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Wie ein Licht in dunkler Zeit (Die Korffs 3) Wie ein Licht in dunkler Zeit (Die Korffs 3) - eBook-Ausgabe

Michael Wallner
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Die Korff-Saga

— Dramatische Familiensaga zwischen alter und neuer Welt, Liebe und Verrat
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Wie ein Licht in dunkler Zeit (Die Korffs 3) — Inhalt

In „Wie ein Licht in dunkler Zeit“, dem 3. Band seiner opulenten Saga führt SPIEGEL-Bestsellerautor Michael Wallner seine Geschichte um die österreichische Familie Korff in den Jahren 1936 bis 1945 zu einem dramatischen Höhepunkt.  

Wien 1936: Philipp Korff ahnt, dass die Machtergreifung Hitlers nicht ohne Folgen für ihn und seine Familie bleiben wird, doch ausgerechnet seine jüdische Frau Alexandra hängt an Österreich. Dennoch beginnt Philipp damit, Teile des Unternehmens nach England zu verlagern – es ist der Beginn einer dramatischen Wende: Das Korff-Imperium wird nicht zu retten sein. Die Welt steht kurz vor einem neuen verheerenden Krieg. Philipp und Alexandra, durch eine Vernunftehe aneinandergebunden, werden jeder für sich die Liebe finden – und dafür alles aufs Spiel setzen müssen.  

„Farbenprächtig und spannend opulent und kenntnisreich spinnt Bestsellerautor Michael Wallner seine Roman-Reihe um die Korffs fort. So ergibt sich das faszinierende Porträt einer kosmopolitischen Familie zwischen der alten und der neuen Welt, zwischen Liebe und Verrat, Rausch und Tod.“ Buch Magazin

€ 12,00 [D], € 12,40 [A]
Erschienen am 28.10.2021
208 Seiten, Broschur
EAN 978-3-492-31553-1
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€ 9,99 [D], € 9,99 [A]
Erschienen am 28.10.2021
256 Seiten
EAN 978-3-492-99962-5
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Leseprobe zu „Wie ein Licht in dunkler Zeit (Die Korffs 3)“

England 1938

1
Das Zauberreich

Unwirklich fühlte sich das an, in einer Eisenbahn zu sitzen, die nicht stampfte und rauchte, sondern mit leichtem Schwanken dahinschwamm. Die Passagiere im Salonwagen hatten nicht einmal aussteigen müssen, während der Zug in Calais von der Schiene auf die Fähre umgesetzt worden war. Einige Minuten lang hatte es kein elektrisches Licht gegeben, doch mittlerweile liefen die Kondukteure wieder durch die Abteile und präsentierten den Passagieren die Menükarte. Obwohl Philipp nicht hungrig war, hatte er die Forelle angekreuzt. Vor [...]

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England 1938

1
Das Zauberreich

Unwirklich fühlte sich das an, in einer Eisenbahn zu sitzen, die nicht stampfte und rauchte, sondern mit leichtem Schwanken dahinschwamm. Die Passagiere im Salonwagen hatten nicht einmal aussteigen müssen, während der Zug in Calais von der Schiene auf die Fähre umgesetzt worden war. Einige Minuten lang hatte es kein elektrisches Licht gegeben, doch mittlerweile liefen die Kondukteure wieder durch die Abteile und präsentierten den Passagieren die Menükarte. Obwohl Philipp nicht hungrig war, hatte er die Forelle angekreuzt. Vor dem Lunch ließ er sich einen Aperitif kommen. Er trank langsam; der Geschmack der Flucht ließ sich nicht hinunterspülen.

Die wenigen Menschen, die zu seinem Abschied an die Bahn gekommen waren, hatten seine Tat optimistisch Aufbruch genannt, er selbst war sich seiner Flucht bewusst. Er wollte ein Meer zwischen sich und alles bringen, was er liebte. Ein Meer würde dafür nicht genügen. Dabei war es der richtige Schritt, alles hinter sich zu lassen, wäre Philipp Korff nicht gezwungen gewesen, sich selbst mitzunehmen. Er fühlte sich von seiner eigenen Gegenwart belästigt.

Sein Glas war leer. Bis zum Lunch gab es wenig zu tun. Er hatte nichts zu lesen mitgenommen. Er las nicht mehr gern, seit die erfundenen Geschichten in Büchern mit der erlebten Geschichte nicht mehr mithalten konnten. Die Welt wurde verrückt, und wie jeder ordentliche Verrückte leugnete die Welt, verrückt geworden zu sein. Hitler würde Wien überfallen. Seit seinem Einmarsch in das Rheinland, seit er persönlich die Wehrmacht befehligte, seit dem ominösen Treffen mit dem österreichischen Kanzler Schuschnigg auf dem Berghof bestand daran kein Zweifel mehr. Hitler würde sich Wien nehmen wie eine in die Jahre gekommene Schöne. Hinterher würde er sagen, sie habe es so gewollt.

Als graublauer Streifen zog das Meer an Philipp vorbei. Er hätte nur das Fenster öffnen müssen, um den hellen, den winterlichen Geruch der Nordsee schmecken können. Doch ihm fehlte der winzige Antrieb, an dem Lederriemen zu ziehen, der die Fensterscheibe herabgleiten ließ.

An diesem heiteren Morgen hatte er die Passage über den Ärmelkanal angetreten. Kurz nach der Abfahrt waren die Küste, der Himmel, war selbst das Wasser verschwunden, eingehüllt in einen Dunst, den man eigentlich nicht Nebel nennen konnte. In diesem Grau, das die Farbe von Lehm in sich trug, tauchte das Gesicht auf. Zuerst glaubte Philipp, es sei die Traurigkeit der Frau, die ihm auffiel – traurige Menschen erkannten einander überall auf der Welt –, aber da war etwas anderes. Sie trug ihren Hut ein wenig schräg, einen schwarzen modischen Boater aus Filzwolle, der Philipp bei dem Nieselwetter ziemlich unpassend erschien. Mehr als Hut und Kragen konnte er von ihr nicht sehen, der schmale Ausschnitt des Fensters verhinderte es. War sie wie er eine Passagierin des Salonwagens, die sich an der Reling die Beine vertrat?

Ihr Gesicht verschwand. Philipp empfand die Fragen, die dieses Frauengesicht in ihm weckte, als das erste belebende Gefühl auf der Reise. Rasch zog er den hellen Dufflecoat über und setzte die Mütze auf. Das Fenster ließ er zu. Er selbst wollte hinausgehen, an die Luft, an die See.

Es war den Passagieren untersagt, den Zug während der Überfahrt zu verlassen, doch als Gast der ersten Klasse nahm sich Philipp dieses Privileg heraus. Er öffnete die Zugtür und kletterte vorsichtig die Metallstufen nach unten; sie konnten vereist sein. Als die Tür über ihm zufiel, durchzuckte ihn der Prickel, mitten auf dem Meer einen verbotenen Ausflug zu machen.

Er konnte ihr Gesicht nirgends entdecken, auch sonst nichts, was eben noch in Philipps Blickfeld gewesen war. Was hatte sich verändert? In Sekundenschnelle war Nebel eingefallen. Das mussten die Vorboten Englands sein, dachte er und fühlte sich in dem nieseligen Grau, umgeben von nasskalter Luft, überraschend wohl. Nebel umhüllte die scharfkantige Konstruktion der Fähre, das Weiß des Anstrichs verschwamm mit Luft und Himmel. Nebel verschluckte die kalte Wintersonne und die Möwen, die dicht über ihm schrien. Nebel bedeckte auch das Meer. Ein Mast erhob sich neben ihm, wie sonderbar, da dieses Schiff gar kein Segler war. Eine Windbö brachte Philipp für Momente aus dem Gleichgewicht, er hielt sich an dem Mast fest. Das Rauschen der Wellen, durch die sich die Fähre vorankämpfte, war nah und dabei völlig unsichtbar.

Geisterschiff, dachte Philipp und sah sich mit einem Mal als Kind in sein Knabenzimmer zurückversetzt. Das Zuhause, an das er die liebste Erinnerung hatte, war die Donauvilla, die Außenfestung, wie Philipps Vater sie nannte. Der eigentliche Stammsitz der Korffs lag im Zentrum Wiens, doch Frühling und Sommer hatte die Familie jedes Jahr dort draußen verbracht, zu Füßen des Kahlenbergerdorfes, direkt am Donaustrom.

Auch an der Donau gab es Nebel, und Philipp liebte die Tage, wenn man keinen Steinwurf weit sehen konnte. Dann war es möglich, dass sich in dem wehenden Grau Feen und Zauberer tummelten, Neptun und sein Gefolge tauchten aus den Fluten auf, und der gefürchtete Korsar versteckte seinen sagenumwobenen Schatz unter den Felsen. Philipp roch den algigen Atem der Spielgefährten seiner Fantasie und stellte sich ihre triefenden Gewänder vor. Dort, wo seine geliebte Frau vor Jahren unter einem schlichten Grabstein beerdigt worden war, an der Flusskrümmung unter den Weiden, dort hatte Philipp schon als Kind gesessen und darauf gewartet, dass Meerjungfrauen den Kopf aus dem Wasser erhoben und gemeinsam mit ihren Schwestern einen Tanz aufführten. Meistens war er so lange an der Donau geblieben, bis jemand vom Personal ihn im Nebel fand und zurück ins Haus brachte. Fast immer war es Katrin Hierzer gewesen.

Und in dieser Kindheitserinnerung fand Philipp plötzlich die Verbindung, die ihm zu dem geheimnisvollen Gesicht im Nebel fehlte. Es war Katrins Gesicht, das er gesehen hatte. Als Hausdame der Korffs hatte sie zu Beginn des Jahrhunderts mehrere Jahre bei seiner Familie in Dienst gestanden, Katrin, Philipps erste frivole Liebe, die ihn beim Versuch, sie zu küssen, in seine Schranken gewiesen hatte. Katrin, die sich mit dem Chauffeur der Korffs eingelassen und ein Kind von ihm bekommen hatte. Bald darauf war sie fort aus Wien, in die Wachau gezogen. Philipp hatte Jahre nichts mehr von ihr gehört.

Er selbst war in diesem Sommer vierzig geworden. Katrin musste mindestens zehn Jahre älter sein. Das Gesicht im Nebel konnte also keinesfalls ihr Gesicht sein, umso faszinierender war der Vorfall.

Er zog den Dufflecoat vor der Brust zusammen, seinen Schal hatte er im Abteil gelassen. Als er hochblickte, merkte er, dass aus dem feinen Nieseln Regen geworden war. Es wäre am vernünftigsten gewesen, in den geheizten Zug zurückzukehren, doch Philipp hatte Lust, länger in dem Zauberreich umherzustreifen, das sich seinen Blicken entzog.

Plötzlich erklang ein uriger Schrei, der blökende Ruf eines Wasserwesens – Unsinn, das Signalhorn war es, mit dem die Fähre andere Schiffe im Nebel auf sich aufmerksam machte. Als Philipp ein paar vorsichtige Schritte tat, merkte er, dass noch andere Menschen stumm an der Reling standen, horchten und in das gestaltlose Grau rund um sie starrten, ob nicht vielleicht doch ein winziger Blick aufs Meer zu erhaschen wäre.

Während Philipp hinter den Leuten entlanglief, stieß er plötzlich auf sie. Nicht ihr Gesicht erkannte er wieder, sondern den runden Hut, gegen den er gestoßen war.

„Katrin“, sagte er, reflexhaft, unüberlegt.

Nun, da er ihr gegenüberstand, kam sie ihm jünger vor. Sie hatte das rostbraune Haar zum Zopf geflochten, der ihr lang auf den Rücken fiel. Unter dem Boater tauchten Stirnfransen auf. Die Augen waren hell und die Lippen sehr rot, wodurch er unwillkürlich an das Lied vom Mädchen in der Wachau denken musste, dessen Blick angeblich so himmelblau war wie die Donau.

„Verzeihen Sie, ich habe …“, begann er.

„Herr Korff“, unterbrach ihn die junge Frau.

Vor Überraschung brachte er kein Wort heraus. „Sie … Sie … kennen mich?“, stammelte er schließlich.

Die Frage entlockte ihr ein Lachen. „Praktisch seit meiner Geburt.“

Jetzt erst fiel ihm auf, dass die Frau, obwohl sie einander zwischen Frankreich und England begegneten, Deutsch mit ihm sprach. In den Tagen, seit er aus Wien abgereist war, hatte er vorwiegend Französisch geredet und sich bei Konversationen im Zug bemüht, sein Englisch zu verbessern. Von nun an würde er vielleicht für lange Zeit Englisch sprechen. Aber mit der Frau im Nebel verständigte er sich auf Deutsch. Ein besonderes Deutsch allerdings, sie plauderten Wienerisch miteinander, auch sie kannte die Klänge Wiens. Es war eine Melodie, die sie vom ersten Moment an verband. Nicht jeder schätzte die Wiener Klangfarbe, manchem kam sie quengelig vor, anderen zu süß, aber es war nun einmal Philipps Muttersprache. Er freute sich, mit dieser jungen Frau in seiner Sprache zu musizieren.

„Reisen Sie auch im Salonwagen?“, fragte er, da ihm nichts Besseres einfiel.

„Nein, ich habe eine gewöhnliche Passage. Unten im Schiff sitzen die Leute so dicht gedrängt, da wollte ich lieber an Deck.“

So sonderbar es war, erschien es ihm doch natürlich, dass sie wie vertraute Bekannte miteinander sprachen. „Bitte helfen Sie mir“, sagte er, während jemand vom Schiffspersonal auf die beiden zukam. „Sie haben mich gleich erkannt, aber ich könnte beim besten Willen nicht sagen …“ Um den Uniformierten vorbeizulassen, trat er nahe an die junge Frau heran.

„Belästigt dieser Mann Sie, Miss?“, fragte ein Maat in blauer Jacke mit Rangabzeichen an den Aufschlägen. Er stellte die Frage auf Englisch.

Sie antwortete fließend. „Im Gegenteil, wir sind alte Bekannte.“

„Dann entschuldigen Sie bitte, Sir.“ Der Maat legte die Hand an den Mützenschirm. „Manchmal kommt es vor, dass Herren den dichten Nebel ausnützen, um bei Damen …“

„Schon gut“, nickte Korff.

„Verzeihen Sie nochmals, Sir.“

Philipp wartete, bis der Maat weitergegangen war. „Jetzt haben Sie es selbst gesagt.“ Er schaute in ihre Augen, die ihm so vertraut vorkamen.

„Was denn?“

„Dass wir Bekannte sind. Nun müssen Sie mir weiterhelfen.“ Er trat einen Schritt zurück und verbeugte sich mit Grandezza. „Mein Name ist Philipp Maxim Julius Korff, geboren in Wien, derzeit auf dem Weg nach London. Darf ich fragen, mit wem ich das Vergnügen habe?“

Sie spielte das kleine Spiel mit. „Sie sehen vor sich Fräulein Marianne Hierzer. Mein Heimatort ist Dürnstein an der Donau, und auch mein Ziel ist London.“

„Marianne … Marianne … Marianne?“, wiederholte er, als ob es ein altes Lied sei, zu dem ihm der rechte Text nicht einfiel. „Du bist die Tochter … Du bist Katrins Tochter?“, rief er so laut, dass sich einige Herrschaften an der Reling umdrehten.

„Wer sollte ich sonst sein?“

„Aber wie kann das sein, Marianne?“

„Was denn?“

„Noch nicht lange, da bist du mit Ringellocken im kurzen Kleidchen bei uns in der Villa umhergesprungen. Du hast Unmengen an Kirschkuchen gegessen, damals, als wir alle in der Außenfestung zusammen waren. Weißt du es noch?“

Selbst im Nebel erkannte er, dass ihr Gesicht einen heiteren Glanz bekam.

„Wie könnte ich das vergessen? Es war ein wunderbarer Nachmittag.“

„Aber jetzt bist du … eine junge Frau! Wie lange mag jener Frühlingstag an der Donau her sein, Marianne?“

„Zehn Jahre.“

„Zehn? Nein, das ist undenkbar. Zehn Jahre können es unmöglich sein.“

„Rechnen Sie nach.“

Da ein Platz an der Reling frei wurde, machten sie die paar Schritte dorthin.

„Bei jenem Mittagessen damals hat Ihr Vater über die Wahlen gesprochen. Ich habe nicht viel davon verstanden. Vor allem habe ich mich auf den Kirschkuchen gefreut, den Mama gebacken hatte.“

„Die Wahlen? Vor zehn Jahren?“ Philipp überlegte. „Das kann nur die deutsche Reichstagswahl gewesen sein.“

„Ich glaube, so war es.“

„Hitlers Partei hatte so wenige Stimmen bekommen, dass wir sicher waren, die NSDAP würde sich bald von selbst auflösen.“

Marianne nickte. „Ihre Mutter wurde bei dem Thema ungewöhnlich zornig und hat bestimmt, dass darüber nicht mehr gesprochen werden darf.“

„Jetzt weiß ich es wieder.“ Versonnen nahm er die Mütze ab. „Mama war damals … Sie war noch gesund. Zumindest glaubten wir das.“

„Es tut mir sehr leid, Herr Korff“, antwortete Marianne leise. „Ich habe es erst später von meiner Mutter erfahren.“

Er hob das Gesicht in den Regen. „Es ging unglaublich schnell. Wir waren alle nicht darauf vorbereitet. Vor allem mein Vater.“

Das Schiff hob und senkte sich, die Wellen zischten, der Nebel blieb unverändert dicht.

„Dieser Nachmittag an der Donau“, sinnierte er. „Alle sind damals noch einmal zusammengekommen.“

„Sie und Ihre Frau …“ Marianne unterbrach sich. „Aber damals war Frau Alexandra ja noch gar nicht Ihre Frau.“

„Stimmt.“ Philipp lächelte. „Mein Gott, so viel ist in zehn Jahren geschehen. Und heute steht Hitler kurz vor dem Ziel.“ Er schaute ins graue Nichts. „Der kleine Österreicher holt sich Österreich als Beute.“

„Meine Mutter hat erzählt, dass die Korff-Werke nach Großbritannien expandieren sollen.“

„Expandieren?“ Er fuhr sich über die nasse Stirn. „Das ist zumindest die offizielle Sprachregelung.“

„Ist es denn nicht so?“ Sie verschränkte die Arme vor dem dünnen Mantel.

„Meine Mutter war Jüdin, Marianne. Auch meine Frau ist Jüdin. Die Korff-Werke werden von einer jüdischen Bank finanziert.“ Er lehnte beide Arme auf das Holz. „Es sind keine guten Zeiten für unser Unternehmen.“

„Aber Ihr Vater hat doch …“ Sie unterbrach sich, suchte nach den rechten Worten.

Überrascht sah er sie an. „Hat sich das bis nach Dürnstein herumgesprochen? Mein verehrter Papa hat Hitler damals unterstützt. Zu einer Zeit, als noch niemand wissen konnte … Vielleicht hätten wir es wissen müssen.“ Er atmete tief durch. „Damals hat der Mann mit dem Schnäuzer seine Reden noch in Bierzelten gehalten und nicht auf Reichsparteitagen.“

„Ich habe Ihren Vater immer gemocht“, sagte Marianne, als ob sie Maxim Korff gegen seinen Sohn verteidigen müsste.

Seine Miene wurde weicher. „Ich sehe euch beide noch, dich und Maxim, wie ihr zusammen zum Donaustrand gelaufen seid.“

„Ich wollte Murmeln spielen, aber Herr Korff sagte: Wir finden etwas Besseres als Murmeln. Was denn?, habe ich gefragt. Da zeigte er mir die Donaukiesel. Wir gingen ans Ufer, um bunte Kiesel zu sammeln.“

Wie gern er diese weichen, lieben Töne hörte, wenn sie von früher erzählte, von einem Gestern, das einer versunkenen Welt anzugehören schien.

„Ihr Vater ging damals schon am Stock“, fuhr sie fort. „Unser Spaziergang fiel ihm schwer. Er ist gestrauchelt, ich habe ihn gestützt. Herr Korff zeigte mir eine Stelle an der Flussbiegung, wo die alten Weiden stehen.“

Tränen traten in Philipps Augen, es störte ihn nicht, dass sie es bemerkte. „Zu Scarlett“, flüsterte er. „Ihr habt meine Scarlett besucht. Vater und ich sind oft an diese Stelle gegangen, um mit ihr zu sprechen. Scarlett wollte an der Donau beerdigt werden, die ihr so viel bedeutet hat. Wir haben ihren Wunsch erfüllt. Später erfüllten wir auch den Wunsch ihrer New Yorker Familie und haben meine Frau nach Amerika überführen lassen.“

„Das wusste ich damals nicht“, antwortete sie. „Ich war nur verzaubert von dem Anblick. Der Fluss verwandelte sich im Licht der sinkenden Sonne, das Wasser wurde violett. Die Wellen haben sich gekräuselt und geglitzert. Das war unsagbar schön.“

„Ja, die Donau ist … unsere Heimat“, sagte Philipp. „Komm mit. Hier ist es kalt und ungemütlich. Warum setzt du dich nicht zu mir in den Wagen?“

„Das darf ich nicht“, entgegnete sie plötzlich ein wenig scheu. „Ich habe für den Salonwagen kein Billett.“

„Um mich vor unerwünschten Reisebekanntschaften zu schützen, habe gleich ich das ganze Abteil gebucht. Drei Plätze stehen also leer. Wer sollte mich daran hindern, eine alte Freundin in mein Abteil einzuladen?“ Er zeigte auf die erleuchteten Fenster des Zuges. Hoch über ihnen ertönte das Schiffshorn.


2
Das Savoy

„Wenn ich es dir doch sage, es war Marianne. Unglaublich, nicht wahr?“ Philipps Blick ging über die Themse. Die kahlen Bäume am Ufer ließen den Fluss breiter erscheinen, mächtiger, als man ihn während der warmen Jahreszeit kannte.

„Von all den Menschen, die zurzeit dem langen Arm des Führers entfliehen, treffe ich ausgerechnet Katrins Tochter. Was für ein unglaublicher Zufall.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein, sie ist nicht auf der Flucht. Sie hat eine Anstellung in England gefunden, eine gute sogar.“ Den Telefonapparat in der Hand ging Philipp auf und ab. „Das wusstest du schon? Hast du inzwischen Kontakt mit Katrin aufgenommen? Ich habe seit Jahren nichts von ihr gehört.“

Sein Blick fiel auf die frischen Blumen in der Vase. Es war eine lästige Angewohnheit des Hauses, die Schnittblumen jeden Tag zu wechseln. Gestern hatten dort Gladiolen gestanden, heute waren es Chrysanthemen, aus dem Glashaus natürlich, wo sollten im Februar Chrysanthemen blühen? Sie würden sich gewiss noch eine Woche halten. Philipp nahm sich vor, dem Chefbutler zu sagen, dass man die Blumen länger in den Vasen lassen sollte. Im Übrigen war die Erkersuite mit Blick auf den Fluss eine der romantischsten im Savoy.

Weshalb ging ihm dieses Wort durch den Sinn – Romantik? Was bedeutete einem vierzigjährigen, verheirateten Industriellen, der vorhatte, Teile seines Unternehmens nach England zu transferieren, etwas so Undefinierbares wie Romantik?

Da Philipps Vater Maxim Korff die von ihm gegründeten Korff-Werke mit sicherer Hand durch alle wirtschaftlichen und politischen Wirrnisse gesteuert hatte, war Philipp lange der Illusion erlegen, Maxims Führung würde von immerwährender Dauer sein. Philipp hatte sich als ungeeignet für das Geschäftsleben empfunden und wollte lieber den Weg seines Onkels Ludwig, des Künstlers, einschlagen. Schneller als erwartet musste Philipp in die Fußstapfen seines Vaters treten. Maxims Erkrankung machte es notwendig.

Mittlerweile führte Philipp die Korff-Werke bereits seit einem Jahrzehnt, doch seine Seele war davon unberührt geblieben. Er sehnte sich nach den romantischen Gefilden des Lebens, während seine Wirklichkeit vorwiegend durch Vernunft gekennzeichnet war. Er traf vernünftige finanzielle Entscheidungen und hatte aus Vernunftgründen seine Cousine Alexandra geheiratet, Vorsitzende des Bankhauses Hahn, durch das die Korff-Werke von Anfang an finanziert worden waren. Eine Geldehe, hieß es, und Philipp widersprach dieser Bezeichnung nicht. Dass er vor vielen Jahren einmal unsterblich in Alexandra verliebt gewesen war, dass sie beide sogar durchbrannten, um ihre Liebe gegen den Willen der Familie durchzusetzen, kam ihm wie eine Erinnerung aus einem anderen Leben vor.

Philipp hatte Alexandra in Wien zurückgelassen, war nach London gereist und im Savoy abgestiegen. Das mit rotem Brokat bezogene Sofa stammte aus der Belle Époque, das Himmelbett nebenan repräsentierte das viktorianische Zeitalter. Ansonsten kannte er das Savoy als modernes Hotel, das man in den klaren Linien der Zwanzigerjahre gestaltet hatte. In der Lobby glänzte poliertes Messing, schimmerte geätztes Glas, die Täfelung war aus hellem Mahagoni, die Säulen marmorverkleidet. Über der Treppe zog sich ein Fries mit jugendlichen Gottheiten entlang. Philipp bemerkte solche Details, während viele der wohlhabenden Gäste achtlos daran vorbeischlenderten. Er nahm sich vor, dem Hausdiener sagen, dass die Chrysanthemen morgen nicht ausgetauscht werden sollten.

„Hallo, Pipp? Bist du noch da?“, kam es vom anderen Ende.

„Ja, ich bin hier.“ Er drehte sich um. „Ich habe mich gerade über die Blumen geärgert.“

„Wie kann man sich über Blumen ärgern?“

„Ich kann mich so ziemlich über alles ärgern, wie du weißt. Wie geht es dir, Xandi? Wie geht es zu Hause?“

„Das Palais ist schrecklich leer. Ich weiß wirklich nicht, was wir hier noch sollen. Ich habe keine Lust mehr, als Schlossgespenst durch die Räume zu geistern.“

„Solange Maxim lebt …“ Im selben Augenblick wusste er, dass dies die falsche Antwort war.

„Die Welt steht kopf“, unterbrach sie ihn. „Alles läuft aus dem Ruder. Die Wahnsinnigen kommen an die Macht, und die Vernünftigen gehen unter. Trotzdem willst du in der Welt von gestern verharren, solange dein vergötterter Vater noch am Leben ist. Wenn wir Kinder hätten“, fuhr sie fort, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen. „Wenn sich die Familie durch uns fortpflanzen würde, könnte man das riesige Haus behalten. Aber nur für uns zwei und die wenigen Angestellten muss es nicht dieses Palais hinter dem Stephansdom sein.“

„Das Haus ist seit Generationen in meiner Familie.“

„Dann wird es in kommenden Generationen eben einer anderen Familie gehören. Wir sind zu zweit, Pipp, und so wie ich unsere Ehe einschätze, werden wir es auch bleiben. Wir haben den Ruf des Lebens verpasst, du und ich, wir werden uns nicht fortsetzen. Darum will ich nicht länger in diesem Geisterhaus leben, wo man im Winter erfriert und im Sommer an Gefühlskälte eingeht. Gewiss wendest du jetzt ein, dass im dritten Stock auch noch dein Vater wohnt. Aber das tut er nicht.“

„Wie meinst du das, er tut es nicht? Ist ihm etwas passiert?“

„Dein Vater, der große Maxim Korff, ist nicht mehr von dieser Welt, Pipp. Sein Herz schlägt, er atmet, manchmal isst er sogar etwas, aber im Grunde ist er nur noch unter uns, weil Gattinger ihn am Leben erhält. Sein alter Chauffeur, selbst bereits ein Greis, lässt nicht zu, dass sein geliebter Herr das Zeitliche segnet. Nur aus diesem Grund weigerst du dich, das Palais aufzugeben und in eine moderne, praktische Wohnung zu ziehen.“

„Eine Wohnung?“, wiederholte Philipp ungläubig. „Du willst in einer Wohnung leben?“

„Ein Großteil der Menschen lebt mittlerweile so. Drei Räume, eine Küche und ein modernes Bad, mehr braucht man nicht.“ Alexandra seufzte schwärmerisch. „Ach, ich wünsche mir die Annehmlichkeiten eines modernen Badezimmers.“

„Was hast du an unseren Bädern auszusetzen?“

„Sie stammen aus der Kaiserzeit!“

„Das bedeutet, dass sich der Kaiser genauso gewaschen hat wie wir.“

„Der alte Kaiser ist seit zwanzig Jahren tot, Pipp. Du bist ein moderner Geschäftsmann, deine Firma stellt moderne Akkumulatoren her. Weshalb muss bei uns zu Hause jedes Mal erst der Badeofen geheizt werden, wenn ich warmes Wasser möchte?“

Er wollte beschwichtigen, wollte zu einem normalen, lauwarmen Gesprächston zurückfinden. Doch Philipp kannte seine Frau. Wenn sie über etwas erst einmal in Rage geriet, war sie so schnell nicht zu beruhigen. Die einzige Möglichkeit, das Telefonat freundschaftlich zu beenden, war, das Thema zu wechseln.

„Was hast du denn heute noch vor?“, fragte er.

Eine winzige Pause. „Ich muss gleich in die Bank, danach setze ich mich ins Automobil.“

„Du verreist?“

„Eine Spritztour. Ich muss mal wieder raus aus der Stadt.“

„In den Wienerwald?“, fragte er, obwohl er Alexandras Ziel genau kannte.

„Nein, ich wollte …“

„In die Wachau? Willst du Katrin besuchen?“ Er ärgerte Alexandra absichtlich und wusste, dass sie wusste, dass er sie ärgerte.

„Nein, Pipp. Ich fahre auf den Semmering.“

„Ach ja?“, erwiderte er so unbeteiligt wie möglich.

„Ich muss nach der Baustelle sehen.“

„Wie weit sind die denn da oben?“

„Nicht weit genug. Die Zimmerleute reden sich darauf hinaus, dass die Maurer im Verzug sind. Die Maurer sagen, sie können mit dem Innenarbeiten nicht beginnen, solange das Dach nicht fertig ist.“

„Was willst du dagegen tun?“

„Ich werde unangekündigt dort auftauchen und der Firma Großschädl ein Ultimatum setzen. Dieser steirische Schlendrian muss ein Ende haben.“

„Und du glaubst, das hilft?“

„Spätestens im April muss alles fertig sein.“

„Was ist im April?“, fragte er lauernd.

„Frühling natürlich. Ich möchte, dass man im Frühling einziehen kann.“

Philipp kannte die Person, die im Frühling auf dem Semmering in das neu gebaute Haus einziehen sollte. Er hätte Alexandra verbieten können, diese Person zu treffen. Aber Philipp schwieg, wie er seit Jahren geschwiegen hatte. Alexandra lebte ihr Geheimnis auf so reizend harmlose Weise, dass es keinen Sinn hatte, die ehelichen Wogen deswegen aufzupeitschen. Im Herzen hatte Philipp nichts gegen Alexandras Geheimnis, weil es ein romantisches Geheimnis war. Ein Rest gekränkten Stolzes glomm in ihm, korffsche Männlichkeit, die Alexandras Doppelleben nicht wahrhaben wollte. Sein Vater hätte diesen Fall anders gehandhabt, und Philipp wusste, dass er viel von seinem Vater in sich hatte. Doch die Zeiten änderten sich. Mann und Frau waren nicht mehr das, was sie jahrhundertelang gewesen waren.

„Hoffentlich bleibt dir noch genügend Zeit, dieses Haus zu bewohnen“, sagte er schließlich.

„Wie meinst du das?“

„Es ist nicht ausgeschlossen, dass jemand anderes das Haus Österreich schon davor beziehen wird. Und ich fürchte, er kommt nicht als Untermieter. Er wird das ganze Haus für sich haben wollen.“

„Hast du etwas Neues gehört? Mobilisiert Hitler die Wehrmacht?“

„Um das zu verhindern, hat Schuschnigg ihn auf dem Berghof besucht.“

„Das war im Februar, und Schuschnigg hat Hitlers Forderungen unterschrieben.“

„Aber seitdem streiken die Roten. Auch bei uns im Betrieb haben sie die Arbeit niedergelegt. Sie wollen Schuschnigg zwingen, eine Volksabstimmung abzuhalten. Das wird Hitler nie zulassen. Aber ich sitze hier in London, fernab von Wien. Du müsstest besser wissen, wie die Zeichen stehen.“

„Von wegen.“ Alexandra machte sich mit einem Seufzer Luft. „Meine alten Herren im Bankvorstand betreiben wie eh und je ihre Vogelstraußpolitik und wollen nicht wahrhaben, was sich da draußen abspielt. Viel Erfolg in London, Pipp“, fuhr sie übergangslos fort. „Wann triffst du D’Ascoyne?“

„Erst übermorgen. Er hat den Termin verschoben. Also genieße ich solange den feuchten englischen Winter.“

„Beneidenswert“, spottete sie.

„Ich dagegen beneide dich nicht.“

„Wieso?“

„Bei dem Wetter auf den Semmering zu fahren – ich hoffe, du hast Schneeketten dabei.“

„Gattinger hat sie eingepackt.“

„Dann fehlt dir nur noch ein flotter Bergführer.“ Er hätte das nicht sagen sollen, er wollte es nicht sagen, aber ein betrogener Ehemann blieb nun einmal ein betrogener Ehemann. In Momenten wie diesen, wenn Alexandra aufbrach, um ihr Liebesnest fertigzustellen, wünschte sich Philipp, dass zwischen ihnen noch nicht alles vorbei war. Er hoffte, dass sich eine neue Zukunft für Alexandra und ihn auftun möge. Doch allein die Tatsache, dass ihn zwei Tagesreisen von seiner Frau trennten, sprach für sich.

Philipp legte auf. „Tausend Meilen“, sagte er mit Blick auf die Chrysanthemen.

Michael Wallner

Über Michael Wallner

Biografie

Michael Wallner spielte nach seiner Ausbildung am Wiener Max Reinhardt-Seminar am Burgtheater und am Berliner Schillertheater. 1982 erhielt er den Schauspielerpreis beim Norddeutschen Theatertreffen. Seit 1987 arbeitet er als freischaffender Theater- und Opernregisseur und inszenierte unter anderem...

Kommentare zum Buch
Gute Erfahrung mit der Patientenverfügung
Barbara Schwarz am 13.01.2017

Mein Mann und ich haben 2014 beide eine mit ärztlicher Aufklärung verfasste Patientenverfügung und eine Vorsorgevollmacht beim Notar erstellt. Mein Mann war mehrfach chronisch schwer krank. Es ging ihm immer schlechter - sein Leben bestand durchgehend aus Schmerzen im ganzen Körper. Ab März 2016 äußerte er immer wieder, er könne und wolle nicht mehr, er wolle "weg von der Welt", hatte keinen Lebenswillen mehr - ich konnte ihn auch nicht kurze Zeit mehr allein lassen, und ich hatte schon Hilfe für mich punkto Pflege angefangen zu organisieren. Oktober 2016 Sturz, 2. Hüfte gebrochen, und eine schwere Lungenentzündung führten innerhalb von viereinhalb Tagen zum Tod. Man hat ihn nicht gequält, die Patientenverfügung wurde akzeptiert, und er bekam lediglich ein Antobiotikum, das nicht mehr griff, und eine Sauerstoffmaske. Unsere Familie konnte ihn im Sterbeprozess begleiten, und ich war am letzten Tag rund um die Uhr bei ihm. Ich betrachte die Patientenverfügung als Segen. 1992 und 1999 starben beide Eltern im Krankenhaus - damals war von Patientenverfügung hier noch wenig bekannt - aber wir hatten in der Familie besprochen, wie meine Eltern sterben wollten - nämlich ohne künstliche Lebensverlängerung, wenn das Dasein mit schweren Krankheiten für die Patienten nicht mehr lebenswert ist. Ich habe beide Eltern begleitet und bei den Ärzten für Absetzen der Medikamente plädiert - und sie fanden das auch legitim und richtig. Wichtig ist, dass der moribunde Patient einen Vertreter hat, der dessen Wünsche bezüglich des Sterbens für ihn vertritt und durchsetzt. 

Veranstaltung mit Dr. Thöns in der Urania Berlin am 24.01.2017 18 Uhr
Frank Spade am 11.01.2017

Da sie hier fehlt, möcht ich auf diese Veranstaltung hinweisen: www.urania.de/das-geschaeft-mit-dem-lebensende-patient-ohne-verfuegung

Therapie ohne Ziel
Antje May am 28.09.2016

Endlich! Ein erfahrener, glaubwürdiger Palliativarzt benennt Fakten und Tatsachen aus dem Alltag der Intensivmedizin. Dort wo im Schichtdienst die Menschlichkeit mit Füßen getreten wird, wenn man dem Tod nicht ins Gesicht blicken mag. Dort, wo mit Hoffnungen auf Genesung, sämtliche Maßnahmen ergriffen werden, um dem Menschen augenscheinlich zu helfen. Im Zweifel für das Leben, selbst wenn Leid in grausamster Weise verlängert wird. Auch ich habe dies erfahren müssen und ein Buch darüber verfasst. "Mascha Du darfst sterben"der Titel. Vielen Dank Herr Thöns, für Ihren Einsatz und Mut! Jeder von uns wünscht sich einen menschenwürdigen Tod. Meine Erfahrungen haben Sie in Ihrem Buch bestätigt. 

Patient ohne Verfügung
Barbara Wenzlau am 13.09.2016

Großartig! Bin fast 76 und mich bewegt das Thema sehr! Habe meine Mutter auf ihrem letzten Weg begleitet. Drei Wochen vor ihrem Tod holte ich sie nach Hause. Morgens kam eine Pflegerin sie zu waschen anzuziehen und die Medikamente einzuteilen - die wir - meine Mutti und ich - gemeinsam in den Mülleimer warfen. Wozu braucht man im Sterbeprozess noch Tabletten - frage ich Sie? Was soll in dieser Situation helfen ... und den Sterbevorgang verlängern ist keine Hilfe! Als es dann soweit war, setzte ich mich an ihr Bett und betete laut - fügte an, dass sie es gut hat jetzt alle lieben Verstorbenen der Familie wiederzusehen und ich zählte sie alle auf. Deinen Mann, deinen Sohn, Bruder, Schwester und und und - das Loslassen muss angenehm für sie gewesen sein ... ich konnte es spüren. Zwei Nächte durfte sie noch in ihrer gewohnten Umgebung verweilen - es war Wochenende und für alle Beteiligten vollkommen okay. Diese Tatsache erleichtert die Trauerarbeit um ein vielfaches ... 

Eine Verfügung allein reicht nicht
Frank Spade am 09.08.2016

Eine Patientenverfügung zu haben kann einen in Sicherheit wiegen, aber viele Verfügungen greifen erst, wenn es schon zu spät ist. Allen voran die sog. christliche Patientenvorsorge, die erst zur Anwendung kommt, wenn der unmittelbare Sterbeprozeß oder das Endstadium einer unheilbaren, tödlich verlaufenden Krankheit erreicht ist. Weder Demenz, noch schwere Hirnschädigung sind damit abgedeckt, wie es 2004 vom BMJ unter Mitwirkung der Kirchen mal festgelegt worden war.   Das 2009 verabschiedete sog. Patientenverfügungsgesetz sieht dagegen vor, dass Festlegungen unabhängig von Art und Stadium einer Erkrankung zu respektieren sind. 2010 haben die Kirchen ihre eingeschränkte Patientenvorsorge veröffentlicht, die Caritas und Diakonie viele Kunden sichert. Aber auch die von vielen Anbietern genutzten Vorgaben des BMJ schränkt den Willen vieler Menschen stark ein, ohne dass dies offensichtlich sein muss.   Weitergehende Verfügungen bietet die Bundeszentralstelle Patientenverfügung an, die vor der Erstellung der Dokumente zudem kostenlos berät.   Doch mit der Verfügung allein ist es nicht getan. Es braucht auch Vertrauenspersonen, die deren Inhalt zur Kenntnis und Geltung bringen. Diese müssen mit entsprechenden Vollmachten ausgestattet sein. Wer das nicht hat, läuft Gefahr, dass die Vollmacht nicht bekannt wird und ein Amtsbetreuer bestellt wird, der den eigenen Willen nicht kennt.   Wenn es keine geeigneten Bevollmächtigten gibt, kann vorsorglich mit einem Betreuungsverein alles Wichtige abgesprochen werden. Dieser hat die Verfügung dann vorliegen und wird einem bei Bedarf einen ehrenamtlichen Betreuer zur Seite stellen. 

Höchste Zeit
Frank Spade am 06.08.2016

Dieses Buch wird dringend benötigt, um aufzuzeigen, dass wir unter einer flächendeckenden, ökonomisch motivierten Überversorgung leiden (Borasio). Wer daran verdient, sind neben Kliniken, die Pflegeeinrichtungen, z. B. von Diakonie und Caritas. Auch deshalb dürften die Kirchen sich für die Einführung des § 217 StGB stark gemacht haben. Wer keine Verfügung hat, kann sich bei der Erstellung der Dokumente von der Bundeszentralstelle Patientenverfügung des HVD undogmatisch helfen lassen und wird dazu sogar kostenlos beraten.

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