das von weißen Gardinen eingerahmte Fenster.

„Der versprochene Panoramablick ist offensichtlich kein Meerblick“, stellte sie fest und versuchte, dem Anblick der properen Häuschen, wie sie da in ihren eher kleinen Gärten standen, etwas abzugewinnen. Der Strand lag auf der anderen Seite und wäre von einem der Zimmer gegenüber bestimmt gut zu sehen gewesen. Nun, das machte nichts, sie war nicht wegen der Aussicht gekommen. Und da ihr Verhältnis zu Wasser ohnehin nicht das beste war, zumindest, wenn es in großen Mengen, wie etwa einem Meer auftrat, legte sie auch keinen Wert darauf, es ständig vor Augen zu haben. Vielleicht würde sie es später wagen, barfuß an der Wasserkante entlangzuspazieren, aber mehr war nicht drin. Sofern kein Tsunami heranrollte, konnte dabei bestimmt nicht einmal Nichtschwimmern wie ihr etwas zustoßen.

Eine Weile beobachtete sie das Treiben am Strand und auf der Promenade, bis sich ihr Interesse auf die Einrichtung des Zimmers richtete. Das breite Bett hatte einen geblümten Überwurf, ein Fernseher, für den sie sich nicht interessierte, stand gleich gegenüber auf einer Anrichte und es gab zwei winzige Nachttische, auf denen kaum mehr als ihre Lesebrille und eine Packung Taschentücher Platz finden würden. Nichts in dem Raum wirkte modern oder elegant. Aber alles machte einen gepflegten Eindruck auf Constanze.

Gerade begann sie sich zu fragen, wo wohl der Tee blieb, da öffnete sich völlig unerwartet die Tür zum Badezimmer. Auf der Schwelle stand eine junge Frau mit klatschnassen Haaren, die sich ein blaues Badehandtuch um den schlanken Körper gewickelt hatte. Sie legte beschwörend den Finger auf die Lippen.

Constance war so verdattert, dass sie gehorchte und schwieg. Mit einer Mischung aus Faszination und Ungläubigkeit betrachtete sie die Fremde, in deren Ohrläppchen gleich mehrere teuer aussehende Edelsteine funkelten.

„Ist sie weg?“

„Ja, aber sie kommt gleich wieder“, gab Constanze bereitwillig Auskunft, da sie davon ausging, dass von Margarete Herbst die Rede war. „Sie holt mir eine Tasse Tee.“

„Oh bitte, verraten Sie mich nicht.“ Die junge Frau hatte einen flehenden Blick aufgesetzt, den Constanze noch allzu gut von faulen Schülerinnen kannte, die kurz vor der Zeugnisausgabe noch eine bessere Note herausschlagen wollten. „Dieses Zimmer ist das einzige im Haus mit einer Badewanne. Alle anderen haben nur Duschen. Und dieser feine Strandsand kriecht einem doch in jede …“ Die junge Frau verstummte und schloss hastig die Badezimmertür, als ein lautes Klopfen ertönte und eine Stimme rief: „Frau Schick? Ich bringe den Tee!“

Miriam Rademacher

Über Miriam Rademacher

Biografie

Miriam Rademacher wuchs auf Schloss Clemenswerth im Emsland auf und verbrachte eine von Kunst und Kreativität geprägte Kindheit. Die Liebe zum Tanz verschlug sie später nach Osnabrück, wo sie heute mit ihrer Familie lebt, an ihren Büchern arbeitet und Tanz unterrichtet. In den letzten Jahren hat sie...

Kommentare zum Buch
Kommentieren Sie diesen Beitrag:
(* Pflichtfeld)

Miriam Rademacher - NEWS

Erhalten Sie Updates zu Neuerscheinungen und individuelle Empfehlungen.

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Miriam Rademacher - NEWS

Sind Sie sicher, dass Sie Miriam Rademacher nicht mehr folgen möchten?

Beim Absenden ist ein Fehler aufgetreten!

Abbrechen